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Kolumne: Wie ich dank eines Burnouts zur Pflanzenlady wurde

Autor*in

Melissa Graber

Pflanzenlady Karibikday

Melissa Graber ist in Bayern und am Bosporus groß geworden. In ihrer Kolumne beschäftigt sich die 28-Jährige mit Fragen zu ihrer Identität – geprägt von zwei Kulturen, die zu ihr gehören. Dabei geht es um Klischees, vermeintliche Ideale und Dinge, die sie als Teenager in einer Klasse voller Peters und Sabrinas im Süden Deutschlands gerne gelesen hätte.

Pflanzen haben das Internet erobert. Wo früher #catcontent war, findet man nun #urbanjungle, #plantparenthood und #plantstagram.

Wahrscheinlich mussten wir einsehen, dass Pflanzen sich nichts nachts um drei Uhr auf unsere Gesichter setzen und nach Futter verlangen. Sie werfen auch nicht das gute Geschirr mit Goldrand vom Tisch und haben ganz klare Präferenzen, ob sie sich drinnen oder doch lieber draußen aufhalten möchten.

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Aus den Crazy Cat Ladies wurden die Crazy Plant Ladies und ein Besuch in der Gartenabteilung im Baumarkt wird auf Instagram mittlerweile ähnlich zelebriert wie die Launchparty einer neuen Sneaker-Kollektion. Haul or it didn’t happen!

Das Foto einer üppigen, nicht verwelkten Topfpflanze symbolisiert: „Ich habe mein Leben voll im Griff. So sehr, dass ich mich auch noch easy um meine kleine, grüne Oase kümmern kann.“

Was aber, wenn man selbst die Oase ist?

Und wenn besagte Oase nicht die erträumte, malerische Perle in schneeweißen Dünen ist, sondern eher das verwahrloste und vergilbte Freibad aus dem Nachbarort, das seit einigen Jahren brach liegt und an allen Ecken vor sich hinschimmelt?

Zugegeben, es gibt schönere Metaphern für Depressionen, doch diese sollen an dieser Stelle nicht genannt werden. Depressionen sind nicht romantisch; sie sind keine artsy Schwarz-Weiß-Fotos mit Zigaretten und zu viel Wein. Sie sind schon gar nicht ein Accessoire, das man sich mal eben um den Hals wirft und abstreift, wenn man sich daran satt gesehen hat.

Ich kenne niemanden, der aus einer depressiven Episode stärker wieder hervor trat. Wir alle waren hinterher, als das Schlimmste vorbei war, ein wenig müder, ein wenig fragiler, ein wenig zaghafter. Man überlebt.

In meinem Jugendzimmer stand lange nur eine Pflanze, eine Zamioculcas – die Glücksfeder. Sie streckte sich stets dem Licht entgegen, das durch das schmale Dachfenster brach. Für jeden verwelkenden Trieb schossen an anderer Stelle zwei neue hervor. Ich bewunderte das; ich war gerade sechzehn Jahre alt und des Lebens überdrüssig. Der Gedanke, Photosynthese zu erlernen, klang weitaus verlockender und realistischer, als über meine Zukunft nachzudenken. Grün ist die Farbe der Hoffnung und wie viel Wahrheit darin steckte, sollte ich noch lernen.

Einige Jahre später kam dann die Quarterlife Crisis, Burnout, und damit auch die Depression – ich bezeichne das spöttisch als die Millennial-Dreifaltigkeit. Ich war in meine erste eigene Wohnung gezogen und von einen Tag auf den anderen brach der Boden unter meinen Füßen weg – und damit ist leider nicht das Fischgrätparkett gemeint.

Die Depression fragt nicht höflich, ob es gerade passt oder ob sie später nochmal kommen soll. Sie fegt wortlos an dir vorbei, springt mit ihren schmutzigen Schuhen auf deinem Bett herum und zieht alle Vorhänge zu, bis kein Licht mehr durchbrechen kann. Die neue Untermieterin sollte ein Jahr bleiben.

Wenn diese Pflanzen der Abwesenheit des Lichts standhalten konnten, wieso konnte ich das nicht? Die Antwort gab ich mir selbst: Weil ich mich um meine Pflanzen kümmerte, aber nicht um mich selbst.

Meine Glücksfeder von früher war mit mir umgezogen und im Laufe der Jahre gewachsen. Sie wurde nicht müde und meine Faszination diesbezüglich riss nicht ab.

Eine Freundin sagte mir mal die weisen Worte: „Wir sind alle nur Topfpflanzen mit komplexeren Emotionen“ und ich glaube, sie hat Recht. Unser Körper möchte bewässert werden und verzehren sich nach Sonnenlicht, um das essentielle Vitamin D zu produzieren. Zwar bezweifle ich, dass meine Monstera sich mit PMS herumschlagen muss und lernen musste, leise zu weinen, weil sie in der U-Bahn wieder traurige Tiervideos geschaut hat - aber auch das fällt wohl unter „komplexere Emotionen“.

Die Depression und ich, wir lebten in den Tag hinein, wobei „leben“ hier ein Euphemismus ist. Wir vegetierten. Die Tage flossen zäh ineinander über und selbst kleinste Tätigkeiten wie Aufstehen oder Haare waschen wurden zu einer Challenge. Ich war stolz, wenn ich es vor die Tür schaffte, um einkaufen zu gehen und brauchte danach drei Tage, um mich davon zu regenerieren.

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Auf halber Strecke zum Supermarkt lag ein Pflanzenladen. Er war riesig und in jeder dunklen Ecke fand man Pflanzen, die aussortiert und zum Spottpreis verkauft wurden. Zu klein, zu verwelkt, zu unförmig; ich kaufte sie alle, wir saßen im selben Boot.

Jedes Mal, wenn ich danach erschöpft auf mein Sofa sackte, blickte ich auf meinen Dschungel, der unbeirrt weiter wuchs, unbeeindruckt von mir und der Depression. In mir regte sich ein Gefühl, das erste seit sehr langer Zeit. Es war Trotz.

Wenn diese Pflanzen der Abwesenheit des Lichts standhalten konnten, wieso konnte ich das nicht? Die Antwort gab ich mir selbst: Weil ich mich um meine Pflanzen kümmerte, aber nicht um mich selbst. Es war so viel einfacher, einer anderen Lebensform die Art von Zuneigung zuzugestehen, die ich selbst verdient und so dringend gebraucht hätte.

Mit dieser Erkenntnis kamen auch zum ersten Mal innerhalb eines Jahres wieder Tränen. Irgendetwas in mir war zerbrochen, aber manchmal braucht es auch Scherben, um neues Glück einzuläuten.

Heute topfe ich meine Pflanzen um, weil die Töpfe zu klein geworden sind und vielleicht gibt es keine schönere Metapher für das Leben und Wachsen.

Immer, wenn ich andere Menschen von ihren Pflanzenbabies erzählen höre, wird mir sehr warm ums Herz. Vielleicht lagen auch sie mal da, am Boden, das Gesicht gen Himmel, und mussten erst wieder Wurzeln schlagen, bevor sie an das Aufstehen denken konnten.

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Tanya Teibtner illustriert diese Kolumne. Die in Kolumbien geborene und größtenteils in Deutschland aufgewachsene Künstlerin hat an der Universität der Künste Berlin Visuelle Kommunikation studiert. Im Fokus ihrer Arbeit stehen Illustrationen mit Atmosphäre, die mit Tusche gezeichnet und digital koloriert werden.