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Kolumne: „Du bist so reif für dein Alter“ – Wie du erwachsen wirst, wenn du es sein musst

Autor*in

Melissa Graber

Iloveyoumagazine Magazine Beauty Reife Bravo Cover 2003

Melissa Graber ist in Bayern und am Bosporus groß geworden. In ihrer Kolumne beschäftigt sich die 28-Jährige mit Fragen zu ihrer Identität – geprägt von zwei Kulturen, die zu ihr gehören. Dabei geht es um Klischees, vermeintliche Ideale und Dinge, die sie als Teenager in einer Klasse voller Peters und Sabrinas im Süden Deutschlands gerne gelesen hätte.

Es ist mein zwölfter Geburtstag. Als ich mittags von der Schule nach Hause komme, liegt auf dem Esstisch neben meiner Geburtstagstorte eine Ausgabe der BRAVO.

Freudestrahlend beglückwünscht meine Mutter mich und teilt mir mit, dass ich jetzt offiziell kein Kind mehr sei. Teenager lesen die BRAVO, keine Comics. Mir fehlen die Worte und ich überlege fieberhaft, wo diese scheinbar Goldenen Regeln des Erwachsenwerdens festgehalten sind und warum man mir das nicht früher erzählt hatte.

Beschämt blättere ich durch die Seiten, überspringe die mit den nackten Menschen, lese auf den Dr.-Sommer-Seiten etwas von Kondomen und Menstruieren und werfe mich danach auf mein Himmelbett zum Heulen.

Da war sie also vorbei, meine Kindheit.

Ich bin dreizehn und mein Hase stirbt; liegt eines Morgens apathisch im Garten. Ich weine die ganze Fahrt im Schulbus über, bis ich ein Kribbeln im ganzen Körper spüre und weiß: Das ist ein Lebewohl.

Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn ins Licht hoppeln und im gleichen Takt hämmert das Herz in meiner Brust. Es ist mein erster Kontakt mit Trauer und ich fühle mich wie eine offene Wunde.

Der Tod grüßte mich mit einem leichten Kopfnicken. Von nun an würden wir uns öfter begegnen.

Das Wort „Depressionen“ höre ich zum ersten Mal mit sechzehn.

Ich sitze in der kahlen Praxis einer katholischen psychologischen Beratungsstelle und halte ein Stück Papier in den Händen, auf denen kleine Figuren mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken abgedruckt sind.

Ich soll einkreisen, wie es mir heute geht. In allen Sitzungen ist es die Figur mit den heruntergezogenen Mundwinkeln ganz unten links in der Ecke.

Es fühlt sich an, als wäre mein Leben bereits vorbei und mir kommen bei dem Gedanken nicht einmal mehr die Tränen. Ich spreche es nicht laut aus.

Mit achtzehn Jahren bekomme ich einen Anruf aus dem lokalen Krankenhaus und mein Kopf stellt auf Autopilot. Da sind endlos lange, leere Gänge und grelles Neonlicht. Da sind flatternde, weiße Kittel und meine Mutter mit leeren Augen angegurtet an ein Krankenhausbett. Da sind das Wort Suizidversuch aus dem Mund einer jungen Ärztin und ein zittriger Abschiedsbrief auf dem Küchentisch.

Auf dem Parkplatz weine ich mir das Herz aus dem Leib, über eine Stunde sitze ich dort und kann nicht aufhören; was hätte ich auch sonst tun sollen. Ich wusste, jetzt war ich die Erwachsene.

Die Rollen waren vertauscht, Freaky Friday, aber als Tragikomödie. Von nun an passte ich auf. Wachte Tag und Nacht an ihrer Seite. Lernte die Gerichte zu kochen, die sie früher für mich zubereitete. Sagte Sätze wie „Melde dich, wenn du Zuhause bist“ und„Hast du deine Medikamente genommen?“. Machte Arzttermine aus und erledigte Behördengänge.

Nebenbei schrieb ich mein Abitur, das mir nahezu lächerlich irrelevant erschien angesichts aller Dinge, die ich dazu noch jonglierte.

Ich wusste, jetzt war ich die Erwachsene

Mitte Zwanzig und dieses „auf eigenen Beinen fest im Leben stehen“ fühlt sich eher an wie ein Fohlen, das auf Wackelpudding versucht, laufen zu lernen. Ich habe meine erste eigene Wohnung bezogen und mein erster, erwachsener 40-Stunden-Job schubst mich direkt ins Burnout.

Eine fremde Frau in der Fußgängerzone nimmt meine Hände und erklärt mir, ich sei eine alte Seele. Ich will ihr gerne glauben. An manchen Tagen fühle ich mich wie eine Banane, die zum Reifen zu den anderen Früchten in den Obstkorb gelegt und dann vergessen wurde.

Immer öfter höre ich, wie reif ich für mein Alter sei, und es lässt mich die unbeschwerten, naiven Momente vermissen, die ich in einem anderen Leben hätte haben können.

Reife, das war bei mir meist mit Tränen verbunden. Alle davon weinte ich alleine, trocknete ich alleine. Eine selbstgewählte Einsamkeit, aus der ich mich an den Haaren wieder herausziehe wie ein Puppenspieler seine Marionette.

Und erst, als in mir die vollkommene Leere war, war da auch wieder Platz für Neues.

Für Licht.

Reifen bedeutet Wachsen und das geht immer nur der Sonne entgegen.

Bilder mit freundlicher Genemigung von BRAVO, alle Cover aus dem Jahr 2003