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Wenn ein Nose-Job provoziert: Wir akzeptieren Künstlichkeit, wenn sie natürlich aussieht – und das ist ein Problem

Autor*in

Anna Ehrenstein

'Was ist passiert?

– Nose Job.

„Warum? Ich hab nie gesehen, dass deine Nase groß oder so ist.“

„Warte, du bist doch Künstlerin, hast du dir die Nase operieren lassen, um eine Performance Arbeit zu machen? Das ist abgefuckt, ich bin verwirrt.“

„Oh krass, bist du sicher? Du wirst dann gar nicht mehr albanisch aussehen.“

„OMG, YASSS, wie teuer? Ich will auch.”

„Okay, aber du hast dir als Kind ja die Nase gebrochen, deshalb ist das keine Operation sondern nur eine Korrektur. Und das ist ja dann okay.“

– Hä?


Im progressiven Berlin, in der jede*r alles sein kann und Queer-Feminismus kein Fremdwort ist, ist es ein überraschend provokativer Akt, einen Gips auf der Nase zu tragen. Dieses weiße Accessoire, welches ich im Rahmen einer Videoarbeit trage, sorgt durch die blockierten Atemwege nicht nur für extreme Mundtrockenheit, sondern fixiert Form und Septum post-rhinoplastisch.

Warum ist ein plastischer Eingriff artifiziell, die Dominanz über den Körper im Fitnessstudio jedoch nicht? Und wie kommt es dass die eine Veränderung des selbst erstrebenswert, die andere jedoch Manipulation genannt wird? Weshalb sind wir immer noch der felsenfesten Überzeugung direkt von der Ästhetik einer Person auf ihre Position in der Gesellschaft herableiten zu können?

Sind wir vor einem „fake-natural“-Ideal besessen? Und warum ist faken okay, solange Künstlichkeit natürlich aussieht?

Mehrheitlich setzt unsere Gesellschaft Grenzen zwischen Natur und Künstlichkeit so, dass sie die Person schützt, die bereits auf der Sonnenseite entspannt. Soll heißen: Wer dem Ideal entspricht, muss sich nicht damit auseinandersetzen, etwas zu verändern. Wer jedoch etwas verändert, um dem Ideal zu entsprechen und den Prozess diese Veränderung auch noch sichtbar macht, muss sich rechtfertigen.

Wir sind als Gesellschaft davon besessen, unseren Körper entweder als unseren Gott-gegebenen, heiligen Fleischberg zu schützen und zu wahren, oder turbo-kapitalisiert „living my best life“ - bis zum letzten Molekül zu perfektionieren. Fraglos haben auch die erleuchteten Herren der Aufklärung ihren Teil dazu beigetragen. So haben sie ein gutes Stück Besessenheit für uns übrig gelassen, den Menschen am Gesicht erkennen zu wollen. Nachdem sie das philosophische „Zeitalter der Vernunft“ einläuteten, propagierten sie durch rationales und wissenschaftliches Denken alle dem Fortschritt entgegenstehenden Strukturen zu überwinden.

Fatalerweise ging es dabei allein um ihren eigenen Fortschritt und ihre eigene Vernunft, denn im 19. und frühen 20. Jahrhundert etablierten sie auch die sogenannte „Rassenlehre“ und stellten diese als wissenschaftlich fundierte Theorie dar. Es ist kein Geheimnis, dass dies mit dem geopolitischen Kolonialsystem zusammenhängt und zu dem imperialistischen, westlichen Schönheitsbild geführt hat, das heute global existiert und ebenfalls eine ganze Reihe von Problemen verursacht. 

Zurück zu meinem Nose Job. Ich bin nicht sonderlich insta-fame und auch, wenn ich mich innerhalb der sozialen Medien nicht einsam fühle, bin ich ungefähr so sehr Influencerin wie meine Nachbarn vom Kebapladen auf der Hermannstraße. Das heftige Nachrichten-Gewitter, das auf mich hereinbrach, nachdem ich mit Nasengips auf Instagram und Facebook zu sehen war, hat mich also ziemlich überrascht.

Natürlich rechnet man mit ein paar Reaktionen. Aber eigentlich war ich so naiv und dachte, dass hartes Aufsehenerregen mit Schönheits-OPs eher 1980er wäre.

Zwischen meinem Gips und den 1980ern sind immerhin eine 3. und 4. Welle des Feminismus vergangen.

Dazu gehören Überlegungen zu „Cosmetic Surgery as Feminist Utopia“ in Women’s Studies der 1990er. Auch wenn plastische Chirurgie auf den ersten Blick den Höhepunkt der Unterdrückung des weiblichen Körpers darstellt, haben innerhalb der letzten 20 Jahre postmoderne, feministische Theoretiker*innen das visionäre Potential erforscht. Ein Beispiel dieser Strategie ist die Body-Art-Performance der Künstlerin ORLAN, die sich in den 1990ern erst ein fiktionales Gesicht designt und es danach chirurgisch hat erstellen lassen. Durch die Übertreibung dieser Geste lässt sich die vorherige, repressive Assoziation verändern und für feministische Zwecke zurückerobern: „Wer will ich sein?“

Scheinbar hat sich aber weniger verändert als ich dachte. Unter anderem deshalb beschäftige ich mich als Künstlerin mit Tätigkeiten, die mich laut Internet näher oder weiter weg von meinem „wahren Selbst“ bringen. Ein Teil davon sind Thomas Metzingers Buch „Ego Tunnel“. Hier beschäftigt er sich mit der Frage, was unser „wahres Ich“ oder überhaupt Bewusstsein ist. Er, sagt dieses „Selbst“ sei genauso virtuell und konstruiert wie unsere Realität. 

Ist der Grund für diesen konstruierten Zusammenhang vielleicht einfach, dass wir das „ethische, wahre Ich“ oft eher als passiv sehen und nicht als aktiv und spekulativ? Ist Natürlichkeit passiv und Künstlichkeit das Ergebnis einer Arbeit? Das wäre logisch, hat jedoch mit unserer spätkapitalistischen Praxis nicht mehr viel zu tun. Diese klare Trennung macht in einer Gesellschaft, in welcher wir alle durch unterschiedliche Manipulationen wie Hormone, Medikamente oder Diäten unseren Zustand verändern, keinen Sinn. Natürlichkeit ist ein Konstrukt ohne biologisches Fundament und wird meist genutzt um moralische Kontrolle über andere ausüben zu können.

Folgerichtig könnte man jetzt sagen, dass die Ästhetisierung des Körpers lediglich sexistische und imperialistische Stereotype reproduziert. Diese Aussage hat einen wahren, bitteren Kern. Jedoch vergisst sie in ihrer Radikalität, dass die Realitäten in denen wir alle leben, komplex und fragmentiert sind. Dass diese Realität zwar noch kein Augmented-Reality-Filter ist, aber man Methoden der Unterdrückung auch zur Ermächtigung nutzen kann. Und als positiv agierender Teil unserer Gesellschaft, als Mensch auch dann ganz okay ist, wenn man sich so lange operieren lässt, bis man aussieht wie der eigene Snapchat-Filter.

Anna Ehrenstein ist Künstlerin und in der Videoarbeit „Real Thomas Metzinger“ auf der Suche nach ihrem wahren Ich. Dafür beschäftigt sie sich mit Neurowissenschaft und Philosophie, testet Herkunft und verschollene Verwandten in ihrer DNA, de-kolonialisiert ihren Vornamen und spielt mit femininen Archetypen plus Gips.