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Seifen als kollektive Skulptur: Warum es uns oft so schwer fällt, im Hier und Jetzt zu leben

Autor*in

Lia Haubner

Gibt es in einer Zeit, in der sich alle darum bemühen, sich selbst zu verwirklichen, überhaupt noch ein kollektives Lebensgefühl? Wenn man sich den Instagram-Account von @mytherapistsays ansieht, könnte man sich leicht dazu hinreißen lassen, diese Frage mit „Ja“ zu beantworten.


Auf den Bildern im Feed werden in schnörkelloser Schrift Situationen und Gedanken beschrieben, die niemanden im Speziellen und trotzdem sehr viele Menschen ansprechen.


3,5 Millionen Nutzer*innen folgen dem Account, gut 89.000 von ihnen liken Posts wie „Exciting perks of adulthood. 1. Busy! Busy all the time! What are you even doing? You don’t know! 2. Very tired. 3. Some kinda stomach ache??? 4. Definitely sad about something. 5. Bills! Bills all the time. What are you even paying for? You don’t know.“


Auch ich fühle mich angesprochen. Ich bin zwischen 1981 und 1996 geboren und gehöre damit zu der Generation, die man Millennials nennt.


2019 bekamen wir einen weiteren Beinamen: „The Burnout Generation“. Etabliert hat ihn Buzzfeed-News-Journalistin Anne Helen Petersen, deren Essay im Januar hundertfach kommentiert und noch öfter geteilt wurde.


Darin beschreibt sie das Ausgebranntsein als übergreifendes Mindset einer Generation, für die Optimierung von klein auf im Fokus stand. Selbstverwirklichung ist das Ziel, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen aber alles andere als darauf ausgelegt.


Die Lösung? Konstantes Verbessern gilt als Allheilmittel.

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„Ich habe nie gedacht, dass das System gerecht wäre. Ich wusste, dass nur wenige gewinnen konnten. Was ich aber glaubte, war, eine*r von ihnen sein zu können – wenn ich mich nur weiter optimieren würde“, so Petersen.

„Meine neue Parole lautete: Dinge, die sich gut anfühlen sollten (Freizeit, nicht arbeiten), fühlten sich schlecht an, weil ich mich schuldig fühlte, wenn ich nicht arbeitete. Dinge, die sich ,schlecht‘ anfühlen sollten (die ganze Zeit arbeiten), fühlten sich gut an, weil ich das tat, was ich dachte, tun zu müssen, um erfolgreich zu sein.“

Als Ausgleich dafür wird einem gerne Self-care ans Herz gelegt: Darunter versteht man alles, was sich unter dem Label Wellness gewinnbringend vermarkten lässt. Genug Wasser trinken ist Self-care. Gesichtsmasken und Superfood ebenfalls. Meditieren ist Self-care und Bikram Yoga für einen dreistelligen Monatsbeitrag sowieso (aber bitte regelmäßig!).

Das führt uns zu der @mytherapistsays-Liste vom Anfang zurück: Wenn sich jede noch so gut gemeinte Routine vor allem lohnen soll, wird sie zur Aufgabe – und damit ein weiterer Punkt auf der To-Do-Liste. So vermehren sich die unabgehakten „Unbedingt machen“-Kästchen in allen Lebensbereichen, bis sie das werden, was das Leben ausmacht.

Und deshalb, so argumentiert zumindest Petersen, geht der allumfassende Burnout dieser Generation auch über die Filterblase von Instagram und Jobs mit Selbstverwirklichungsanstrich hinaus: Erschöpfung sei viel mehr die Millennial-Werkseinstellung, die sich durch Branchen und Positionen ziehe, in unsere Beziehungen – sogar in unsere Badezimmer.

Selbst dort bleiben nicht viele Abläufe übrig, die nicht sorgfältig optimiert werden. Effiziente Gesichtsreinigung heißt Double Cleansing, Hautpflege wird als 10-Steps-Routine zelebriert.


Gibt es überhaupt noch unbewusste Prozesse?


Genau hier setzt der Fotograf Maximilian Attila Bartsch an. Dem Hamburger fällt beim Händewaschen im Restaurant irgendwann die Form der Seife auf, die durch die regelmäßige Nutzung von ihrer ursprünglichen in eine individuelle wechselt – Ort für Ort, Waschbecken für Waschbecken.

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Vor allem fasziniert ihn der Aspekt der Gruppenarbeit: Menschen formen im öffentlichen Raum unbewusst gemeinsam einen Gegenstand, ohne damit eine Intention zu verfolgen.

Maximilian Attila Bartsch nennt das kollektive Skulptur. Sie wird in dem Moment erschaffen, in dem das Optimieren nicht im Vordergrund steht. Wahrscheinlich fühlen sich seine Bilder deshalb nicht abstrakt, sondern ehrlich an: Sie sind die Summe von Momentaufnahmen fernab von Effizienz.

Dabei geht es nicht um das Ausbügeln der Vergangenheit oder die Strategie in der Zukunft, sondern um das Sein im Hier und Jetzt. Ein Symbol für ein Gefühl, das wir zwischen den Zeilen von To-Do-Listen vergeblich suchen und zumindest kollektiv vermissen.

Maximilian Attila Bartsch ist Fotograf und lebt in Hamburg. In seinen freien Strecken verschmelzen intime Momentaufnahmen mit skurrilen Alltagsbeobachtungen.