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Wir sollten aufhören, von Self-care zu sprechen, wenn wir eigentlich Therapie meinen

Autor*in

Rea Mahrous

ILOVEYOU MAGAZIN Wellness muss politisch sein

„Irgendetwas an der Art, wie wir leben, macht uns unglücklich und funktionsunfähig. Jedes Selbsthilfebuch und jeder Akt der Selbstliebe ist ein Weg für das Individuum mit einer Welt umzugehen, die zutiefst dysfunktional ist“, schreibt Suzanne Moore im Guardian. Wir können so viel über Self-care sprechen, wie wir wollen, aber diese Mental-Health-Krise ist eine politische – so lautet ihr Fazit.

Ich presse die Lippen zusammen, nicke reflexartig, als hätte jemand meine Gedanken laut ausgesprochen, und lasse meinen Kopf erschöpft nach hinten fallen: Es ist halb zehn, Montagabend, morgens schwimmen, von neun bis 18 Uhr ins Büro, danach noch kurz einkaufen, nach Hause, mit der Familie telefonieren und nun sitze ich hier und verbringe den Wurmfortsatz dieses Tages damit, was zu tun? Zu arbeiten.

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Irgendetwas an der Art, wie wir leben, macht uns unglücklich, habe ich doch eben noch gelesen und werde das Gefühl nicht los, dass ich mich hier gerade selbst verarsche.

So ist das, wenn man sich einen Beruf aussucht, dem man mit Leidenschaft begegnet: Ein letztes Mal in die Tasten hauen für einen Text, der mir am Herzen liegt. „Do what you love and you’ll never work a day in your life“ hat mal irgendjemand enorm Beklopptes gesagt – was die Person nämlich verschwiegen hat, ist das schlechte Gewissen, das aufkommt, wenn du nicht in jeder freien Minute deiner Leidenschaft nachgehst, also arbeitest.

Ich unterbreche mich selbst, weil ich weiß, auf welch hohem Niveau ich gerade jammere. Es ist nach wie vor ein riesiges Privileg, für etwas bezahlt zu werden, für das ich brenne. Und trotzdem spricht immer wieder diese Stimme aus dem Off: Arbeit, die kein Identifikationspotenzial birgt, kann nach Feierabend abgeschlossen werden.

Sie erhebt keinen Anspruch auf sozialen Mehrwert, auf bedeutungsträchtige Nachwehen, sie ist ein Mittel zum Zweck in einer kapitalistischen Gesellschaft, nicht mehr, nicht weniger.

Wie befreiend wäre es wohl, wenn du mit einem solchen Job zufrieden wärst? frage ich mich, nicht nur heute.

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„Eine gesunde Work-Life-Balance“ ist wohl für viele die Antwort auf solche inneren Konflikte und dazu gehört dann natürlich auch eine ordentliche Portion Self-care, ergänze ich sarkastisch und verdrehe die Augen schon beim Schreiben. Klingt so schön: Acht Stunden am Tag Arbeit, die mir Spaß macht, danach noch ein bisschen Self-care. Schaumbad, Essen, Tee, Netflix und vor dem Schlafengehen bloß kein Handy, stattdessen lieber Lavendelöl aus der Provence aufs Kissen – klingt wie ein wahr gewordener Hygge-Traum, warum heule ich eigentlich so rum?

Weil das alles nicht so einfach ist (und weil mich der Abend in dieser Form jedes Mal um die 35 Euro kosten würde). Und auch weil über die Jahre hinweg etwas mit dem Wort Self-care passiert ist.

Es wurde zweckentfremdet und ist für mich mittlerweile zu einem Unwort verkommen, genauso wie die Lüge von der Work-Life-Balance. Dabei sollte vor allem Self-care eigentlich nur das Priorisieren von physischem und psychischem Wohlergehen bezeichnen, ein menschliches Grundbedürfnis, würde man meinen. Und natürlich darf dazu auch eine Gesichtsmaske gehören, nur ist es eben mit dem bloßen Akt des Kaufens und Besitzens nicht getan.

Und auch das Auftragen der Sheet Mask und das Einweichen in der Wanne sind nicht die Lösung des Problems, wenn ich das jede Woche dreimal machen muss, um seelisch über die Runden zu kommen, weil ich sonst, wohin ich auch blicke, Arbeit und grenzwertige bis prekäre Lebenssituationen sehe.

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„Wenn du Self-Care verkaufst, ist es dann nicht von Vorteil, wenn Konsument*innen in einer nie enden wollenden Schleife aus Angst und Unwohlsein leben?“, fragt Victoria Buchanan vom Think Tank The Future Laboratory und wirft damit die rhetorische Frage auf, ob „kaputte“ Menschen mit akutem Bedürfnis nach schneller Heilung nicht einfach das notwendige Übel sind, um das System am Laufen zu halten.

Die Zahlen scheinen ihr Recht zu geben. Jährlich gehen mehr Menschen wegen psychischer Erkrankung in Behandlung, gleichzeitig steigt auch die Anzahl der Unternehmen, die davon profitieren:

Doch es sollte bei Self-care nicht um Luxus oder explizit um Güter gehen, sondern darum, gesund zu bleiben – Self-care also als Reaktion auf ein scheinbar krank machendes System, dessen Existenz den Bedarf nach Selbsterhalt erst bedingt. Ob ich, um gesund zu bleiben, Medikamente brauche, Dinge kaufen oder einfach in Waldnähe wohnen will, sei vorerst dahingestellt.

Festzuhalten ist, dass Gesundheit ein verdammtes Grundrecht und dieses Grundrecht eine Selbstverständlichkeit sein sollte, die ich von der Politik gerne so umkämpft sehen würde wie tempolimitfreie Autobahnen.

„Ich hab diese Pop-Psychologie satt, die einzelne Personen zur Verantwortung zieht, anstatt mit dem entfesselten Turbokapitalismus abzurechnen, der unsere Erfahrungen bedingt.“

Life- und Selbsthilfecoach Laura Malina Seiler verkauft Bücher, Workshops und Content-Pakete wie warme Semmeln, Yoga- und Surf-Retreats sprießen an jedem noch freien Strand aus dem Boden.

Und obwohl ich mich wirklich für alle Teilnehmenden dieser vermeintlichen Self-care-Hypes in Grund und Boden freue, habe ich bei all dem Depressions-Talk häufig das Gefühl, dass wir viel reden, aber nicht genug sagen, geschweige denn tun. Weil weder Yoga noch mein 22-Euro-Lavendelspray mir je aus einer Depression geholfen haben.

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Und weil das, was auf Plattformen wie Instagram unter #MentalHealth passiert oder sporadisch in der Zeitung meiner Eltern abgedruckt wird, leider nicht bei denen ankommt, die es hören müssen: Politiker*innen. Und Arbeitgeber*innen, denn Depressionen sind, nach einer herkömmlichen Erkältung, die zweithäufigste Ursache für Krankmeldungen.

Self-care ist politisch, weil in der Politik beschlossen wird, wie eine Arbeitswoche grundsätzlich auszusehen hat, weil in der Politik Wirtschafts- sowie Gesundheitssysteme reguliert werden (könnten).

Was die Politik also eigentlich tun sollte: Psychotherapie entstigmatisieren und für die breite Masse zugänglich und verfügbar machen, und über zeitgemäße Arbeitsmodelle diskutieren. Denn gesundes Personal tut, ganz kapitalistisch gedacht und mehrfach belegt, auch den Umsätzen langfristig gut.

Was die Politik stattdessen tut: Menschen in die zermürbende Lohnarbeit drängen und den Weg dorthin mit Nachrichten über niedrige Arbeitslosenquoten und hohes Wirtschaftswachstum bespicken, sodass man sich bloß undankbar vorkommt, wenn man sich zu allem Übel auch noch beklagt.

Was die Politik noch tut: Berufsbilder aus dem Boden stampfen, die ähnlich wie Wellness-Treatments eher die Symptome bekämpfen, anstatt die Ursache ins Visier zu nehmen: Feel-Good-Manager, die von Unternehmen angeheuert die Laune im Büro polieren sollen, und Life Coaches, die als Anlaufstelle fungieren, wenn mal wieder keine Psychotherapie genehmigt wird oder es schier keine freien Plätze gibt.

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Work-Life-Balance, Self-care, Burnout – sie alle sind politische Kampfbegriffe, weil sie für die Betroffenen politische Konsequenzen in Form von spürbarer Benachteiligung haben. Menschen mit Depressionen, beispielsweise, sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und somit schneller finanziell isoliert.

Menschen, die finanziell isoliert sind, haben in der Regel andere Sorgen, als sich über das bloße Überleben hinweg Gedanken um das eigene Wohlergehen zu machen. So zieht sich die Spirale fort und ich komme wieder an den Punkt: Es muss etwas auf struktureller Ebene passieren.

Denn selbst wenn Self-Care in ihrem Ursprung das Individuum betrifft, hat ihr Ausbleiben Folgen für die Gesellschaft.

Um es mit einem Tweet von Redakteurin und Studentin Kristen Cochrane auf den Punkt zu bringen: „Ich hab diese Pop-Psychologie satt, die einzelne Personen zur Verantwortung zieht, anstatt mit dem entfesselten Turbokapitalismus abzurechnen, der unsere Erfahrungen bedingt.“

Bild (oben) aus dem Archiv: I LOVE YOU magazine, Issue No. 09

Fotografie: Maxime Ballesteros