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Kolumne: Nachhaltiges Leben aus migrantischer Perspektive – wenn heute zum guten Ton gehört, was früher belächelt wurde

Autor*in

Melissa Graber

Eisbox Mint Teibtner

In meiner Erinnerung war die unterste Schublade in der Küche meines Elternhauses immer die, die vor Plastiktüten überquoll. Jede Tüte, die wir mit nach Hause brachten, wanderte direkt dorthin, verschwand dort in einer größeren Plastiktüte oder wurde direkt als Mülltüte recycelt.


Alles wurde aufgehoben und wiederverwendet, und während die Plastiktüte mittlerweile zum flatternden Symbolbild wurde für alles, was in Hinblick auf das Klima falsch läuft, steht sie für mich auch gleichzeitig für den Inbegriff von Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit, das ist das Buzzword, das einem heutzutage von überall entgegen springt. Das eigene Leben nicht nachhaltig zu gestalten ist ungefähr so uncool geworden wie Porridge wieder Haferschleim zu nennen oder das Flugzeug als Verkehrsmittel in Betracht zu ziehen. Doch: Nachhaltigkeit muss man sich leisten können.

Ich stehe im Biomarkt und neben mir lässt ein älterer Herr jeden Champignon einzeln in eine braune Papiertüte rascheln. Er wirkt wie jemand, der sein Leben im Griff hat; wie jemand, dessen ökologischer Fußabdruck im Minusbereich ist. Schuldbewusst drücke ich meinen Stoffbeutel enger an mich. Darin: frisches Obst vom türkischen Wochenmarkt, jedes davon verpackt in dünne Plastiktüten.

Ich denke an verschiedenste Blogger*innen, die ihre Einkäufe vom Marktsamstag in gehäkelten Einkaufsnetzen transportieren und Mantra-artig wiederholen, wie leicht es ist, auf Plastik zu verzichten. Ja, denke ich, aber auch, dass sie das Rad nicht neu erfunden haben. Was heute zum guten Ton gehört, wurde von vielen Familien bereits vorgelebt, die gar nicht anders konnten, als an allen Ecken zu sparen und aus Mangel an Alternativen kreativ werden mussten.

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Über dem Gemüse liegen in einem Regal besagte Häkelnetze, ich schaue auf den Preis und muss laut lachen bei der Vorstellung, dass es irgendwo Haushalte gibt, die womöglich ein Schubfach voller gehäkelter Einkaufsnetze haben.

Was heute Upcycling heißt, war früher ein aus der Not heraus geborenes Phänomen, insbesondere in migrantischen Familien. Verstohlen holen wir unsere Lunchboxen aus unseren Schulranzen. Es sind nicht die neuesten Tupperware-Modelle, sondern gespülte Eisbehälter. Wo früher noch ein Liter Vanilleeis war, liegt nun die Familienportion Börek. Das Kind soll ja auch teilen.

Auch heute noch erschließt sich mir der Sinn nicht, unnötig viel Geld für eine ökologische Metall-Lunchbox auszugeben, solange ich doch noch andere Boxen habe, die zwar nicht meinem ästhetischen Anspruch gerecht werden, aber immer noch ihren Zweck erfüllen – nämlich meine Snacks von A nach B zu transportieren.

Ebenso wenig benötige ich drei verschiedene Trinkflaschen, die zwar aus recycelten Materialen hergestellt wurden, aber eben auch ein Konsumprodukt sind, aus dessen Kauf eine Firma Kapital schlägt. 

Besonders sauer stößt mir auf, dass heute viele Dinge als „Life Hack“ oder „Green Essential“ verkauft werden, für die ich mich früher sehr geschämt habe.

Dass man einen zweistelligen Betrag für eine simple, gehäkelte Einkaufstasche zahlen kann, die im besten Fall auch noch als Accessoire für den nächsten Post bei Instagram dient, für die man aber Jahre vorher noch belächelt wurde; ein Produkt, das als „öko“ galt.

Dass der Coffee To Go nun aus Einweckgläsern getrunken wird, während wir früher aus gespülten Senfgläsern tranken und seltsame Blicke ernteten. Dass der individuelle Konsum als etwas zelebriert wird, für das viele Familien nicht die Mittel haben, sich aber zu helfen wissen müssen.

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Wir haben nur eine Erde. Und wir können gegenseitig aufeinander rumhacken und unser Komsumverhalten kritisieren; wir können es aus Trotz sein lassen und für jeden Einkauf zehn Cent in eine Plastiktüte investieren. Wir können auch jedes neue Produkt, das mit dem Label Nachhaltigkeit wirbt, kaufen und uns besser damit fühlen.

Womit wir aber dringend anfangen müssen, ist, die großen Firmen zu kritisieren, die sich nicht um Umweltschutz scheren und sich darüber freuen, dass Individuen versuchen, den Planeten zu retten, wohlwissend, dass sie daran alleine nur scheitern können.

Vielleicht können wir aufhören, uns in einem fälschlichen Überlegenheitsgefühl gegenüber anderer Kulturen zu suhlen, nur weil wir dankend eine Plastiktüte ablehnen oder weil wir es uns leisten können, eine Strecke mit der Bahn zurückzulegen als mit dem Flugzeug.

Don’t shame the people, shame the system. 

Tanya Teibtner illustriert diese Kolumne. Die in Kolumbien geborene und größtenteils in Deutschland aufgewachsene Künstlerin hat an der Universität der Künste Berlin Visuelle Kommunikation studiert. Im Fokus ihrer Arbeit stehen Illustrationen mit Atmosphäre, die mit Tusche gezeichnet und digital koloriert werden.