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Self-care ist ein Privileg: Wellness findet in Räumen statt, in denen ich mich unwohl fühle

Autor*in

Esra Ayari

In ihrer Kolumne „Wenn der Schmerz bleibt“ teilt Esra Ayari ihren Schmerz zwischen Fremdzuschreibung und Selbstbestimmung, zwischen Rassismus und Akzeptanz, zwischen Stolz und Scham. Er macht es der Journalistin und Speakerin fast unmöglich, über andere Themen zu schreiben. Auch wenn sie es möchte. Esra studiert Linguistik im Master und lebt in Köln.

Es gibt Räume, in denen ich mich unwohl fühle. Eine Sauna oder ein Massagesalon beispielsweise. Ich kenne diese Räume nicht. Denn meine Eltern, die ersten Bezugspersonen in meinem Leben, haben noch nie in ihrem Leben einen Massagesalon von innen gesehen. Wenn sie regelmäßig zum Arzt gehen, ist das schon Self-care.

Ich habe meiner Mutter zu ihrem Geburtstag mal einen Massagegutschein gekauft, in einem tollen und teuren Salon in Köln. Als sie den Umschlag öffnete, hat sie nur gelacht und gesagt: „Was soll ich damit?“

Für sie war die Idee einer Massage, die Idee, eine Stunde zu liegen und sich verwöhnen zu lassen, so abwegig, dass sie nur lachen konnte. Es war ein Raum, von dessen Existenz sie wusste, aber sich nie dort sah. Die Karte habe ich ihr vor sechs Jahren geschenkt und sie liegt noch immer verstaubt in einer Schublade.


Self-care ist ein Privileg, zu dem nicht jede*r Zugang hat.

Gehen wir noch ein paar Jahre zurück – zu meiner Großmutter. Zwar hat meine Mutter auch jahrzehntelang hart gearbeitet und tut das noch immer, aber die Daseinsberechtigung meiner Großmutter wurde mit ihrer Arbeitskraft begründet. Sie kam nach Deutschland, um zu arbeiten und sie tat in ihrem kurzen Leben nichts anderes. Ihr Körper wurde sehr jung krank.

Um über ihre seelischen Schmerzen über die Trennung von ihrer Familie zu schreiben, fehlen mir schlicht die Worte. Sie starb mit Anfang fünfzig. Ich war elf Jahre alt. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt mal einen Gedanken an ihre eigene Gesundheit verwendet hat. Ich kann sie nicht mehr fragen.

In einer Gesellschaft, in der diese Geschichten und Schmerzen unsichtbar sind und die Existenz Schwarzer und brauner Menschen an Bedingungen geknüpft ist, wird Self-care politisch und ist bitter nötig.

In einer Gesellschaft, in der deine Arbeitskraft gebraucht wird, aber deine Sorgen und Meinungen nicht gehört werden sollen, ist es lebensnotwendig, laut und sichtbar zu werden. Diese Sichtbarkeit wird aber durch strukturelle Asymmetrien verhindert.

Wie soll eine Frau, die in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen ist, kein Bildungsangebot bekommen hat, kein Wort Deutsch spricht und in gewissen Räumen nur weiße Gesichter sieht, diese selbstbewusst betreten?

In diesem Kontext wird ein Massagesalon ein unerreichbarer Raum, der bewusst von ihr ferngehalten wird. Ihn zu betreten war für sie unmöglich und dieses Unbehagen wurde generationsübergreifend weitergegegeben.

Und deswegen wird der vermeintlich banale Besuch in einem Massagesalon politisch: „Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare.“

Dieser viel zitierte Satz der Schwarzen Feministin und Schriftstellerin Audre Lorde verdeutlicht klar, dass die Erhaltung und Pflege der körperlichen und seelischen Gesundheit von rassifizierten Menschen nötig ist, um die eigene Existenz geltend zu machen.

Die Daseinsberechtigung nicht über Fremdzuschreibungen zu definieren. Sich selbst lieben, in einer Gesellschaft, in der du täglich um Legitimation kämpfen musst.

Sowohl meine Großmutter als auch meine Mutter hatten aber keinen Zugang zu dieser Art von politischer Bildung. Auch dieser Zugang ist ein Privileg. Sie konnten und können diese Relevanz, den politischen Charakter dieser Selbstliebe nicht erfassen, aber ich kann es.

Ich verfüge über einen Zugang, den sie nie hatten und den ich mir selbst erarbeitet habe. Und trotzdem: Ihre Schmerzen sind meine Schmerzen, ihre Wunden meine. Das ist der Grund, warum ich mich noch immer im Massagesalon unwohl fühle.

Dieses unwohle Gefühl hat System und seinen Ursprung in einem kollektiven Trauma. Es aufzubrechen ist schwierig, aber nötig.

Alleine schon, weil wir es den Generationen vor uns schuldig sind und sie im besten Fall in diese Räume mitnehmen müssen. Wenn es uns körperlich, zeitlich und finanziell möglich ist. Bis keine weiteren Karten in Schubladen verstauben.

Videos: Marcus Gaab