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Quantified Self: Was passiert, wenn wir unser Training und unseren Schlaf tracken

Autor*in

Anna Kuecking

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Mithilfe von Applications und Devices sammeln wir Daten über unsere körperliche Beschaffenheit – und wenden sie an, um unsere Gesundheit zu optimieren. Dabei kann man sich den Herstellern überlassen. Oder selbst eingreifen.

Wäre das Europa-Center am Breitscheidtplatz in Berlin ein technisches Gerät, dann ein pummeliger Röhrenfernseher. In diesem apokalyptisch anmutenden Stahllabyrinth erinnert alles an gestern, nichts an heute.

Der 31-jährige Projektmanager Malith sitzt im Café Tiffanys im zweiten Stock, dessen Einrichtung vermutlich auch mal modern war. Die halbmondartigen Ledersitzecken wecken heute lediglich Gedanken an vergessen geglaubte Partylocations aus den Neunzigern.

Freundliche Bedienungen rennen in beachtlichem Tempo die drei Ebenen des Lokals hoch und runter. Wie viele Schritte sie am Tag machen? Kaum schätzbar. Auch kaum anzunehmen, dass sie sie zählen. Anders Malith. Auf dem glatten Tisch vor uns liegt sein glänzendes iPhone XS.

Wenn er es bedient, scheint unter dem dunklen Wollpullover an seinem Handgelenk die dazu passende Apple Watch hervor. Dieses elegante Gadget misst kontinuierlich einen Großteil seiner Körperfunktionen, auf der Website von Apple wird es als das „ultimative Gerät für ein gesundes Leben“ bezeichnet.

Tim Cook warb erst kürzlich auf einem der jährlichen Aktionärstreffen für sein Unternehmen damit, dass seine neuesten Innovationen insbesondere in den Ausbau der Gesundheits-Funktionen der Smartwatch fließen würden. Er sagte: They will blow you away.

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Tatsächlich bekommen ausrangierte US-Militärs vom „Department of Veteran Affairs“ mittlerweile Apple Watches gestellt, um ihnen Zugang zu den Aufzeichnungen ihrer Allergien, Impfungen, Laborergebnisse und Therapiemöglichkeiten zu ermöglichen.

In den USA wird seit Jahren in die Digitalisierung des Gesundheitssystems investiert, Deutschland hinkt im Vergleich dazu meilenweit hinterher.

„Mich erinnert die Uhr daran, zu atmen“, sagt Malith. Stressiger Arbeitsalltag? Dann vibriert sie. Malith nimmt eine aufrechte Haltung ein, besinnt sich und atmet – zum zuverlässigen Zittern der Uhr – ein und aus.

Achtsamkeit, Körpergefühl und Bewusstheit, all die romantischen Ideale der mittlerweile grau werdenden 1968er, werden von Technikunternehmen in Form von Meditations- und Gesundheitsapps genutzt, um Tagträumerkonsument*innen oder schlanken Chefs die selbstvergewissernden Erfahrungen zu ermöglichen, die ihnen die unstrukturierte Welt von heute genommen hat.

Die Verantwortung zur Rückbesinnung auf die Instandhaltung des Körpers wird im Selbstdisziplinierungsstrudel dankend an Devices ausgelagert, das Individuum vergleichbar – aber auch zur „Selbstexpertisierung“ fähig gemacht.

„Die Daten sind meine Grundlage. Davon ausgehend kann ich sagen, das bin ich”, sagt Malith.

„Vielleicht solltest du deine Geschichte fürs Erste einmal beiseitelegen und zu ergründen versuchen, wie das für dich war, in diesem Körper zu leben. Ein Katalog von Sinnesdaten. Was man eine Phänomenologie des Atmens nennen könnte.“
Paul Auster, Winter Journal

Im xHain hack+makerspace, einem multifunktionalen Lern - und Veranstaltungsort in Berlin-Friedrichshain, sucht Künstlerin und Informatikerin Peggy Sylopp an einem nassen Februarabend nach einem Adapter, „von HDMI auf VGA.”

Sie will damit ihre Präsentation über einen Beamer auf eine Leinwand an der Wand werfen. Ihr fransiger Pony schwingt ihr über die Stirn. Sie trägt einen khakigrünen Fliegeroverall, auf dessen Rücken krakelig die Inschrift #nomoreweapons gestickt ist.

Sie wühlt auf dem Tisch, in den Regalen, nirgendwo ein „HDMI auf VGA.” Also schaut die überschaubare Gruppe, die sich versammelt hat, um Peggy sprechen zu hören, auf den kleinen Monitor inmitten des riesigen Bastlertisches.

Peggy Sylopp hat eine milde Hörschwäche. Und Peggy Sylopp hackt Hörgeräte, um sie selbst einstellen zu können. Während sie den von ihr entwickelten Prototypen dafür in der Hand hält – ein ulkig anmutendes Gerät in Form eines etwas dickerem Modems – erklärt sie: „Don’t be a slave of your device.”

Insgesamt wird die Verstärkung von Umgebungsgeräuschen von Hörgeräteträger*innen herkömmlicher Anbieter als zu laut empfunden. Das sei dann circa so, erzählt Peggy, als würde „jemand zu dir nach Hause kommen, die Stereoanlage aufdrehen und sagen, dass das die richtige Lautstärke für dich ist.“

Ihr Prototyp besteht aus zwei Kopfhörern, an denen an den beiden Außenseiten Mikrofone befestigt sind. Sie nehmen die Umgebungsgeräusche auf und leiten sie an die Kopfhörer weiter. Dazwischen hat sie einen Raspberry Pi, einen sehr einfachen Minicomputer, geschaltet.

Er kann das von den Mikrofonen empfangene Signal verändern: Einerseits entlang der Tonhöhe und Frequenz – tiefe Töne verstärken oder unterdrücken oder hohe Töne verstärken oder unterdrücken – und andererseits bezüglich der Lautstärke des Signals. Um das steuern zu können, kreiert der Raspberry Pi eine Website, die über einen lokalen Accesspoint über WLAN-Zugang aufgerufen werden kann.

Gemeinsam mit Menschen mit und ohne Höreinschränkung untersucht Peggy Sylopp am Fraunhofer Institut in Oldenburg mit dieser kleinen Konstruktion unsere akustische Umwelt.

Dazu geht sie in die Natur, an Straßenkreuzungen oder überfüllte Cafés. Die Proband*innen sind dabei mit Rasperry Pi und Smartphone ausgestattet, tragen Kopfhörer in den Ohren und verwerten die Umgebungsgeräusche.

Über die Website experimentieren sie selbstständig mit dem Sound, der durch die Kopfhörer bei ihnen ankommt. Nach eigenen Vorlieben können sie einstellen, wie etwas gehört werden will.

Vom Kurieren der Benachteiligung oder der Ausrichtung an einer gesellschaftlich konstruierten „Normalität“ – also quasi „Heilung“ durch Technik – geht Peggy einen Schritt weiter. Sie forscht explorativ mit Betroffenen, was Hörgeräte im Alltag eigentlich alles sein und ermöglichen können.

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Im Europa-Center tippt Malith derweil auf seine Uhr. Der Micky-Maus-Bildschirmschoner verschwindet. Eine Anzeige voller knallbunter App-Logos erscheint. Malith zoomt und zeigt, was seine Apple Watch alles einfängt: Gewicht, Puls, Kalorien, Steh – und Sitzdauer.

Zuverlässig trägt er seine Trainingsergebnisse ins Smartphone ein. Es observiert seinen Schlaf und erstellt dazu Statistiken. Er kennt seine Applications – und sie kennen ihn. „Sie sind ein Teil meines Bewusstseins”, sagt er.

Es ist ein Paradox, bewusster sein zu können, dadurch, dass man sich selbst keine Gedanken mehr machen muss. Aber es wirkt.

Wir interagieren mit unseren Devices und sie mit uns, sie holen uns aus dem Schlaf, erinnern uns an Geburtstage der Eltern und verwalten unseren Arbeitsalltag.

Sie codieren unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, durch Tinder und Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Instagram.

Wenn Malith aufwacht, fragt er nach dem Wetter – nicht seine Freundin, sondern Alexa. Mit der Sprachassistentin von Amazon checkt er seine Mails. Seine Apps sagen ihm, wie er geschlafen hat und von welchen Lebensmitteln er zukünftig die Finger lassen sollte.

Peggy und Malith geht es um Optimierung. Er möchte ein bisschen abnehmen, sie die individuelle Hörerfahrung verbessern.

Sie sagt: „Hear how you like to hear.”

Er sagt: „Ich bin ein absoluter Mainstream-Mensch.“ Mit seiner Apple Watch ist er an der Speerspitze gegenwärtiger Gesundheitstrends: Die Ausgaben für das körperliche Wohlbefinden sind 2014 in Deutschland laut einer Studie der Handelskammer Hamburg mit 293,8 Milliarden Euro auf einem Rekordhoch. Über elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden im Gesundheitssektor erwirtschaftet.

Es verwundert nicht, dass Unternehmen sich auf unser Verlangen nach Schönheit und Gesundheit stürzen. Es ist weitaus älter als Hörgeräte oder Apple Watches. 

Doch Firmen tun das nicht nur in Form von Applications oder Devices zur eigenen Anwendung. Laut der Studie der Handelskammer sind mittlerweile die Hälfte aller mittelständischen Unternehmen in Deutschland im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagement für ihre Angestellten aktiv.

Sie bieten Fitnesskurse an, Personaltrainer*innen und Ernährungshilfen. Und manchmal auch technische Geräte. Damit wir leistungsfähig bleiben und ja, auch um Stress zu reduzieren und unsere körperliche Beschaffenheit zu verbessern. Für ein längeres Leben und zur Vorbeugung von Krankheiten.

Vielleicht, damit es uns besser geht. Vielleicht, damit wir noch länger und noch effektiver arbeiten können.

Die Entscheidung, wie wir Applications und unsere Daten verwenden wollen und was wir mit ihnen anstellen, sollte idealerweise bei uns liegen. Um es mit Peggy zu sagen: „Don’t be a slave of your device.” Und auch nicht Sklave irgendeines Unternehmens.

Anna Kuecking ist freie Autorin, Theaterpädagogin und Regieassistentin aus Berlin. Sie hatte immer das Gefühl, dem technischen Zeitgeist hinterherzuhinken. Deswegen machte sie sich auf die Suche nach Menschen, die ihr darin etwas voraushatten, mit dem heimlichen Anliegen, ihr Wissen zu optimieren. 

Artwork: Dominik Gauly