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Kolumne: Essen bedeutet Leben. Essen ist politisch. Essen bringt uns zusammen – wie Teilen jede Mahlzeit zum Superfood macht

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Melissa Graber ist in Bayern und am Bosporus groß geworden. In ihrer Kolumne beschäftigt sich die 28-Jährige mit Fragen zu ihrer Identität – geprägt von zwei Kulturen, die zu ihr gehören. Dabei geht es um Klischees, vermeintliche Ideale und Dinge, die sie als Teenager in einer Klasse voller Peters und Sabrinas im Süden Deutschlands gerne gelesen hätte.

„Hast du schon gegessen?“ ist wahrscheinlich eine meiner meistgestellten Fragen überhaupt. Sie ersetzt für mich ein „Wie geht es dir?“ und völlig gleich, wie die Antwort ausfällt: Innerhalb weniger Minuten trumpfe ich mit einer halben Festtagstafel auf und sorge über die nächsten Stunden dafür, dass meine Gäste satt und mit aufgeknöpfter Hose nach Hause fahren. Zweifellos, Liebe geht durch den Magen und bringt von dort jede Zelle meines Körpers zum Vibrieren vor Glückseligkeit. Ich bin keine Frau großer (gesprochener) Worte, aber ich weiß genau, wie man rührselige Liebesbriefe auf Tellern anrichtet. Nachschlag inklusive.

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Als Kind war ich die Erste, die am Tisch saß, sobald das Essen fertig war. Ich komme aus einer Familie, in der sicher nicht alles so glänzte wie das gute Silberbesteck, die aber schon seit jeher über Essen bondete, sich versöhnte, Erinnerungen schuf und niemals eine Mahlzeit ausfallen lassen würde.

Und hier steckt bereits ein Teil der Magie: Die gute Gesellschaft und deren Geschichten, die über Tellerklappern und dampfenden Schüsseln ausgetauscht werden. Über die Jahre lernte ich, die Gerichte mit Nostalgiefaktor nachzukochen und schwelge weiterhin mit jedem Bissen in süßen, gesalzenen und manchmal auch rohen Erinnerungen.

Da war zum Beispiel meine Großmutter Gülayse. Jedes Mal, wenn ich sie in ihrer winzigen Dachgeschosswohnung besuchen kam, machte sie eine Kerbe im Türrahmen, um zu sehen, wie viel ich seit meinem letzten Besuch gewachsen bin. Irgendwann musste sie sich dazu auf die Zehenspitzen stellen.

Vielleicht war sie es auch, die das „Hast du schon gegessen?” an die Generationen nach ihr weitergab. Irgendwann, mitten im Gespräch, stand sie auf und ging in die Küche, wohin man ihr unaufgefordert zu folgen hatte und ihr dabei zusah, wie sie Kartoffeln schälte, in dicke Scheiben schnitt und in einer rostigen Pfanne anbriet. Dabei erzählte sie an guten Tagen von ihrer Jugend und wie es war, als sie frisch geschieden und ohne ihre fünf Töchter nach Deutschland kam. Wie sie jedes Jahr Walnüsse sammelte, knackte und trocknete. Wie sehr sie den Hügel auf meiner Nase mochte und wie er sie ans Schwarze Meer und ihren Geburtsort erinnert.

Vor fast zehn Jahren aß ich das letzte Mal ihre salzigen Kartoffeln, aber vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder und der Türrahmen bekommt eine neue Kerbe.

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Wie steril muss eine Freundschaft sein, in der ich nicht mal unbedacht Gebäck mit meinen Händen berühren darf?

In der Grundschule hatte ich Freundinnen, die nicht zum Abendessen bleiben durften, weil die türkische Küche meiner Mutter „zu exotisch“ gewürzt sei für die kleine Sabrina (und weil Rassismus auch in den 1990ern existierte, machen wir uns nichts vor).

Ja, auch wenn es Fischstäbchen und Kartoffelbrei aus der Packung gab. Umgekehrt wäre ich gerne zum Abendessen bei anderen geblieben, musste aber oft still in den Zimmern meiner deutschen Freunde warten, bis diese mit der Familie das Tischgebet aufgesagt und gegessen hatten - wenn ich nicht vorher drucksend aus der Tür gebeten wurde.

Als meine Mutter das erfuhr, war sie rasend vor Wut und schimpft heute noch über jene Almans, deren Gastfreundschaft am Tellerrand aufhört. Vielleicht entlocken mir Witze über Futterneid deswegen nur noch ein müdes Lächeln.

Überhaupt entziehen sich diese Menschen der größten Freude: Essen teilen. Du bist von deinem 12-Euro-Lunch nicht satt geworden? I got this, bitte iss mein Brötchen, nein, nimm, ich will es wirklich nicht mehr! Spontaner Besuch? Easy, setz dich und iss mit uns, ich koche sowieso immer für die Großfamilie, die ich nicht habe. Entscheidungsschwierigkeiten im Restaurant? Lass doch einfach alles bestellen und wir tauschen ab der Hälfte, und ja klar, Nachtisch geht auch noch!

Von gemeinsamen Tellern zu essen katapultiert meine Zuneigung für eine Person ins Unermessliche. Wenn du mir jemals deinen Teller zugeschoben hast, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ich zu einem gewissen Zeitpunkt mal romantische Gefühle für dich hatte.

Es muss kein Festmahl sein. Eine vollwertige Mahlzeit können auch ein angebrochenes Glas Oliven und frisches Pide sein, das man mit den Fingern abreißt und sich in kurzen Gesprächspausen hinter die Backen schiebt; wo man nicht fragen muss: „Ist es okay, wenn ich das Brot anfasse?“, denn wie steril muss eine Freundschaft sein, in der ich nicht mal unbedacht Gebäck mit meinen Händen berühren darf? Essen bedeutet Leben. Essen ist politisch. Essen bringt uns zusammen.

Vielleicht ist es nicht nur Liebe, die durch den Magen geht, sondern alle anderen Gefühle auch. Die guten, die schwer verdaulichen, die versalzenen und die, die wie Suppe gelöffelt nichts als Wärme mit sich bringen.

Tanya Teibtner illustriert diese Kolumne. Die in Kolumbien geborene und größtenteils in Deutschland aufgewachsene Künstlerin hat an der Universität der Künste Berlin Visuelle Kommunikation studiert. Im Fokus ihrer Arbeit stehen Illustrationen mit Atmosphäre, die mit Tusche gezeichnet und digital koloriert werden.