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Kolumne „Contouring & Gesellschaft“: Können wir uns mit Make-up selbst finden?

Autor*in

Yasmin Polat

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Foto: Marcus Gaab

Yasmin Polat ist Journalistin und Autorin. Sie schreibt über die großen kulturellen Themen: Gesellschaft, Identität und Make-up. Ihre momentane Lieblingsbrand ist Westman Atelier. Ihr erstes Make-up-Produkt war ein Lipgloss-Roll-on, der an einer Mädchenzeitschrift klebte.

Vorbei sind die Zeiten von schiefen Eyelinern, schlecht sitzenden oder zu dunklen Foundations — ist euch aufgefallen, wie gut wir alle im Schminken geworden sind? Wir alle haben eine Make-up-Metamorphose durchgemacht.

Berlin-Kreuzberg in den Neunzigerjahren. Ein achtjähriges Mädchen schmiert grünen Lippenstift an die weiße Tür ihres Kinderzimmers. Sie lässt den Stift nach oben, unten, links, rechts ziehen. Ganz fasziniert sieht sie dabei zu, wie dieser seine ursprünglich grüne Farbe beim Auftrag zu rot wechselt. Die weiße Kreuzberger Kinderzimmertür ist jetzt voller roter Striemen.

Das bin ich, die den Lippenstift an die Tür schmiert und meine Mutter verärgere. Sie wird das gleich wieder sauber machen.

Ich habe keine Ahnung, was ich da tue und schaue einfach nur gebannt auf die Tür mit den roten Streifen.

22 Jahre ist das jetzt her. Nichts ließ damals vermuten, dass ich eines Tages mal wissen würde, wohin der Lippenstift eigentlich gehört und wie man diesen möglichst auslaufsicher aufträgt.

Ich bin mittlerweile 30 Jahre alt, Make-up ist eines meiner Hobbies und ich bin mein eigener Schmink-Profi geworden. 

Ich habe eine Make-up-Metamorphose durchgemacht.

Damit bin ich aber nicht allein. Ist euch aufgefallen, wie verdammt gut wir alle im Schminken geworden sind?

Vorbei die Zeiten von schiefen, wackeligen Eyelinern, schlecht sitzenden oder zu dunklen Foundations – heute sitzen bei vielen von uns Handgriffe, die es vor ein paar Jahren ausschließlich beim Gang zum Visagisten gab. 

Wir alle haben eine Make-up-Metamorphose durchgemacht.
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marcjacobsbeauty.com
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Die Metamorphose (aus dem Altgriechischen „metamórphosis“, zu Deutsch: Umgestaltung, Umwandlung) beschreibt auch heute noch in der Tierwelt die Verwandlung vom Ei zum geschlechtsreifen Tier.

In der griechischen Mythologie war die Metamorphose ein fester Bestandteil im Repertoire der Götter und Göttinnen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Zeus wurde zum Stier, um Europa zu entführen. Narziss wurde zur gleichnamigen Blume, um niemanden mit seinen Narzissmus in den Wahnsinn zu treiben.

Und wir Menschen der Industrie-Moderne wurden zu fähigen Make-Up-Gött*innen, um uns jeden Tag so gut wie möglich fühlen zu lassen.

Der Beauty-Markt wächst stetig und macht heute Produkte und Utensilien zugänglich, die einst nur Visagisten vorbehalten waren. Außerdem wird alles stetig verbessert und weiterentwickelt.

Wer einmal an die früheren, fusseligen Drogerie-Pinsel oder harten Mini-Lidschatten-Applikatoren denkt und dann an die weichen beautyblender-Schwämme oder zarten Echthaar-Pinsel von heute, wird mir zustimmen.

Als ich Lippenstift noch an Türen schmierte, war Make-up für mich eine verschlossene, geheimnisvolle Welt. Diese Welt befand sich lange hinter den verspiegelten Türen unseres Badezimmerschrankes in Berlin-Kreuzberg. An den Schrank und die interessanten Utensilien meiner Mutter kam ich nur, wenn ich auf den Rand der Badewanne kletterte.

Unter Einsatz meines Lebens balancierte ich auf dem Badewannenrand, um an einen grünen Jade Maybelline Eyeliner zu gelangen, den meine Mutter sich immer in ihre Wasserlinie auftrug. Oder um den fuchsia-farbenen Lippenstift auszuprobieren, der nach alter Knete roch und den meine Mutter immer sorgfältig mit einem Kosmetiktuch zwischen den Lippen abnahm.

Es waren die Neunziger und meine Mutter liebte den Achtziger-Make-up-Look. Bei mir sah das alles nie so schön aus wie bei ihr.

Ich selbst habe dann erst ein paar Jahre später angefangen, mit Schminke zu experimentieren. Mit 13 trug ich monatelang klaren, klebrigen Lipgloss und sonst nichts. Mit 15 kam hier und da ein Lidschatten dazu, meist ein Extra, das an einer Mädchenzeitschrift klebte.

Und irgendwann, als die unreine Haut sich zeigte, war mein erster Concealer da: Ein viel zu dunkler und rosé-stichiger Coverstick von Clearasil. Heute graust es mir, wenn ich an die feste Textur des Concealers denke, die sich wie ein Wachsmalstift über die Haut gelegt hat. Aber damals war das okay. 

Mein Können war jahrelang nur auf Mascara, Concealer (im ganzen Gesicht, wie eine Foundation), Lidstrich (mit viel Übung) und Lippenstift beschränkt.

Dann kam YouTube und meine Make-up-Metamorphose begann.

Make-up und Beauty ist heute eine ganze Welt.
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Ebrus Beautylounge on YouTube

2010 wurde mir in meinen Video-Empfehlungen eine deutsche Beauty-YouTuberin vorgestellt, die ich bis heute sehr liebe. Ebru von „Ebrus Beautylounge“ schminkte sich, kochte, testete Make-up-Produkte. Für mich war das ein toller Service; ich konnte mich vor Fehlkäufen schützen, die mir oft widerfahren waren und neue Marken kennenlernen.

Ich durfte mich weiterbilden. Das wichtigste aber: Während sie sich schminkte, erzählte sie von sich selbst. Von ihrer Scheidung, ihrem Auswandern, von ihren Schwestern. Ich sah einer Freundin dabei zu, wie sie sich fertig machte und erfuhr dabei etwas über ihr Leben, Halo Eye-Looks oder Ombré-Lippen. 

Andere Beauty-YouTuberinnen kamen hinzu, ich erfuhr immer mehr. Hatice Schmidt zum Beispiel klärte mich auf, dass es Primer gibt, für Gesicht und die Augen, um das Make-up haltbarer machen.

Dank anderer Videos erfuhr ich, wie man sich das Gesicht wie Kim Kardashian konturiert. Welche Mascara die richtige für meine schweren, langen Wimpern sein könnte. Dass „swatchen“ bedeutet, man trägt die Produkte zum Test auf dem Handrücken oder dem Arm auf. Und so weiter und so fort.

Langsam verfeinerte ich meine Fähigkeiten und begriff, worauf es bei Produkten ankommt, welche Fragen ich mir vor einem Kauf stellen musste: Welche Konsistenz muss ein Lidschatten haben, damit er möglichst wenig krümelt und lange hält? Was sind die Vorteile einer leicht oder stark deckenden Foundation? Brauche ich wirklich Highlight im Gesicht?

Beauty-YouTube hatte einen riesigen Anteil an meiner Entwicklung vom Make-up-Ei zum geschlechtsreifen Make-up-Enthusiasten. Ohne die Videoplattform und deutschen Beauty-Gurus besäße ich nicht einmal einen Bruchteil meines heutigen Wissens über Marken, Texturen, Produkte, Herstellungsprozesse.

Ich würde mir noch immer inspirationslos die Wimpern tuschen und irgendeinen Lippenstift auftragen, der nicht den idealen Unterton hätte. Und ich lerne immer noch: Erst letzte Woche habe ich beispielsweise gelernt, wie ich meine Pinsel richtig reinige.

Make-up ist Zeitgeschichte, eine moderne Erzählung, die kein Ende hat. Immer wieder gibt es neue Looks, neue Produkte kennenzulernen, die das Leben und Schminken etwas einfacher und schöner machen sollen. Und allein in Deutschland kommen immer neue Beauty-Experten hinzu.

Mit Blick auf die US-amerikanische Beauty-Szene auf YouTube, wird noch deutlicher, wie wichtig gut sitzendes Make-up und die Geschichte dahinter für große Teile der Gesellschaft geworden sind. YouTuber*innen wie nikkietutorials oder James Charles haben Millionen Abonnenten und bereits mehrere, eigene Make-up-Produkte auf den Markt gebracht.

Solche Influencer-Kollaborationen werden regelrecht gehypet; ganze Websites krachen da mal am Launch-Datum zusammen. Zuletzt so geschehen bei der Zusammenarbeit von Make-up-Master Jeffree Star (16,6 Millionen Abonnenten) und Unterhalter Shane Dawson (23,1 Millionen Abonnenten) im November.

Deren Lidschattenpaletten „Conspiracy“ und „Controversy“ waren so gefragt, dass die Website für mehrere Stunden nicht erreichbar war. Das sorgte für Gesprächsstoff, der wiederum auf so genannten „Drama-Channels“ bearbeitet wurde.

Diese Drama-Channel drehen sich um den Gossip vor und hinter den Beauty-Guru-Kameras. Welcher YouTuber hat den schlechtesten Deal mit der großen Make-up-Brand ausgehandelt, wessen Lippenstifte waren kontaminiert, wer hat das Paletten-Design von wem geklaut? Alles wird verwertet.

Make-up und Beauty ist heute eine ganze Welt. Und diese Welt ist für mich nach vielen Jahren aus dem Kreuzberger Badezimmerschrank getreten. YouTube hat die verspiegelte Schranktür geöffnet.

Wir alle haben über den ein oder anderen Weg zu unseren perfekten Foundation-Untertönen und uns selbst gefunden. Die Metamorphose ist vollbracht, der Eyeliner sitzt.

Wäre ich heute nochmal vor der weißen Tür in Berlin-Kreuzberg, würde ich den Lippenstift vielleicht einfach auf meinem Handrücken swatchen. Und dabei feststellen, dass die Farbe zu gelbstichig für mich ist.

Meine Empfehlung: der „Under(cover) Coconut Primer“ von Marc Jacobs (hier erhältlich). Das Make-up of the month beinhaltet eine Cut Crease vom Feinsten mit Lidschatten aus der „Sunrise“-Palette von Natasha Denona (hier erhältlich). Wir wissen, was wir hier tun. Und wir lieben es.

Wie Make-up Identität stiftet: Zur ersten Ausgabe von Contouring & Gesellschaft geht es hier.