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Frisst Social Media unsere Seele auf? Und können wir sie retten, wenn wir unsere Profile löschen?

Autor*in

Saskia Gerhard

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Freund*innen schwärmen davon, Kolleg*innen prahlen damit: Sie haben ihre Social-Media-Accounts gelöscht und seitdem geht es ihnen viel besser. Was Abstinenz von Facebook, Twitter und Instagram mit unserer Psyche macht.

Anderen nichts mehr beweisen müssen. Das Leben nicht mehr so formen, dass es online gut aussieht. Sich nicht mehr wie ein Versager fühlen. Frei sein: Diese Antworten geben junge Menschen, wenn sie gefragt werden, warum sie sich von sozialen Netzwerken abmelden. Der Guardian hat vor ein paar Jahren junge Leser zu dem Thema befragt. Davor waren Berichte aufgekommen, wonach mehr und mehr Teenager bis Mittzwanziger*innen ihre Instagram- und Twitter-Accounts löschten und nur noch Messenger nutzten. Viele von ihnen waren es wohl leid, Likes nachzulaufen, sich mit anderen zu vergleichen, massenhaft Zeit auf den Plattformen zu verbringen.

Ein Satz, der immer wieder fiel: Seit sie sich von Instagram, Twitter oder Facebook losgesagt haben, geht es ihnen besser, vor allem psychisch.

Die Diskussion um die psychischen Folgen der Social-Media-Nutzung ist inzwischen so große, dass auch Forscher*innen auf das Thema aufgesprungen sind. In den vergangenen Jahren sind einige Studien erschienen, die sich mit der psychischen Gesundheit der Nutzer*innen sozialer Netzwerke befassen.

Im Fokus stehen Fragen wie: Macht Social Media krank? Und kann Abstinenz heilen? Sollen wir unsere Accounts löschen?

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Die Effekte, die das Löschen haben soll, klingen reizvoll. Positiver kann unsere Grundstimmung ja eigentlich immer werden. Und wenn es dafür nur einen kleinen Klick auf den Abmelden-Button braucht, wieso nicht? Psychische Reinigung war offenbar noch nie so einfach.

Um zu erforschen, was das wirklich bringt, müssen wir uns dem Thema von der unangenehmen Seite nähern. Ob durch Abmelden alles besser wird, lässt sich nicht beantworten – was durch Online-bleiben schlimmer werden kann, schon eher.

Dass die Nutzung sozialer Netzwerke krank macht, ist nicht direkt nachgewiesen. Es gibt keine Untersuchungen, die zeigen, dass ein gesunder Mensch psychische Probleme bekommen hat, weil er oder sie sich bei Facebook oder Instagram registriert hat.

Wer allerdings psychisch instabil ist, dem könnte viel Zeit in sozialen Netzwerken nicht gut tun. 2013 haben Forscher*innen aus Berlin und Darmstadt in einer Studie mit 600 Facebook-Nutzern zum Beispiel etwas nachgewiesen, dass sie „Neidspirale“ nennen.

Sie fragten ihre Teilnehmer*innen während und nach der Facebook-Nutzung, wie sie sich fühlten. Mehr als ein Drittel drückte negative Gefühle aus, wie Frustration oder Neid. Besonders wer selbst wenig aktiv ist in den Netzwerken und vor allem passiv den Beiträgen der Freunde folgt, kann so fühlen.

Einige reagieren, indem selbst Updates oder Fotos posten. Entweder um mitzuhalten oder um es den anderen heimzuzahlen, die dann wiederum auch Neid empfinden. Und so setzt sich die Neidspirale in Gang.

Dahinter steckt ein altes Verhalten: Menschen haben einen Hang zum sozialen Vergleich, also zu schauen: Was machen die anderen? Warum geht es denen besser als mir?

In sozialen Netzwerken prasseln die Leben der anderen in so einer Intensität auf uns ein, dass dies unser Selbstbewusstsein und unser Verhalten nachhaltig beeinflussen kann.

Beispielsweise die Körperwahrnehmung mancher Menschen kann dies krankhaft verändern. Eine Studie aus 2017 hat eine Verbindung hergestellt zwischen Instagram-Nutzung und Orthorexia Nervosa. Die Essstörung wurde 1997 von dem amerikanischen Arzt Steven Bratman benannt. Sie steht für ein Krankheitsbild, durch das sich die Betroffenen übermäßig mit der Qualität der Lebensmittel beschäftigen, die sie zu sich nehmen – häufig in der Hoffnung, Krankheiten zu heilen oder sich von innen heraus zu reinigen.

Wer darunter leidet, erlegt sich selbst etliche Regeln auf, die psychische und körperliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen können. Die Autor*innen der Studie stellten fest, dass Instagram-Nutzer*innen tendenziell häufiger an der Störung erkrankten, wenn sie Health Food Blogs folgten. Je intensiver sie zudem Instagram nutzten, desto stärker waren die Symptome ausgeprägt.

Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen sogar bereit sind, sich unters Messer zu legen, um besser auszusehen – für Instagram und Facebook.

Viele Nutzer*innen spüren zumindest selbst, dass ihnen die Nutzung bestimmter Netzwerke schlechter tut. Eine Umfrage unter 1500 jungen Brit*innen zwischen 14 und 24 Jahren hat ergeben, dass viele der Befragten besonders Instagram und Snapchat als weniger gut für die psychische Gesundheit bewerten (Facebook liegt demnach irgendwo in der Mitte, Youtube schneidet am besten ab).

Faktoren, die abgefragt wurden, waren beispielsweise Bewusstsein und Verständnis für die Gesundheit anderer Menschen, emotionale Unterstützung durch Freunde, Selbstentfaltung oder das Gefühl, einer Community anzugehören. Interessant ist, dass damit ausgerechnet die beiden am stärksten auf Bilder fokussierten Netzwerke schlecht abschneiden.

Angesichts dieser Erkenntnisse fällt die Entscheidung möglicherweise leichter, einfach alle Profile zu löschen. Das muss aber nicht unbedingt der einzige Weg sein. Soziale Netzwerke mögen viele unangenehme Auswirkungen haben, doch sie haben auch viele Vorteile: Manche können aus beruflichen Gründen gar nicht darauf verzichten, für andere sind sie ein einfacher und schneller Weg mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben – und selbst wer psychische Probleme hat, kann auf den Plattformen auch Hilfe und Unterstützung finden.

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Wenn die vollständige Abstinenz sowieso keine Option ist, hilft es möglicherweise schon, weniger Zeit auf den Plattformen zu verbringen oder mal Urlaub zu machen an einem Ort mit schlechtem Handyempfang.

Wer kann und möchte, kann natürlich ausprobieren, wie es sich anfühlt, alles zu löschen. Aber besser keine Wunder erwarten. Abmelden kann weder psychische Erkrankungen heilen noch andere schwerwiegende Probleme lösen. Wer damit zu kämpfen hat, sollte sich woanders Hilfe suchen.

Die entscheidende Frage ist: Was macht meine Social-Media-Nutzung mit mir? Finde ich den Umfang meiner Social-Media-Nutzung okay und geht es mir gut damit? Falls ja, muss ich im Grunde auch nichts ändern.

Gehe ich stattdessen mit einem schlechten Gefühl schlafen, weil ich kurz vorher noch meine sozialen Netzwerke durchschaue? Abends das Handy weglegen hilft. Eine Studie hat gezeigt, dass die besser schlafen, die Social Media durch entspannende Atemübungen vor dem Schlafen ersetzen. Abgesehen davon hält der grelle Bildschirm unser Gehirn ohnehin länger wach und hilft nicht gerade beim Einschlafen.

Oder fühle ich mich schlecht, wenn ich durch meinen Instagram-Feed scrolle? Vielleicht wäre es Zeit, die Seiten auszumisten, denen ich folge. Es gibt viele Accounts, die auf Self-Empowerment setzen.

Die Natürlichkeit zeigen, statt Fotos, die perfekter sind als die Realität je sein kann. Wem ich folge, entscheide ich schließlich selbst.

Artwork: Dominik Gauly