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To All the Silbershampoos I've Loved Before – ein Abschiedsbrief

Autor*in

Lia Haubner

Iloveyoumagazine Magazine Beauty Silbershampoo Goodbye

Gott ist tot, denke ich und meine damit nicht Gwyneth Paltrows Image, sondern die unausweichliche Diesseitigkeit des Daseins, die ich spüre, während ich mein Silbershampoo in eine Schublade lege und sie schließe. Für immer.

Die Suche nach Sinn ist schon da, wenn der Wecker klingelt. Sie begleitet uns diskret durch die Wohnungstür nach draußen, auf dem Weg zur Arbeit und in den Supermarkt.

Dort stehen wir jetzt also und fragen uns, wie viele Tomaten reichen, ob eigentlich das Shampoo leer war und auf einmal auch, ob der Traum, den man verfolgt, überhaupt der Richtige ist. Wollte man die Person werden, die ihren Tag bis zum Tomaten zählen so verbracht hat wie er nun mal abgelaufen ist?

Keine Ahnung, denke ich und konzentriere mich stattdessen auf den Themenkomplex Shampoo. In den letzten acht Jahren habe ich jede Menge Geld und Zeit investiert, um aus meiner hellbraunen Naturhaarfarbe einen kühlen weißblonden Ton zu machen. Seine Vergänglichkeit ist unausweichlich, wäre da nicht mein Silbershampoo als Insignie der Macht über genau diesen Umstand. Es entfernt den Gelbstich und macht den Ton haltbarer als er eigentlich ist. So zumindest die Theorie.

Tatsächlich erreicht die Suche nach einem Shampoo, das genau diesen Anspruch erfüllt, eine ähnliche Komplexitätsstufe wie die Sinnsuche an sich: man probiert, man hofft, man scheitert. Meistens ist der Effekt kaum sichtbar. Und dann fängt man doch wieder von vorne an.

Der entscheidende Unterschied offenbarte sich mir in der Nacht vom 9. auf den 10. September 2018: in einem Thread auf Reddit, selbsternannte „Frontpage des Internets“ in der Anmutung eines Forums. Dort wurde Fanola No Yellow empfohlen. Es ist das beste und möglicherweise einzige Silbershampoo, das wirklich funktioniert. To all the Silbershampoos I loved before: Es ist nicht eine Antwort auf alle Bedürfnisse, sondern die Antwort. Der Fund als Katharsis, buchstäblich reinigender Moment, der mit jedem Haarewaschen wiederholt wird.

Iloveyoumagazine Magazine Beauty Silbershampoo Goodbye Fanola No Yellow Shampoo2

Dieser Zustand hielt knapp ein Jahr.

Die unausweichliche Diesseitigkeit des Daseins manifestiert sich heute in Form einer brüchigen Haarstruktur, die mir begegnet, wenn ich in den Spiegel blicke.

Das sei eine Folge der im Shampoo enthaltenen Sulfate, erklärt der Experte meines Vertrauens knapp, bei dem ich mich zur Haarberatung einfinde. Dabei handelt es sich um Tenside, die gerne dafür verwendet werden, um die Haare quietschsauber zu machen. Fallen sie nicht mild aus, sondern aggressiv – laut CodeCheck zum Beispiel Ammonium Lauryl Sulfate, Sodium Laureth Sulfate, Sodium Lauryl Sulfate und Sodium Myreth Sulfate – kann das Haar extrem trocken werden. Ist es sowieso schon schon angegriffen und generell eher fein, steigt das Spliss- und Bruchrisiko rapide an.

Deshalb beschließe ich feierlich, mir einen Detox von dem Holy Grail unter den Silbershampoos zu verordnen. Mit der Schublade, in der es verschwindet, schließe ich außerdem die Tür zu meiner wöchentlichen Katharsis. Man probiert, man hofft, man scheitert. An all den Silbershampoos I loved before, aber vor allem an der Hoffnung, Komplexität mit einer einfachen Antwort zu entwirren.

„Wenn der Ton gut gemacht ist, brauchst du ja auch keins“, meint der Experte noch und die unausweichliche Diesseitigkeit des Daseins fühlt sich mit einem Mal gar nicht mehr düster an.

Ich nicke hoffnungsvoll.

Wahrscheinlich ist er einfach ein großartiger Verkäufer, denke ich, die nächste Portion Holyness in Form einer einfachen Antwort bereits vor Augen. Ich bin fast da. Und wenn das kein erfüllender Gedanke ist, was dann?