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Häkeln ist der Trend für eine Generation, die jedes Zeitgefühl verloren hat

Autor*innen

Lia Haubner, Ben Sharp

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„Häkeln ist der Zeitraffer meines Lebens“, sagt die französische Designerin Odély Teboul im Interview mit Vogue über ihr Handwerk. Die neue Kollektion ihres Labels Lou de Bètoly wurde im Januar bei der Berliner Modewoche gezeigt. Die Handarbeiten für die Umsetzung ihrer Entwürfe übernimmt Teboul selbst.

Hinter ihren Kreationen dürfte damit monatelange Arbeit stecken. Sie macht das alleine. Wenn man das Tempo betrachtet, das die Mode sonst vorlegt, ist das ein radikaler Ansatz.

Häkeln im Zeitalter der Instagram Stories: ein Akt der Selbsterhaltung, der unsichtbare Stunden konsumiert, während die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums auf 15-Sekunden-Häppchen konditioniert ist. Denn Teboul sieht ihr Handwerk als Möglichkeit, Vergangenes nicht nur wiederzuerleben, sondern auch zu nutzen, erklärt sie Vogue. In der Konfrontation mit der Vergangenheit entsteht etwas Neues. Und die Zeit, die man zwangsläufig investieren muss, verbringt man noch dazu mit sich selbst.

Natürlich könnte man dem Häkeln zugute halten, dass es Zeitfenster schafft, die sich viele wünschen, aber nie freihalten. Doch es geht um mehr. Beim Warten auf die Bahn, auf der Heimfahrt, am Sonntagmorgen am Fenster: Handarbeit beschäftigt uns anders.

Sie bedingt, dass wir Zeit so bewusst fühlen, wie wir es kaum noch gewöhnt sein dürften. Die Hände sind mit Nadel und Maschen beschäftigt, der Kopf hat Freiraum: Ein Produkt, das über Tage, Wochen und Monate entsteht, spiegelt die vergangene Zeitspanne der Fertigstellung wider. Es reflektiert, wer wir in dieser Zeit waren – vor allem, weil wir die Möglichkeit hatten, überhaupt darüber nachzudenken.

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Häkeln stellt die Frage, ob wir uns selbst noch ertragen können

„Aus der Bewusstseinspsychologie wissen wir, dass ich die Zeit dann wahrnehme, wenn ich mich selber wahrnehme“, sagt der Forscher Marc Wittmann im Gespräch mit Zeit Campus. Der Psychologe und Humanbiologe untersucht unter anderem Gehirnaktivitäten von Menschen, um herauszufinden, wie sich die Wahrnehmung von Zeit in unserem Leben verändert.

Dass wir uns kleine Wartezeiten am liebsten mit dem Smartphone vertreiben, bedinge zum Beispiel, so Wittmann im Zeit Campus-Interview, den Eindruck, dass die Zeit verfliegt – und damit auch unser Gefühl für sie. Die vermeintliche Beschäftigung sei vor allem eine angenehme Ablenkung.

Wer beim Warten auf die Bahn durch einen Artikel scrollt, verhindert, dass die Gedanken um den eigenen Tag kreisen. Das muss per se nichts Dramatisches sein: Haben wir uns allerdings daran gewöhnt und dann doch mal keinen Akku mehr, fühlen wir uns ausgeliefert – an uns selbst.

Hier setzt Handarbeit an. Häkeln stellt die Frage, ob wir uns selbst noch ertragen können. Tebouls Handwerk ist damit Zeitraffer und Zeitlupe in einem. Das kann sich heilsam anfühlen: Wer man in der Zeitspanne der Fertigstellung war und was man gefühlt hat, schließt man mit der Beendigung des Werks ab. So entsteht Raum für Neues, ohne das Alte aus den Augen zu verlieren.

Wenn es danach geht, sollten Töpferkurse und Meditationsworkshops demnächst Konkurrenz von Nadel und Faden bekommen – und Zeitgefühl das wichtigste Accessoire der Saison werden.

Fotografie: Nora Heinisch