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Wasser predigen & Wein trinken: „Ich bereue nichts“ ist eine feige Lüge, die wir uns selbst erzählen

Autor*in

Rea Mahrous

Wandtattoo Carpe Diem Floral

Je ne regrette rien? Je regrette a whole lot actually. „Ich bereue nichts“ höre ich immer wieder und sofort erklingt Edith Piaf im Hinterkopf.

„Ich bereue nichts“ ist die Ausnahme in meinem Umfeld, in dem niemand wirklich viel auf Inspirational Quotes gibt – das sind diese rosarot verklärten Sprüche über die Kraft der positiven Gedanken, die deinem tristen Alltag eine Prise Dead Poets Society-Vanilla-Spice in Form von Wandtattoos einhauchen sollen.

Selbst der größte Blödsinn, den du je verbockt hast, hat dich also zu der vermeintlich weiseren Person gemacht, die du heute bist, möchte dir dieses hartnäckige „Bereue nichts“ sagen, und deshalb ist es gut, dass das alles so passiert ist.

Ich kann mir vorstellen, dass eine solche Einstellung Mut machen oder etwa eine gewisse Entspanntheit den Dingen gegenüber anregen soll. Aber wie genau funktioniert dieses nichts-Bereuen? Und ist es wirklich so erstrebenswert? Denn bei all den positiven Absichten klingt das alles auch irgendwie unreflektiert und selbstgerecht.

Diese Herangehensweise eliminiert jeglichen Anspruch, das Geschehene und damit auch bestehende Strukturen und Abläufe kritisch zu hinterfragen und aus der Vergangenheit zu lernen: Wenn wir uns nur oft genug sagen, dass die Dinge so passieren, wie sie passieren sollen und alles seinen Grund hat, dann ist Reue de facto unnütz. Doch sobald es eine Trial-and-Error-Situation gibt (also täglich ungefähr 297 Mal), gibt es auch ein Reuemoment.

Über Fehler in der Vergangenheit, die schlicht und einfach da sind und eine*n nur ganz vielleicht etwas fürs Leben gelehrt haben, über die spricht niemand so richtig.

Dieses imperative „Bereue nichts!“ geht mir deshalb doch eher auf die Nerven, als dass es mich inspiriert, denn ich bin 31 und bereue bisher ungefähr mein halbes Leben:

Ich bereue, dass ich als Teenager nicht in Therapie gegangen bin.


Ich bereue auch, dass ich damals so unbedingt erwachsen sein wollte, dass ich einen Teil meiner Kindheit verpasst habe.


Ich bereue, dass ich nach dem Abitur direkt an die Uni gegangen bin, obwohl ich wusste, dass es nicht das war, was ich machen wollte, und deshalb jahrelang gelitten habe.


Ich bereue, dass ich mit 19 viel Geld verschwendet habe, das meine Eltern mühsam für mich angespart hatten.


Ich bereue, mich nicht früher zu meinen Stärken und Interessen bekannt und für mich eingestanden zu haben.


Ich bereue, dass ich in Momenten geschwiegen habe, in denen ich den Mund hätte öffnen sollen.

Die Liste geht noch weiter, aber ich merke: Ich bereue viel. Fühlt sich das gut an? Nein. Bin ich alleine damit? Auch nicht – zum Glück.

Googelt man „Was bereuen die Menschen?“ kommen meist rührselige Geschichten über das, was am Sterbebett erzählt wird. Was mit denen ist, die noch leben, findet man allerdings nicht auf den ersten Seiten der Suchergebnisse.

Wer lange sucht, stößt allerdings irgendwann auf Secret Regrets – ein Projekt, bei dem Menschen online anonym Dinge teilen, die sie bereuen. Von „Ich wünschte, ich hätte meiner damaligen Freundin nicht mein Laptop-Passwort gegeben“ bis hin zu „Ich wünschte, ich hätte dich nach der Freigabe zur Adoption noch einmal aufgesucht“ sind hier ganze Bände menschlicher Reue in Form von Dreizeilern nachzulesen.

Meine Gedanken lassen sich also offensichtlich nicht damit begründen, dass ich in den 31 Jahren, in denen es mich gibt, ganz besonders viel Mist gebaut habe, sondern schlicht damit, dass wir alle Dinge bereuen, aber in einer Welt leben, in der man die eigenen Fehler lieber nicht laut zugibt.

Und das ist doch schon der Knackpunkt: Reue ist scheinbar etwas, das Fehlern inhärent ist und enttabuisiert gehört. Ihr Annehmen ist für mich eher gesunder Pragmatismus denn ein Festhängen in der Vergangenheit. Denn solange ich durch das Bereuen Fehler einsehe und Konsequenzen für die Zukunft aus ihnen ziehe, scheint mir diese verpönte Reue ein ziemlich menschliches Symptom zu sein, das Lernprozesse erst so richtig ins Rollen bringt.

Ich tue das, und zwar gefühlt jede Woche, wenn nicht sogar täglich. Ich erlaube es mir, Dinge, die ich sage oder tue, zu bereuen und meinen Lebenslauf neu zu formulieren, die Puzzleteile neu zusammenzusetzen.

Es mag für manche nur eine weitere Formulierung sein, aber: Zu behaupten, man bereue nichts und im nächsten Satz zu erzählen, man hätte aus Fehlern gelernt, ist für mich wie Wasser zu predigen und Wein zu trinken (Wandtattoo!!!).

Wer Fehlentscheidungen einsieht und infolgedessen das eigene Handeln anpasst, hat in der Regel auch bereut und daraus gelernt. Und nicht in einen mentalen Ruhezustand zu verfallen, sondern konstant dazuzulernen, ist doch genau genommen ein sehr schönes, gesundes Ziel.

Deshalb hier ein neuer Kampfspruch, den du dir statt Piafs selbstgefälligem „Je ne regrette rien & pfeife auf die Vergangenheit“ in filigraner Kalligraphie über die Elle tätowieren lassen kannst: Destigmatize Regret.

Bildsammlung: Julia Rosenstock