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Snapchat-Dysmorphia: Warum sich Menschen von der plastischen Chirurgie wünschen, wie ihr gefiltertes Selfie auszusehen

Autor*in

Saskia Gerhard

Plastische Chirurgen stehen vor einer neuen Herausforderung: Menschen, vor allem junge Frauen, kommen in die Praxen, zeigen ihre gefilterten Selfies und wollen genau so aussehen. Das Problem ist groß genug, dass die Medizin sogar schon einen Begriff dafür gefunden hat: Snapchat-Dysmorphia.

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Die Augen größer, die Nase stupsiger, die Lippen voller – wer sich auf Instagram oder Snapchat rumtreibt, kennt wahrscheinlich die Filter, mit denen man das eigene Selfie näher an aktuelle Beautystandards heranmorphen lässt. Ein Klick reicht und schon zeigt einem der Bildschirm alles, was man nicht hat – von porzellanglatter Haut bis zu vollem glänzenden Haar.

Das Problem: Immer mehr, vor allem Frauen, wollen so aussehen wie ihr gefiltertes Ich. Die neueste Studie ist erst wenige Tage alt: 252 Befragte, überwiegend weiß, weiblich und durchschnittlich 25 Jahre alt, machten Angaben zu ihrem Selbstwertgefühl, ihrer Haltung zu kosmetischen chirurgischen Eingriffen und ihrer Social-Media-Nutzung. Ergebnis: YouTube- und WhatsApp-Nutzer hatten ein geringeres Selbstwertgefühl, als die, die nicht auf diesen Plattformen unterwegs waren. Gleiches galt übrigens für VSCO- und Photoshop-Nutzer. Wer auf Tinder und Snapchat unterwegs war und Snapchat-Filter nutzte, hatte tendenziell eine höhere Akzeptanz für kosmetische Eingriffe. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, lassen sich also nicht auf die Gesellschaft übertragen, aber sie zeigen doch trotzdem einen Trend.

„Snapchat Dysmorphia“ nennt sich das Phänomen. Der Begriff hat es bereits in das Glossar der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie geschafft, auf Deutsch „Snapchat Dysmorphophobie“. Denn Ärzt*innen dieser Sparte kommen mit extremen Fällen immer wieder in Berührung: Patienten halten den Chirurgen ihre gefilterten Selfies unter die Nase und verlangen, in ihr editiertes Abbild verwandelt zu werden.

Snapchat Filter Christina Aguilera
Snapchat Filter Leona Lewis 1
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Snapchat Filter Ariana Grande

Man muss sagen: Die Apps machen ihren Job ziemlich gut. Das Gesicht sieht anschließend nicht so aus, als habe es ein Fotobearbeitungsprogramm verändert, sondern als habe ein*e Chirurg*in die Nase gerichtet oder die Lippen aufgespritzt. Eine Studie hat gezeigt, dass wir nur in etwa 60 Prozent der Fälle in der Lage sind, manipulierte Bilder zu erkennen. Die übrigen gehen als echt durch, auch wenn sie bearbeitet sind.

Bildbearbeitung wird online also nicht abgestraft, sondern üblicherweise regnet es Likes dafür. Das führt zu mehreren Problemen: Wer seine Bilder bearbeitet, bekommt Bestätigung dafür und macht weiter. Wer bearbeitete Bilder sieht und sie für echt hält, bekommt ein Schönheitsbild vorgegaukelt, dass nicht realistisch ist. Für beide Seiten hat das negative Konsequenzen – beide Seiten eifern einem künstlichen Ideal nach. Für jene, die ihre Bilder bearbeiten, festigt sich der Eindruck, sie müssten so aussehen wie auf ihren Selfies.

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Wie groß diese Bewegung ist, ist unklar. Es gibt keine Untersuchungen, die alle Fälle gezählt haben. Zumindest scheinen sie aber häufig genug vorgekommen zu sein, dass plastische Chirurg*innen es für nötig gehalten haben, in der großen und angesehenen Medizinfachzeitschrift JAMA (kurz für Journal of the American Medical Association) darüber zu schreiben.

Ariana Grande

Eine der Autorinnen ist Neelam Vashi von der Universität Boston. In einem Podcast zu ihrer Veröffentlichung in JAMA sagt sie: „Früher kamen die Patienten mit Fotos von Prominenten in die Praxen und wollten so aussehen wie diese. Heute kommen sie mit ihren bearbeiteten Selfies.“

Manche mögen sagen, dass es gesünder sei, das eigene, leicht verbesserte Gesicht als Vorlage zu nehmen für einen Eingriff, statt das Gesicht eines Stars, der überhaupt nicht wie man selbst aussieht. Das Problem sei aber, so Vashi, dass die Erwartungen in vielen Fällen unerfüllbar seien. Einige verändern mit den Filtern ihr Gesicht derart, dass es selbst durch plastische Chirurgie nicht umsetzbar wäre.

In ihrem Artikel zeigen sich die Forscher*innen alarmiert und weisen darauf hin, dass die gefilterten Selfies offenbar für einige die Grenze zwischen Realität und Fantasie verschwimmen lassen.

Der Modefotograf Rankin hat in einem Fotoprojekt demonstriert, wie absurd der Optimierungswahn ist. Er machte Bilder von jungen Menschen im Teenageralter und ließ sie anschließend die Bilder editieren, sodass sie „Social-Media-tauglich“ waren. Das Ergebnis auch hier: schmalere Gesichter, begradigte Nasen, glattgebügelte Haut.

Die Bezeichnung „Snapchat-Dysmorphophobie“ symbolisiert den digitalen Weiterdreh einer psychischen Störung, die schon länger bekannt ist. Dysmorphophobie ist eine Erkrankung, die die Betroffenen dazu bringt, sich hässlich, sogar entstellt zu finden. Wer darunter leidet, ist fest überzeugt, körperlich unübersehbare Mängel an sich zu tragen. Kleine Schönheitsfehler werden massiv abgewertet und dafür verantwortlich gemacht, das gesamte Erscheinungsbild zu zerstören. Das geht so weit, dass die Betroffenen sich schämen, andere Menschen zu treffen, sexuell sind sie extrem gehemmt.

Mehrere Stunden pro Tag beschäftigen sich die Erkrankten mit ihrem Erscheinungsbild und versuchen alles, um ihre vermeintliche Hässlichkeit zu kaschieren. Die Einsicht, dass sie ganz normal aussehen, fehlt üblicherweise ganz. Die Ursachen sind nicht klar definiert, Umfeld und Kultur dürften aber eine Rolle spielen.

Statt mit ihrem Spiegelbild, beschäftigen sich Menschen, die unter der Snapchat-Dymorphobie leiden, mehrere Stunden pro Tag mit ihrem Selfie. Vice hat Ende 2018 eine Doku herausgebracht, die junge Frauen zum Schönheitschirurgen begleitet, der sie dann in ihr gefiltertes Selfie verwandeln soll.

Eine Protagonistin sagt, dass sie manchmal so lange über ihrem Handy sitzt und an ihrem Gesicht retuschiert, dass sie Rückenschmerzen bekommt. „Facetune ist wie plastische Chirurgie auf dem Handy“, sagt sie. Aufhören ist nicht drin – die Instagram-Community kennt ihr Gesicht nur gefiltert und auch sie selbst scheint es nicht mehr über sich zu bringen, ihr natürliches Erscheinungsbild öffentlich zu zeigen.

Sie lässt sich schließlich den Nasenrücken aufspritzen, damit er glatter aussieht. Eine andere Frau, die im Film porträtiert wird, lässt sich operativ einen Huckel auf ihrer Nase glätten. Beide sagen, sie machen das, um ihre Fotos für soziale Netzwerke nicht mehr so viel bearbeiten zu müssen.

Ob Facetune, Snapchat und Instagram dazu führen, dass sich mehr Menschen ein anderes Gesicht wünschen – das ist nicht untersucht. Wer aber den Drang verspürt, sich unters Messer zu legen, um wie gefiltert auszusehen, dem raten Expert*innen eher zu einer Therapie statt zu einer OP. Insbesondere dann, wenn die Wünsche den Rahmen des Möglichen sprengen. Dysmorphophobien zählen zu den Zwangsstörungen und sind mit Verhaltenstherapien behandelbar. Eine Operation lindert das Krankheitsbild häufig nicht – die Symptome können sich anschließend verstärken oder die Erkrankten finden neue „Baustellen“.

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Bei den meisten Menschen kommt es nicht so weit. Unzufrieden sind dennoch einige mit ihren Selfies. Vor allem die Nase ist eine beliebte Problemzone. Dabei ist daran möglicherweise die Selfie-Perspektive an sich schuld. Forscher*innen haben herausgefunden, dass die Nase auf einem Bild, das aus knapp einer Armlänge Entfernung aufgenommen wurde, ungefähr 30 Prozent größer wirkt, als auf einem Bild, das aus eineinhalb Metern Entfernung gemacht wurde.

Demnächst also am besten Bilder von anderen machen lassen. Positiver Nebeneffekt: Die Fotograf*innen können einem dann gleich den Kopf gerade rücken, wenn man im Bild mal wieder mehr Makel als Schönheit sieht. Und wenn das auch nicht hilft: Einfach mal für eine Weile mit den Selbstporträt-Posts aufhören.

Es gibt einige Studien, die zeigen, dass die Nutzung sozialer Netzwerke dem Selbstbewusstsein schaden und bis zu Depressionen führen kann. Manche deuten an, dass es insbesondere nicht gut tut, Selfies zu posten. Koreanische Forscher*innen haben etwa herausgefunden: Wer ein Selfie aufnimmt und es postet, kann sich anschließend weniger selbstbewusst fühlen als wenn das Bild offline geblieben wäre.

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