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Kolumne: Ramadan – Wie sich das überzeugte Fasten anfühlt

Autor*in

Esra Ayari

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In ihrer Kolumne „Wenn der Schmerz bleibt“ teilt Esra Ayari ihren Schmerz zwischen Fremdzuschreibung und Selbstbestimmung, zwischen Rassismus und Akzeptanz, zwischen Stolz und Scham. Er macht es der Journalistin und Speakerin fast unmöglich, über andere Themen zu schreiben. Auch wenn sie es möchte. Esra studiert Linguistik im Master und lebt in Köln.

Ich sitze in der Uni. Genauer gesagt im PC-Raum und mein Blick wandert immer wieder in die Cafeteria. Normalerweise würde ich auch dort sitzen und Kaffee trinken, nicht heute. Vermutlich die nächsten zwei Wochen nicht. Denn wir haben den Monat Ramadan und ich faste.

Es ist kurz vor fünf, meine liebste Tageszeit. Bis zum Fastenbrechen bleiben noch circa vier Stunden. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem meine Sinne geschärft sind, der Hunger nicht mehr spürbar ist und mein Kopf sehr klar.

Ich faste mittlerweile seit 13 Stunden, bis zum Fastenbrechen werden es insgesamt 17 gewesen sein.

Ist es schwer? Ich werde nicht lügen, es ist nicht einfach. Es ist gewöhnungsbedürftig. Der Kaffee am Morgen ist das, was ich am meisten vermisse. Sonst? Vollkommen machbar. Nach ein paar Tagen gewöhnt man sich daran und es wird immer einfacher.

Natürlich habe ich gut reden. Ich leiste keine körperliche Arbeit, habe flexible Arbeitszeiten und nur zwei Seminare an der Uni. Meine Mutter arbeitet in der Küche, jeden Tag. Mein Onkel ist Handwerker und auch sie schaffen es, ohne große Probleme. Denn uns eint ein sehr wichtiger Punkt: die Überzeugung.

Ich habe in der Vergangenheit oft versucht, außerhalb des Ramadan zu fasten und es nie geschafft. Den Körper entgiften, den Geist entrümpeln. Mal mit einer Saftkur, mal mit wohlschmeckenden Tees, mal mit Smoothies und so weiter. Nie habe ich es auch nur zwei Tage durchgehalten. Im Ramadan schaffe ich es aber, rund 30 Tage am Stück zu fasten.

Das Fasten im Ramadan ist eben nicht nur einfach fasten. Es ist so viel mehr. In erster Linie ist es eine bewusste Entscheidung, sich selbst auf Sparflamme zu setzen. Es ist eine Prüfung für den Körper und für den Geist. Eine bewusste Restriktion der lebenswichtigen Bedürfnisse.

Ich nehme wahr, wie viele Menschen beiläufig etwas essen, trinken oder rauchen. Ich sehe sie und weiß, dass ihnen nicht bewusst ist, wie glücklich sie sich schätzen können.
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Man verzichtet ja nicht nur auf das Essen und Trinken, sondern auch auf Geschlechtsverkehr und sexuelle Tätigkeiten jeglicher Art. Der Ramadan zeigt: Du bist mehr als das.

Nicht dass das Essen und Trinken und Sex schlecht wären, im Gegenteil. Muslime glauben daran, dass alles für uns erschaffen wurde. Auch die weltlichen Bedürfnisse und die Mittel ihrer Befriedigung. Sie als Gabe Gottes zu zelebrieren ist auch immer ein Gottesdienst. Du darfst und sollst es zelebrieren. Du kannst aber auch ohne. Du bist mehr als deine Triebe. Wenn du möchtest und überzeugt davon bist, dann kannst du eben auch 17 Stunden fasten.

Außerdem demonstriert der Ramadan noch etwas: Er veranschaulicht, wie ich die konstante Lebensmittelaufnahme als selbstverständlich betrachte. Es ist selbstverständlich, dass ich mir morgens einen Kaffee machen kann, mir Frühstück vorbereite, unterwegs noch einen Kaffee hole, vielleicht etwas Kleines snacke. Es ist selbstverständlich für mich. Nicht für andere.

Ich aber mache all das, ohne es zu hinterfragen, ohne mir bewusst zu sein, über was für ein Privileg ich dabei verfüge. Denn wäre mir das andauernd bewusst, dann würde ich unendliche Dankbarkeit fühlen und sie zum Ausdruck bringen. Mache ich aber nicht. Ich nehme die Avocado im Supermarkt nicht in die Hand und denke mir: „Wow, wie dankbar ich mich doch fühlen darf.“ Stattdessen denke ich: „Eine Avocado oder doch lieber eine Tüte Gummibärchen?”.

Wenn ich faste, ist das anders. Ich nehme wahr, wie viele Menschen beiläufig etwas essen, trinken oder rauchen. Ich sehe sie und weiß, dass ihnen nicht bewusst ist, wie glücklich sie sich schätzen können.

Ich nehme Gerüche intensiver wahr, das unendliche Angebot von Lebensmitteln und die andauernde Werbung für Essen und Restaurants. Der PC-Raum ist circa 30 Meter entfernt von der Cafeteria und trotzdem: Ich kann den Kaffee riechen. Meine Sinne sind so geschärft, dass der Duft der Bohnen mich erreicht.

Ich empfinde ein starkes Verlangen und im Grunde könnte ich jetzt einfach rüber gehen und mir einen Kaffee holen, aber ich mache es nicht.

Da ist sie nämlich wieder: die Überzeugung. Die mir die problematische Selbstverständlichkeit der ständigen Essensaufnahme demonstriert, meine Essensgewohnheiten überdenken lässt und meinen Willen stärkt. Den Körper entgiftet, den Geist entrümpelt. Und – natürlich – mich von dem leckeren Kaffee fernhält.