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Es sollten nur Haare sein, doch sie sind viel mehr. Warum mein Körper politisch ist

Autor*in

Melissa Graber

I LOVE YOU Alle Haare sind schön

Melissa Graber ist in einer bayerischen Kleinstadt und am Bosporus groß geworden. In ihrer Kolumne beschäftigt sich die 28-Jährige mit Fragen zu ihrer Identität – geprägt von zwei Kulturen, die zu ihr gehören. Dabei geht es um Klischees, vermeintliche Ideale und Dinge, die sie als Teenager in einer Klasse voller Peters und Sabrinas im Süden Deutschlands gerne gelesen hätte. 

Self-care,​ denke ich, und blicke meinem größten Feind ins Auge - meinem Ebenbild mit den dichten, dunklen und vor allem wild wachsenden Augenbrauen im Vergrößerungsspiegel. Denn hinter den vermeintlichen #eyebrowgoals steckt schwerste Arbeit, körperliche und emotionale.

Während ich den Spiegel noch justiere, rattert es in meinem Kopf bereits auf Hochtouren.

Wann wird Oberlippenflaum eigentlich wieder en vogue? Frage für den Mofafreunde e.V. Castrop-Rauxel. Ich zupfe das erste Härchen und reflexartig schießen mir Tränen in die Augen. ​Self-care,​ murmle ich mit zusammengebissenen Zähnen.

“Ja, liebe Peters und liebe Sabrinas aus der 7. Klasse, ich könnte mir auch eine Monobraue wachsen lassen, wenn mir danach wäre.“

Ich mag meine Augenbrauen, ich mag sie wirklich. Sie verhindern, dass mir Schweiß in die Augen tropft, während ich hitzig das Patriarchat zerlege oder bei 39 Grad in der U8 stehe und mich frage, wieso Achselhaare an weiblich gelesenen Körpern immer noch für Fingerdeuten und Tuscheln sorgen.

Ich kann meine Augenbrauen skeptisch hochziehen, wenn ein Mann mir erklären möchte, dass Schambehaarung bei Frauen unhygienisch sei und meine Tattoos ja viel besser zur Geltung kommen würden, wenn meine Arme rasiert wären.

Wie ein Phoenix aus der Asche erhob ich mich, als die strichdünnen Augenbrauen der frühen 2000er von den buschigen Brauen à la Cara Delevingne abgelöst wurden.

Über Nacht wurde aus meinem vermeintlichen Makel ein Schönheitsideal. Plötzlich war ich begehrenswert – wohlgemerkt nur, so lange ich meine restliche Körperbehaarung gesellschaftskonform trimmte. Dunkle, lange Haare waren weiterhin nur auf meinem Kopf ansehnlich.

Und um die Fragen meiner Mitschüler*innen aus der 7. Klasse zu beantworten: Ja, liebe Peters und liebe Sabrinas, ich könnte mir auch eine Monobraue wachsen lassen, wenn mir danach wäre. Bestimmt habt ihr mittlerweile auch einen Frida-Kahlo-Wandkalender unter eurem „Hygge“-Wandtattoo hängen.

Alleine der Gedanke zurück an meine Schulzeit lässt mich erschaudern. In Stochastik war ich mies, aber mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% kann ich sagen, dass man als Deutschtürkin in einer bayerischen Kleinstadt das ganze Repertoire an haarigen Vorurteilen und vermeintlichen Witzen zu hören bekommt.

Drei Haare auf den Zehen? „Alarmstufe Hobbit!“ Damenbart? „Entschuldigung, Sicherheitsdienst!“ Das Schamhaar guckt seitlich aus dem Badeanzug heraus? Offenbar ein Weltuntergang.

Mit 13 Jahren bekniete ich meine Mutter, mir Enthaarungscreme zu kaufen, sie wiederum bekniete mich, damit doch noch zu warten. Mehrere Heulanfälle bei Kaufland später bekam ich meinen Willen.

Ich fühlte mich nie wieder so erwachsen wie damals, als ich die ersten Anzeichen meines Erwachsenwerdens mit Creme und Spatel entfernte.

Von da an verbrachte ich wertvolle Lebenszeit, die ich nie mehr zurück bekommen werde, damit, meinen Körper so glatt wie einen Babydelfin zu zupfen, zu schmieren, zu spachteln, zu rasieren. Für – nichts.

Ich rannte einem Schönheitsideal hinterher, das in Selbsthass wurzelte. Möglicherweise tue ich es immer noch, wenn ich aus Gewohnheit die paar Haare, die an meinen Beinen noch sprießen, alle paar Wochen epiliere.

Ich werde mir meine Achselhaare nicht als Akt der Rebellion bunt färben, denn sie sind gut genau wie sie sind.

Und ich bin so müde davon. Von einer Gesellschaft, die diktiert, wie Frauenkörper idealerweise auszusehen haben, von Standards, die unerreichbar sind, vom Druck, erfüllen zu müssen. Von Werbungen, die Rasierer auf glatten Frauenbeinen zeigen und nicht die Schnittwunden und Hautirritationen, die damit einhergehen.

Ganz zu schweigen von dem Struggle, eine Position zu finden, in der man gleichzeitig die Poritze erreicht und die eigene Würde bewahrt.

Müde von Blicken außerhalb der Filterblase, sobald der Sommer beginnt und die Hälfte der Menschheit so tut, als wäre Körperbehaarung ein Verstoß gegen das Grundgesetz. Müde von einer Industrie, die reich wurde, indem sie unsere Körper als einen einzigen Makel behandelte. So, so müde.

Es sollten nur Haare sein, doch sie sind viel mehr als das. Mein Körper ist politisch. Ich schulde meinem Vergangenheits-Ich eine Entschuldigung, eine warme Umarmung und die Stimme, die sagt: „Es ist okay.“

Meine Arme sind behaarter als die meines Partners und ich habe den schönsten dunklen Oberlippenflaum von mehreren Generationen starker, lauter Frauen geerbt. Ich habe Haare auf den Zehen und manchmal gehen meine Augenbrauen nahtlos in meinen Haaransatz über.

I LOVE YOU Alle Haare sind schön
I LOVE YOU Alle Haare sind schön

Meine „Straße zum Glück” ist eine achtspurige Autobahn und ich habe Haare zwischen, auf und unter den Brüsten. Ich werde mir meine Achselhaare nicht als Akt der Rebellion bunt färben, denn sie sind gut genau wie sie sind. Die Zeit, die ich früher mit Haarentfernung verbrachte, investiere ich nun besser. Ich erlaube mir selbst, zu wachsen – und damit meine ich nicht nur meine Körperbehaarung von den Achseln bis hin zum großen Zeh.

Ich muss gar nichts. Und das ist gut so; das ist wahre ​Self-care​. Sich die Freiheit zu nehmen, nicht zu müssen.

Illustration: Marie Dommenget