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Warum ich sexistische Romantic Comedies liebe, obwohl ich es besser wissen müsste

Autor*in

Rea Mahrous

Iloveyoumagazine Beauty Magazine Romcoms

Hallo, mein Name ist Rea und ich habe ein Problem: Eigentlich will ich Feministin sein, aber ich glaube, dafür gucke ich zu gerne Romantic Comedies, kurz Rom-Coms. Die schmierigen chauvinistischen, die richtig schlimmen. Die, deren Hauptdarsteller*innen ich im echten Leben an den Schultern packen und kräftig schütteln würde. Die, bei deren Happy End eine Hirnhälfte meinen Kopf schieflegen und ein gerührtes Schluchzen rauslassen, während die andere eine Schlacht veranstalten und mich brüllend fragen will, ob das mein Scheißernst ist.

Aber ich kann mir nicht helfen: Wenn mein Kopf zu platzen droht, ich keine Lust auf Menschen oder kein Geld zum Rausgehen und Berauschen habe, dann bleibe ich bei Regen sowie Sonne in meinem Wohnzimmer auf der Couch liegen und binge heteronormative, sexistische Schnulzen. Was normalerweise mein persönlicher Horror in Sachen Entertainment ist, wird in schwachen Momenten zu meiner Komfortzone.

Reflexartig würde ich behaupten, ich tue das aus demselben Grund, aus dem ich mir auch Best-of-Airbnb-Bildergalerien anschaue, obwohl ich mir keines der Penthouse-Lofts mit Rooftop-Pool leisten kann: der Wunsch nach Eskapismus, dieser Schlingel.

Nur warum zerrt mich das Verlangen nach Abschalten und Entkommen hin zu etwas, das ich eigentlich für so toxisch halte? Wie kann ich daraus noch ein gutes Gefühl ziehen, wenn ich weiß, dass in genau solchen medialen Reproduktionen von Sexismus, Rape Culture und Rassismus der Fehler der ganzen Matrix liegt?

Ein Persönlichkeitstest anhand meines Netflix- und Youtube-Verlaufs würde katastrophal enden: Unmündige Frauen, die in Beziehungen reinmanipuliert werden und sich dafür selbst aufgeben. Viele weiße Menschen, ausschließlich cisgender und heterosexuell; Personen of color und Frauen mit Konfektionsgröße 38+ sind im besten Fall die witzigen Sidekicks.

Iloveyoumagazine Beauty Magazine Romcoms 1
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Es gibt mehrere Möglichkeiten: Eine klassische Rom-Com mit all ihrer Vorhersehbarkeit, so unzeitgemäß sie auch sein mag, ist das, was Halt gibt in einer Welt, die uns Millennials in den 90ern noch verfestigt vermittelt wurde, aber längst aus den Fugen geraten war, als wir erwachsen wurden. Sie ist der Ort, an dem es immer ein Happy End gibt.

In einem Sodom und Gomorrha aus urbanen Hedonist*innen, die sich partout keinem Parameter mehr verschreiben, sondern alle 100.000 Optionen, die ihnen im Leben geboten werden, auch wirklich ausprobieren wollen, bevor sie sich für eine davon entscheiden, ist eine Rom-Com eine Quelle der Sicherheit.

Zumal wissenschaftlich bewiesen ist, dass beim Anblick attraktiver Menschen im Gehirn derselbe Prozess in Gang gesetzt wird wie bei der Einnahme von Schmerzmitteln. Denn dieser emanzipierte Individualismus kann mächtig empowernd sein, aber eben auch extrem auslaugen, weil jeder Move zum Statement wird. Da kann so eine durchkalkulierte Kleinstadt-Romanze schon mal die Nerven beruhigen, auch wenn sie noch so cringy ist.

Dann gibt es die voyeuristische, narzisstische Variante: den Akt des sich-selbst-Erhöhens. Ich schaue anderen dabei zu, wie sie ein Leben führen, das ich nie leben will, damit ich mich mit dem, was ich habe, besser fühle.

Womöglich ist das alles aber auch viel zu abstrakt und Rom-Coms sind ganz kurzfristig betrachtet die flachste Art des Entertainments und gut zum Dampfablassen – komprimierte Self-care in Entertainment-Format: Kopf abschalten, berieseln lassen. Man muss dem Ablauf nicht streng folgen, kann die komplette Mitte des Films wegnicken und hat am Ende doch nichts verpasst.

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Egal was es ist, ich bin damit bei weitem nicht alleine. Netflix etwa hat im vergangenen Sommer, den die Streaming-Plattform so passend „Summer of Love“ getauft hat, so viele Rom-Coms produziert wie noch nie – und mehr als 80 Millionen Abonnent*innen haben das ausgenutzt.

Auch der Hallmark Movie Channel – ein US-Fernsehsender, der traditionelle Liebeskomödien zu seinem Markenzeichen gemacht und das Genre perfektioniert hat –, erlebt, vor allem seit Trump Präsident geworden ist, großen Zuspruch: Um zehn bis 28 Prozent sind die Einschaltquoten der einzelnen Hallmark-Marken in den vergangenen zwei Jahren gestiegen. Und das, obwohl jeder einzelne dieser Filme ein und demselben Narrativ folgt.

Das Schema F, nach dem die Liebeskomödien – an denen übrigens kein Fünkchen Humor zu finden ist – ablaufen, fasst Gwen Ihnat vom Entertainment-Magazin AV Club kurz und bündig zusammen: In der Regel dreht es sich „um eine junge Karrierefrau, die es in der Großstadt weit gebracht hat und nun in ihre ländliche Heimatstadt zurückkehrt. Dort entdeckt sie eine verloren geglaubte Liebe wieder und merkt währenddessen auch, was ihr die ganze Zeit über schon im Leben gefehlt hat“.

„Wir wissen, was die Leute sich anschauen, wir wissen, wie oft und wie lange sie sich das anschauen und wir haben gemerkt, dass sie ziemlich viele Rom-Coms gucken. Und zwar die [schlimmsten], die es da draußen gibt“, offenbart Matt Brodlie, Director of Original Film bei Netflix im Interview mit Hollywood Reporter. Ich fühle mich ertappt.

Doch genau da möchte Netflix eingreifen und gegensteuern: Mit Produktionen wie To All The Boys I’ve Loved Before oder The Incredible Jessica James übersetzt die Streaming-Plattform das Genre der romantischen Komödie problemlos ins heutige Zeitalter. Anstelle der unmündigen Hallmark-Frauen kommen selbstbewusste Hauptdarstellerinnen, die nicht weiß sind (!!!) und die ihrem Gegenüber auf Augenhöhe und mit beidseitigem Respekt begegnen, anstatt sich ab dem Moment, in dem der Funke überspringt, einzigartig devot zu benehmen.

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Das sind erste Fortschritte, aber es gibt noch eine ganze Reihe an Verbesserungsvorschlägen, bevor ich auf meine Liebe für Liebesfilme stolz sein kann: Rom-Coms brauchen inklusivere Casts und mehr homosexuelle und queere Liebe.

Ein paar Geschlechterrollen und Datingklischees könnten sie auf dem Weg in die Zukunft auch noch crashen (1958 hat angerufen, es will seine Dritte-Date-Regel zurück). Von mir aus könnte außerdem weniger geheiratet und mehr masturbiert werden, but that’s just me.

Falls das hier jemand von Netflix liest: Moderne Liebe ist nicht unmöglich und ihr seid auf einem guten Weg! Bis dahin, bin ich ehrlich, werde ich wahrscheinlich eine der 53 Personen sein, die A Christmas Prince in Dauerschleife schauen – ihr wisst also, wo ihr mich findet.