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Kolumne „Contouring & Gesellschaft“: Wie Make-up Identität stiftet

Autor*in

Yasmin Polat

Yasmin Polat ist Journalistin und Autorin. Sie schreibt über die großen kulturellen Themen: Gesellschaft, Identität und Make-up. Ihre momentane Lieblingsbrand ist Westman Atelier. Ihr erstes Make-up-Produkt war ein Lipgloss-Roll-on, der an einer Mädchenzeitschrift klebte.

Ilymagayine

Obwohl Make-up Teil einer jahrhundertealten Tradition ist, fliegen Beauty-Interessierten auch heute noch unzählige Vorurteile um die Ohren. Wie kann das sein? Musste sich Cleopatra damals schon ständig für ihren (offenbar sehr gut gezogenen) Wing-Eyeliner rechtfertigen? 

Kaum vorstellbar, sonst hätte sie wohl nicht die Zeit gefunden, als letzter weiblicher Pharao in die Geschichte einzugehen. Wir sind vielleicht nicht Cleopatra, aber haben auch besseres zu tun, als uns ständig zu rechtfertigen. 

Denn Interesse für Make-up ist mehr als nur oberflächlicher Bullshit. Hier sind drei Facetten Make-up-Liebe, die viel tiefer gehen als es irgendeine Foundation je könnte.

Erstens: Make-up auftragen ist ein Ritual.

Schminken gibt uns einen Moment nur für uns, so wie Zähneputzen oder duschen. Und jemandem, der sich gern die Zähne putzt, wird wohl kaum Oberflächlichkeit unterstellt. Dabei ist gerade schminken auch eine Möglichkeit zur täglichen Selbstreflexion. Mit dem Blick in den zweifachen Vergrößerungsspiegel stellen sich auch Fragen zur eigenen Identität und dem Gesicht im Spiegel der Gesellschaft. Wen sehen wir da gerade? Wer wollen wir heute sein?

Food for Thought, während das Gesicht bakt: Foucaults „Ordnung des Diskurses“. Denn der Poststrukturalist und Begründer der Diskursanalyse hat die verschiedenen Ausschließungssysteme gesellschaftlicher Diskurse bereits gut umrissen. Eines dieser Systeme sei laut Foucault die Unterscheidung zwischen vermeintlichem Wahnsinn und Vernunft.

Was ist Wahnsinn und was Vernunft? Definitionssache. Wir Make-up-Enthusiast*innen sind für einige Diskursteilnehmer*innen sicher auf der Seite des Wahnsinns. Dabei gibt das tägliche Make-up-Ritual auch geistige Gelassenheit.

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Denn zweitens: Schminken ist Meditation und Motivation.

Beim gleichmäßigen verblenden des Bronzers kehrt Ordnung auf unserem Gesicht und Ruhe im Geist ein. Es soll sogar Leute geben, die mit dem Auftragen des doch schwierigen Nude-Make-up-Look ins Nirwana der Beautywelt gekommen sind. Alles eine Frage der Diskursperspektive. Den meisten von uns gibt Make-up aber tägliche Motivation: Sobald der Eyeliner sitzt, können wir dem Tag ins Auge sehen. Die rot geschminkten Lippen geben uns vielleicht das nötige Selbstbewusstsein, öfter „Nein“ zu sagen. Und mit ein bisschen Setting Spray können wir der Welt die Stirn so bieten, wie sie unserer Meinung nach aussehen soll.

Das führt uns zum dritten und wichtigsten Punkt: Make-up ist Selbstermächtigung.

Jeden Tag können wir aufs Neue sein, wer und wie wir wollen. Superstar Lady Gaga sieht das ähnlich. Zum Launch ihrer eigenen Beauty Brand „Haus Laboratories“ hat sich Gaga an ihre Mutter erinnert. Auf ihrem Instagram-Account schreibt sie: 


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„I remember watching my mother put her makeup on every morning, basking in the glow of her power to put on her bravest face as the hard working woman she was. I then began to experiment with makeup as a way to make my dreams of being as strong as my mother become true.“

Mama Gaga hatte Make-up offenbar wie wir und Millionen anderer Menschen auch heute noch begriffen: als Teil einer Routine, sich selbst nah zu sein und zu stärken. Als ein Hilfsmittel, sich in der Welt zu behaupten. Als Werkzeug zur Selbstliebe.

Also warum wird dekorative Kosmetik in einigen politischen und gesellschaftlichen Lagern noch immer belächelt oder sogar als Feind des Feminismus angesehen? Was ist so bedrohlich an Menschen, die sich mit Lippenstiften auseinandersetzen? Warum werden uns gleich seichte Persönlichkeiten und Gefallsucht angedichtet? Unser Concealer soll Augenschatten und keine gesellschaftlichen Missstände verdecken. Und auch mit dem perfekten Wing-Eyeliner können wir patriarchale Strukturen im Auge behalten. Fragt mal Cleopatra.

Wir machen das nicht für andere — wir machen das für uns. Kleider machen vielleicht Leute, aber wir erschaffen Make-up-Looks. Denn Schminke definiert nicht uns; wir definieren, was schminken uns bedeutet. Wir sind politisch interessiert, gesellschaftlich engagiert und interessieren uns für gut sitzende Primer und Lidschatten.

All das ist Teil des Diskurses. Und der ist eben nicht schwarz-weiß, sondern bunt —mit kühlen, neutralen und warmen Untertönen.