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Kann man mit einer Schlupflider-OP seine Identität verraten?

Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht? 

Ich sehe aus wie ein trauriger Clown.

Habe ich meine Identität verraten?

Wer bin ich ohne Schlupflider?

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Mein Lieblingsspiel vor dem Spiegel, Griechenland 2016

Mein Name ist Christiane Bördner und ich habe Schlupflider. Nein, hatte. Denn sechs Jahre nach meinem ersten Besuch beim Beautydoc habe ich „was machen lassen“. Was ich nicht bedacht habe? Dass ich nicht nur jede Menge Haut, sondern auch den Bezug zu meiner Identität verlieren sollte. Aber von vorne.

1. Ich bin speziell

Meine Augen habe ich von meinem Vater. Ich mochte sie sehr, sie machten mich speziell. Das war ich. Schlupflider – bevor ich dieses Wort kannte, wusste ich nicht, dass ich auch davon betroffen bin. Schlupflider hat man dann, wenn der bewegliche Teil des Lids so gut wie gar nicht mehr zu sehen ist, weil ihn hängende Hautpartien über dem Auge verdecken.

Passbild Xi
Xi Pass
Xi B W

2005; 2008; 2009

2. Ich bin Ende 30

„Schau doch nicht so traurig.“

„Geht’s dir gut?“

Mit dem Absenken des Gesichts – offensichtlich wurde es bei mir mit Ende 30 – hängt mehr als nur ein bisschen Haut über dem Lid. Seitdem fühle ich mich unwohl. Niemand in meinem Freundes- oder Familienkreis findet gut, dass ich mich unters Messer legen will. Meine hängende Augenpartie ist den meisten angeblich nicht mal aufgefallen. Mich stört sie von Tag zu Tag mehr. Mein Mann droht mir sogar an, sich von mir zu trennen, sollte ich eine Schönheitsoperation in Betracht ziehen. Also suche ich nach alternativen Methoden.

3. Ich google

Wenn ich Schlupflider google, erhalte ich folgende Tipps: „Schlupflider richtig schminken“, „Schlupflider einfach richtig schminken: 5 Beauty-Tricks“, „Schlupflider – so kaschierst du sie perfekt”. Da ich aber nicht wirklich gut im Schminken bin und auch nicht täglich mit einer ordentlichen Portion Smokey Eyes zur Arbeit gehen möchte, kaufte ich mir Aufkleber namens „Magic Stripes”. Wie sie wirken? Wie der Name schon sagt – it’s magical. Das Auftragen ist einfach: Durch den Klebestreifen, der direkt an die Lidfalte geklebt wird, wird die Haut zurückgedrängt. Das Ergebnis: sichtbare Oberlider. Sobald man aber die Augen schließt oder blinzelt, sieht man, wie die transparenten Streifen hoch- und runtertanzen. Diese Methode ziehe ich vier Monate lang durch, bis mein Mann morgens in Bad meint: „Du weißt schon, dass man diesen Aufkleber sieht?” 

„Ja stimmt, ist mir auch schon aufgefallen, warum machst du das, Mama?”, ruft meine Tochter hinterher. Damit ist dieses Thema durch. Ich finde es demütigend, mir weiterhin Streifen auf die Augen zu kleben.

4. Ich bin überzeugt

Frühjahr 2018. Meine Tante ist zu Besuch und erzählt plötzlich, dass sie sich damals mit 45 Jahren die Lider hat straffen lassen.

Sie rät: „Christiane, mach es! Schon allein, damit es aus deinem Kopf verschwindet. Ansonsten musst du immer wieder darüber nachdenken und hast keinen Platz für andere Gedanken.“

Mit diesem Satz hat sie mich überzeugt. Ich mache mich auf die Suche nach geeigneten Ärzt*innen.

5. Ich bin dabei
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Tag 1-Tag 5 nach der OP

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Tag 8 nach dem Fädenziehen; Tag 10-Tag 13

Es ist soweit. Bei vollem Bewusstsein, mit einer halben Valium intus, wird mein Lidüberschuss entfernt. Die OP ist erstaunlich okay. Nach dem Einzeichnen der Schnittlinie und der besagten Tablette werde ich auf die Liege gelegt. Ich bin nur leicht aufgeregt, weil meine Freude über einen neuen frischen Blick überwiegt. Oder ist es die Freude, die Entscheidung getroffen zu haben?

Dann werden beide Lider mit einer Spritze betäubt, was sich ziemlich unangenehm anfühlt. Doch die Beruhigungstablette sorgt dafür, dass mir eigentlich alles relativ egal ist. Sogar beim Nähen, als ich die Hand des Arztes mit Nadel und Faden sehe, weil ich meine Augen nicht mehr vollständig schließen kann. Ich erinnere mich sogar noch an die Witze, die ich mit ihm gemacht habe.

Nach der OP lassen sich aufgrund der Betäubung und der Schwellung die Augen kurzfristig nicht schließen. Dieser Zustand hält mindestens dreißig Minuten und bis zu einer Stunde an.

Ich habe Angst, wie Rob Lowe in Behind the Candelabra zu enden und dass ich ab sofort nachts mit offenen Augen schlafen muss. Dann nimmt das Spannungsgefühl ab und ich kann wieder normal blinzeln.

6. Ich bin (fast) fertig
Xi Augen

Die ersten zwei Tage habe ich vollkommen schmerzfrei auf der Couch verbracht. Am dritten Tag gehe ich wieder mit Sonnenbrille zur Arbeit. An Tag Vier betreue ich als Art Director am Set eine Fotoproduktion – zwar immer noch im Anna-Wintour-Style mit Sonnenbrille, doch weil alle meine Mitarbeiter*innen und die Kund*innen eingeweiht sind, habe ich keine Probleme, mich in meinem Arbeitsumfeld zu bewegen.

In den nächsten Wochen finde ich es aufregend, jeden Tag den Heilungsprozess zu verfolgen. Ich dokumentiere, wie die Schwellungen weniger werden und wie mein neuer Blick aussehen wird. Jedes Auge wurde unterschiedlich geschnitten, da der Lidüberschuss nicht gleichmäßig ausgeprägt war. Deshalb heilen sie ganz individuell. Das verunsichert mich und ich renne ständig auf die Toilette, um in den Spiegel zu schauen. Acht Tage später werden mir unter der Verwendung von Lachgas die Fäden gezogen. Jetzt kann ich das Haus ohne Sonnenbrille verlassen und die Rötungen mit Concealer abdecken. 

7. Bin das noch ich?

Seit der Operation sind beinahe fünf Monate vergangen. Ich beobachte immer noch jeden Tag kleine Veränderungen. Mein Körper formt wieder eine natürlich aussehende Lidfalte. Meine Augenform ist immer noch ein wenig zu eckig, doch ich hoffe, dass sie am Ende wieder vollständig rund ist.

An einigen Tagen bin ich euphorisch. Dann denke ich wieder, dass ich wie ein trauriger Clown aussehe. Aber ich habe mir vorgenommen, geduldig zu sein, denn es dauert bis zu zwölf Monate, bis der Heilungsprozess vollständig abgeschlossen ist.

Ich habe immer noch ein Spannungsgefühl, wenn ich nach oben schaue. Außerdem muss ich meine Augen regelmäßig befeuchten. Das ist vermutlich auf meine Lasic-Behandlung vom April 2018 zurückzuführen: Der Mix aus Augenlasern und Lidstraffung innerhalb von fünf Monaten war vermutlich keine ideale Kombination. Doch ich wollte all die Dinge, die ich schon lange aufgeschoben hatte, endlich machen, um sie aus meinem Kopf bekommen. 

Habe ich jetzt Platz für andere Gedanken?

Ich bin leider nicht sehr selbstbewusst, wenn es um mein Äußeres geht. Ich wünschte, ich könnte mich in der Body-Positivity-Bewegung zu Hause fühlen und mich so wie ich bin großartig finden, aber das funktioniert nicht. Ich finde viele Dinge schön, die nicht dem allgemeinen Schönheitsideal entsprechen. Doch bei mir selbst scheint es nicht zu klicken. 

Ich habe zwar kein Problem, darüber zu sprechen – und doch zweifle ich an meiner Entscheidung. Irgendwie fühle ich mich schuldig, mich nicht so akzeptieren zu können wie bin. Ich habe zwar keine Schlupflider mehr, aber es fällt mir gar nicht so leicht, meine neuen Augen anzunehmen. Als hätte ich etwas von meiner Identität verraten.

Ich trauere meinen Augen hinterher, weil die neuen einfach nicht echt sind. Sie sind nicht meine, sondern gekaufte. Ich bin glücklich und traurig gleichzeitig. Bin das noch ich? Noch habe ich keine Antwort auf diese Frage gefunden.

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Vorher Feb. 2018; Nacher Jan. 2019