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„Eine Form von Selbsttherapie“: Wie Tattoos meine Mental Health beeinflussen

Autor*in

Melissa Graber

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Melissa Graber ist in einer bayerischen Kleinstadt und am Bosporus groß geworden. In ihrer Kolumne beschäftigt sich die 28-Jährige mit Fragen zu ihrer Identität – geprägt von zwei Kulturen, die zu ihr gehören. Dabei geht es um Klischees, vermeintliche Ideale und Dinge, die sie als Teenager in einer Klasse voller Peters und Sabrinas im Süden Deutschlands gerne gelesen hätte. 

Ich habe ein großes Problem mit dem Konzept von „für immer”. Ich verstehe, dass „für immer” einfach schöner klingt als „für einen jetzt noch ungewissen Zeitraum und danach kommt was Neues, was zwar anders, aber auch gut ist”.

Die Vorstellung von „für immer” erscheint mir zu abstrakt und weckt unrealistische Erwartungen. Das hindert mich aber auch nicht daran, mich in regelmäßigen Abständen unter die Nadeln meiner Lieblingstätowierer*innen zu legen. Und so ein Tattoo, wenn es nicht aus einer Kaugummipackung kommt und mit Wasser aufgetragen wird, das hat man bekanntlich wirklich den Rest seines Lebens.

Mein erstes Tattoo bekomme ich mit Anfang 20. Ich sitze im schummrigen Vorraum des Kleinstadttätowierers (es gibt nur einen) und weiß nicht, was mich erwarten wird. Nicht nur dort, sondern überhaupt auf das ganze Leben bezogen. Wieder aufgetaucht nach einer depressiven Episode sind meine Ansprüche relativ niedrig, aber der Wunsch nach Ruhe und Ordnung im Kopf groß und ich lasse mir ein Mandala tätowieren, das mich an dieses Ziel erinnern soll. Während des Stechens schießen mir unzählige Gedanken durch den Kopf, während ich einen Schmerz aushalte, der ganz anders ist als ich ihn erwartet habe. Drei Stunden später verlasse ich den Laden wieder und fühle mich anders, als ich ihn betreten habe. Es ist ein Gefühl, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz greifen kann, aber es fühlt sich an, als könnte ich einfach alles schaffen.

Für mein zweites Tattoo fahre ich durch die halbe Republik, unwissend, dass dieser Tag einiges in mir lostreten wird. In sieben Stunden wird auf meinem Oberschenkel ein Motiv verewigt, das sinnbildlich für jeden Schmerz steht, den ich in meinem jungen Leben bisher durchgestanden habe. Währenddessen führen mein Tätowierer und ich tiefsinnige Gespräche, wie ich sie zuvor nie mit einem völlig Fremden geführt habe. Wir reden über Mut und die Liebe, über Trauma und wie man davon heilt, aber auch über unsere Lieblingsessen und ab wie vielen Tattoos man sich sagt „das war jetzt aber das letzte” (Spoiler: nie). In der darauffolgenden Nacht liege ich lange wach und treffe für mich einige folgenschwere Entscheidungen. Eine davon ist: noch mehr Tattoos.

Es erscheint paradox, sich etwas tätowieren zu lassen, das einen stetig an die dunklen Zeiten erinnert (als könnte man diese auch so jemals vollständig vergessen). Doch es ist viel mehr als das und es beginnt bereits mit der ersten Linie, dem ersten Schmerz, der wie alles in Wellen kommt. Man sitzt symbolisch ein zweites Mal durch den Schmerz, der dieses Mal jedoch ein selbstgewählter ist – und in absehbarer Zeit auch wieder vorbei. Das Gefühl, das einen beim ersten Betrachten des neuen Motivs auf sich überkommt, lässt sich mit nichts als Wärme beschreiben.

Es ist meine Form von Selbsttherapie, ein kleines Stück vom Glück, Dünger für meinen Serotonin-Haushalt.

Unzählige Tattoos später begleitet mich immer noch das Gefühl der Leichtigkeit des Allerersten. Auch wenn meine neueren Motive inzwischen weit an Bedeutung verloren haben und in erster Linie nur noch einen ästhetischen Anspruch erfüllen, fühle ich mich hinterher jedes Mal ein klein wenig wohler in meinem Körper – ein Körper, der sich für viele Jahre nicht wie ein Zuhause angefühlt hat. Sich tätowieren zu lassen, das ist auch immer eine bewusste Entscheidung, und in vielen Fällen fühlte es sich wie die einzige Möglichkeit an, wieder Kontrolle über mich und meinen Körper zu erlangen; ihn zu formen nach meinen Vorstellungen.

Mit meinen Tätowierungen auf mir fühle ich mich stark, fast schon unbesiegbar. Das muss ich auch, denn großflächige Tattoos ziehen Blicke auf sich und Blicke können sich oft wie Messer anfühlen. Ich steige in die volle Bahn und spüre ein Dutzend dieser Messer; ich hebe stolz den Kopf und richte mich auf, alles an mir prallt ab. Ich trage meine Geschichten auf meiner Haut, anstatt sie stumm ein Leben lang in mir drin zu tragen. Es ist meine Form von Selbsttherapie, ein kleines Stück vom Glück, Dünger für meinen Serotonin-Haushalt. 

Wenn ich die Hände meiner Freund_innen halte, während diese tätowiert werden, fühlt sich dieses Band stärker an als alles jemals zuvor. Hinterher flanieren wir durch die Straßen, als würden sie uns, den gebrannten Kindern, gehören. Vielleicht tun sie das auch und wir lachen zu laut, während wir bereits unsere nächsten Tattoos planen.

Tanya Teibtner illustriert diese Kolumne. Die in Kolumbien geborene und größtenteils in Deutschland aufgewachsene Künstlerin hat an der Universität der Künste Berlin Visuelle Kommunikation studiert. Im Fokus ihrer Arbeit stehen Illustrationen mit Atmosphäre, die mit Tusche gezeichnet und digital koloriert werden.