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Aufwachsen mit Spiritualität: Wenn deine Mutter Dinge beim Universum bestellt

Autor*in

Melissa Graber

Dg Universe Illustration 02

Melissa Graber ist in Bayern und am Bosporus groß geworden. In ihrer Kolumne beschäftigt sich die 28-Jährige mit Fragen zu ihrer Identität – geprägt von zwei Kulturen, die zu ihr gehören. Dabei geht es um Klischees, vermeintliche Ideale und Dinge, die sie als Teenager in einer Klasse voller Peters und Sabrinas im Süden Deutschlands gerne gelesen hätte. 

Das Dorf, in dem ich groß wurde, liegt in der bayerischen Provinz und ist so, wie man sich ein Dorf vorstellt: konservativ-christlich geprägt, der CSU-Ortsverein lädt einmal jährlich zum Weißwurstfrühstück in der Mehrzweckhalle ein und der Verwandtschaftsgrad „Cousin 1. Grades“ stand einer erfüllenden Ehe noch nie im Wege.

Und dann war da meine türkische Mutter, die zwar fließend Deutsch spricht, Nachhilfe beim örtlichen Pfarrer nahm, um meinen Kommunionsunterricht aktiv mitgestalten zu können, aber eben auch eines war: Muslima. Die Einzige im Dorf.

Die Frage, ob meine Mutter gläubig sei, verneinte ich immer. Denn was die fragende Person zumeist eigentlich wissen wollte, war: Trägt deine Mutter ein Kopftuch? Betet sie fünfmal täglich Richtung Mekka? Habt ihr einen Koran zu Hause? Sprich: Waren die vermeintlichen Werte des bibeltreuen Fragestellers in Gefahr?

Dabei glaubt meine Mutter tatsächlich an sehr viel. An Engel, Sternzeichen, mich und das Universum. Letzteres sollte in meinen Teenager-Jahren noch eine wichtige Rolle spielen – aber von Anfang an.

Dg Universe Illustration 01
„Liebes Universum, bitte lass meine Haare lockig werden und am besten auch naturblond.“

Dass meine geliebte Mutter eine spirituelle Ader hat, war für mich das Normalste der Welt. So normal, dass ich es schon befremdlich fand, wenn andere Kinder nicht an Schutzengel glaubten. Wer passte denn sonst auf sie auf, wenn deren Mamas gerade nicht da waren? Ah, richtig, die Nanny.

Eine Frage, die mich bis heute beschäftigt: Wenn der Mond Einfluss auf die Gezeiten hat, weshalb sollte der Rest des Universums dann keinen Einfluss auf uns haben? Wir, die doch auch zu größten Teilen nur aus Sternenstaub bestehen. Und so wuchs ich auf, mit Engeln und dem Wissen, dass es Mächte in den Sternen und Planeten gab, die wir nicht greifen konnten.

Ich hatte gerade meine erste Bravo bekommen, war also offiziell ein Teenie, da fing meine Mutter an, Dinge nicht mehr aus dem Otto-Katalog zu bestellen, sondern beim Universum. Ja, beim Universum.

Ein Ende der 1990er Jahre sehr populäres Buch lehrte die hohe Kunst der Universumbestellungen. Das Prinzip war einfach erklärt: Man wünscht sich etwas fest beim Universum, muss dann vergessen, dass man es sich gewünscht hat und darauf vertrauen, dass das Universum einen Weg finden wird, den Wunsch wahr werden zu lassen.

Von da an fing auch ich an, allerlei Wünsche in die weite Galaxie zu äußern.

Liebes Universum, bitte lass noch ein letztes Buttercroissant für mich beim Bäcker übrig sein! Hallo Universum, Melissa wieder hier, ich habe nicht für Latein gelernt – bitte lass mich nicht mündlich abgefragt werden. Universum, ich grüße dich ganz lieb und wünsche mir heute einen freien Platz am Fahrradständer vor der Haustür.

Was soll ich sagen? Es klappte und ich war angefixt.

Mit der Zeit wurden meine Wünsche fordernder und unrealistischer. Ich fühlte mich, als hätte ich mit meinen 15 Jahren den Code geknackt. Von nun an gab ich mich nicht mehr mit Gebäck und einer soliden 4 in Latein zufrieden.

Ich wollte mehr. Ich wollte schön sein.

Liebes Universum, bitte lass meine Haare lockig werden und am besten auch naturblond. Schrumpfe meine Nase und wenn du schon dabei bist, mach auch diesen lästigen Höcker weg; gib mir eine Stupsnase aus dem Bilderbuch. Universum, wenn du mich wirklich liebst, verteile meine Proportionen anders und lass meine Haut weißer werden.

Ich bat den Mond und die Sterne, mein unerreichbares Schönheitsideal wahr werden zu lassen.

Erst heute, viele Jahre später, kann ich verstehen, was mich dazu bewegt hat, dem Universum meine Bestellungen zu schicken. Es war so einfach, eine höhere Macht für Dinge verantwortlich zu machen, die ich niemals hätte ändern können. Selbstmitleid schmeckt viel besser, wenn man sagen kann: Ich habe alles versucht. Wenn Merkur rückläufig ist, kann ich ja auch nichts dafür.

Gewissermaßen wurden meine Wünsche aber viele Jahre später doch erhört: Meine markante Nase? Finde ich heute großartig (und lasse es jede Person ungefragt wissen). Nach einem missglückten Blondierungsversuch, der mich für einige Wochen wie Cruella de Vil aussehen ließ, habe ich Frieden mit meiner dunkelbraunen Mähne geschlossen.

Die Wünsche von damals wandelten sich langsam und stetig kreisend in Akzeptanz und Gelassenheit. Selbstliebe muss wachsen und hört nie auf damit. Ich glaube, das Universum hat den Samen dazu gepflanzt. Es fing an mit einem kleinen, unscheinbaren Buch und vielleicht war dies das erste Geschenk des Universums an mich.

Spiritualität ist Teil meines Alltags, aber keine alles bestimmende Kraft mehr. Noch immer führe ich lange Gespräche mit meiner Mutter über unsere Engel, Sternzeichen und Energien. Wenn eine Person fest an mich denkt, spüre ich ein Kribbeln im Hinterkopf.

Ich glaube an die Kraft von Heilsteinen und konnte schon mehrere Male eine aufkeimende Panikattacke mit dem kleinen Rosenquarz in meiner Manteltasche wegstreicheln – vermutlich war es aber auch einfach das Vertrauen in mich selbst, dieser Situation gewachsen zu sein. Trotzdem verlasse ich das Haus nicht mehr ohne.

Wachstum tut weh, wie auch die Erkenntnis, dass eine gewisse Sternenkonstellation alleine nicht für mein Unglück verantwortlich ist. Blicke ich in den klaren Nachthimmel, überkommt mich eine tiefe Ruhe. Ich finde jetzt Halt in dem Universum in mir, in meiner eigenen Umlaufbahn.

Artwork: Dominik Gauly