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Scheiße, ich werde alt!

Ich bin 41 Jahre und ja, ich habe Angst vor dem Altern. Plötzlich ist sie da, diese Scheißangst vorm Verfall. Da denkt man mit 30: „In Würde altern, ja, das will ich!“ Ganz ehrlich: Werdet mal 40.

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„Mit 40 sinkt der Östrogenspiegel der Frau“, sagt die Stimme in der Fernsehwerbung. „Auch das noch!“

Es ist der Vorabend meines 40. Geburtstags, meine Kinder und ich sitzen in einer Skihütte in Österreich und kuscheln vor der Glotze.

Ich bin abgehauen, statt meinen 40. mit Pauken und Trompeten zu feiern. Ich musste mit meiner Familie alleine sein. Den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt ganz in Ruhe kontemplieren.

Irgendetwas in meinem Kopf ist seit meinem 40. Geburtstag anders. Der Spruch: „Ach, ich bin doch noch jung und habe noch so viel Zeit“ geht mir nicht mehr über die Lippen. Obwohl ich – hoffentlich – noch nicht mal die Mitte meines Lebens erreicht habe.

Mit 40 beginnt die Gesellschaft, dich mit anderen Maßstäben zu messen. Zumindest empfinde ich das so.

„Was habe ich bisher geschafft?“ ist auf einmal eine zentrale Frage. Aus dem 23-jährigen Wunderkind mit eigener Firma ist plötzlich eine gestandene Frau und Mutter geworden.

Die Firma ist kein Wunder mehr, sondern sehr viel Arbeit und irgendwie hat man immer noch das Gefühl, ganz am Anfang zu stehen.

Klingt alles furchtbar dramatisch und das will ich hier auch gar nicht weiter vertiefen. Worüber ich eigentlich sprechen möchte: meine Angst vor dem Altern. Ja, plötzlich ist sie da, diese Scheißangst, zu verfallen. 

Plötzlich gibt es da diese Begriffe:

NASOLABIALFALTE, SCHLUPFLIDER.

Was ich früher als meine genetische Vorbestimmung, als mein unveränderliches Markenzeichen akzeptiert hatte, wird plötzlich zum Problem.

NASOLABIALFALTE, SCHLUPFLIDER.

Was meine Ahnen in einem mühsamen, genetischen Ausleseprozess an mich weiter gegeben haben, wird zum ästhetischen Unding.

In dem Moment, in dem die Dinge einen Namen bekommen, werden sie real.

NASOLABIALFALTE, SCHLUPFLIDER.

Voller Vorfreude, meinem Altern nun ein für alle Mal ein Ende zu setzen, fahre ich an einem schönen Mittwochnachmittag zur Praxis von Dr. med. Gröne und seiner bezaubernden Frau Irene in die Reichsstrasse 1, Berlin-Charlottenburg, um mich vom geschulten Blick eines erfahrenen Arztes für Dermatologie und funktionelle Ästhetik beraten zu lassen sowie Kosmetikbehandlungen wie Jetpeel und Mikrodermabrasion kennenzulernen.

In einem eher unscheinbaren typischen Berliner Mietshaus ist die Praxis untergebracht.

Frau Gröne fotografiert mich und macht mit mir eine Bestandsaufnahme. Sie notiert kurz, was ich denn gerne an meinem Gesicht ändern würde.

Sie sieht umwerfend aus. Nicht aufgespritzt, null. Sie hat eine Haut wie ein Teenager und keine einzige Falte. Sie ist 41 Jahre alt. Ich will natürlich sofort wissen, was sie alles gemacht hat. Sie erzählt mir von Laserbehandlungen, Verbrennungen, die oberste Haustschicht abtragen — oh je, mir wird ganz wuschig.

Nach Jetpeel geht es an einen Riesenfotoautomaten, der mein Gesicht scannt. Der Rechner spuckt innerhalb von wenigen Minuten die unterschiedlichsten Ergebnisse aus. Symmetrien, Hautschäden und Volumen werden ermittelt.

Dr. Gröne erklärt mir, dass beispielsweise Hautfalten mehr Sonnenlicht sammeln und somit das Hautkrebsrisiko steigt. Vor allem Hautschutz sei wichtig: jeden Tag das Gesicht mit Sonnenschutz eincremen, am besten mit Faktor 50.

Ich bekomme einen ausführlichen Behandlungsplan mit Möglichkeiten, meine „Problemzonen“ ein wenig zu reduzieren, mein Hautbild zu verfeinern und „schön zu altern“.

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Behandlungsplan 556x741

Ob ich alle Behandlungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen werde, weiß ich noch nicht. Ich bin zwar ein wenig erleichtert, nicht alle genetischen Vorbestimmungen in Zukunft einfach so hinnehmen zu müssen, habe aber trotz allem ein mulmiges Gefühl.

Sollten wir nicht unser Altern annehmen? Wenn wir das physische Altern nicht mehr akzeptieren, werden wir dann nicht auch verlernen, die positiven Eigenschaften, die das Altern mit sich bringt, wertzuschätzen?

Ein US-amerikanischer Freund sagt: „Don’t be so german, Christiane“, als wir genau dieses Thema diskutieren.

„Warum sollte man nicht einfach älter werden und dabei auch noch gut aussehen, wenn es doch möglich ist? Sei nicht so intolerant.“

Eigentlich geht es gar nicht um meine moralischen Bedenken gegenüber Schönheitseingriffen, ich habe eher Angst vor mir selbst.

Was passiert, wenn ich weiß, dass ich etwas ändern kann?

Werde ich eines Tages die feine Grenze des guten Geschmacks überschreiten, den Zugang zu meinem Spiegelbild verlieren und ein aufgespritztes Monster werden? Um ehrlich zu sein, bin ich viel zu neugierig, um es nicht wenigstens einmal auszuprobieren. Wie es also weitergeht? I will keep you posted.

Dieser Artikel erschien erstmalig am 13. November 2013 auf I LOVE YOU.