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Kolumne: Im Schmerz reifen – Esra Ayari über das Leben mit Islamhass und die Tage nach Christchurch

Autor*in

Esra Ayari

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In ihrer Kolumne „Wenn der Schmerz bleibt“ teilt Esra Ayari ihren Schmerz zwischen Fremdzuschreibung und Selbstbestimmung, zwischen Rassismus und Akzeptanz, zwischen Stolz und Scham. Er macht es der Journalistin und Speakerin fast unmöglich, über andere Themen zu schreiben. Auch wenn sie es möchte. Esra studiert Linguistik im Master und lebt in Köln.

Ein Terrorist stürmt in zwei Moscheen und tötet 50 Menschen. Sein Motiv: Islamhass. Er streamt seine abscheuliche Tat. Er möchte töten, er möchte Aufmerksamkeit. Sein jüngstes Opfer: Mucad Ibrahim. Er war drei Jahre alt, als er letzten Freitag von einem hasserfüllten Menschen regelrecht hingerichtet wurde. Er fiel dem antimuslimischen Hass zum Opfer, wie die anderen 49 Todesopfer.

Der Terrorist wählte bewusst den Freitag aus. Ein Tag, an dem sich viele Muslime in Moscheen versammeln, um das Pflichtgebet zu verrichten. Das wusste der Attentäter. Beängstigend. Was in Christchurch passierte, ist ein trauriger Höhepunkt im Kampf gegen antimuslimischen Rassismus. Ein Kampf, den ich nie bestreiten wollte und doch musste. Ein Kampf, der über die Jahre gereift.

Mit 20 Jahren, vor rund acht Jahren, hat es angefangen. Ich hatte gerade begonnen, zu studieren, arbeitete nebenbei im Café und war überhaupt nicht politisiert. Ich wurde ungerecht behandelt, erlebte Rassismus in der Schule, Sexismus im Job, doch ich konnte diesen persönlichen Kampf nicht verbalisieren, verfügte nicht über das Vokabular und das Wissen, um mich mitzuteilen.

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Der Fokus liegt nicht mehr nur auf dem Beklagen der Missstände, sondern auf dem Zulassen des Schmerzes

Ich dachte, dass es an mir lag. Ich war nicht klug genug. Dann ohrfeigte mich ein alter weißer Mann im Café. Er war betrunken, ich wollte ihn nicht weiter bedienen, er zeigte den Hitlergruß, äußerte sich rassistisch und holte aus. An diesem Tag änderte sich etwas. Ich wurde das erste Mal Opfer physischer Gewalt, getrieben durch Rassismus. Eine Gewalt, die nicht subtil war, wie die Jahre zuvor, die sich nicht langsam, aber sicher in meine Selbstsicherheit fraß. Diese Gewalt war roh, direkt, hart. Ich wusste, ich musste etwas tun.

Damals war ich naiv. Ich dachte, dass es an mir lag. Ich dachte, ich muss mich nur besser erklären und ich würde die Menschen überzeugen können. Ich fing an, zu bloggen. Über den deutschen Goethe und den persischen Hafis, über die romantisierte Vorstellung der Verbundenheit zwischen Ost und West. Über Liebe und Harmonie.

Ich publizierte meine ersten Beiträge bei Online-Medien und pries die Friedlichkeit im Islam an, schrieb über den tollen Zusammenhalt der Studierenden an einer rumänischen Universität. Meine Freundin studierte mit ihren palästinensischen, libanesischen, türkischen Kommiliton*innen gemeinsam Medizin. Wie toll!

Heute weiß ich, dass viele gezwungen waren, in Rumänien zu studieren, weil sie in ihren Heimatländern nicht den Zugang zu universitärer Bildung hatten. In Palästina wurde es den Muslim*innen erschwert, in der Türkei war es kopftuchtragenden Frauen nicht gestattet, an einer Universität zu studieren, so lange sie das Tuch nicht ablegten. Ich sah das alles aber nicht. Ich sah ihren Schmerz nicht, so wie ich meinen Schmerz nicht sah. Ich dachte damals, dass ich alles richtig mache. Ich war unreif, der persönliche Kampf war unreif. Ich rechtfertigte mich andauernd, ich verortete das Problem bei mir, ich war nicht machtkritisch, sondern selbstkritisch.

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Das ging lange so. Bis ich die Biografie von Malcom X gelesen habe. Das Buch änderte meine Selbstwahrnehmung, erklärte mein Unbehagen und obwohl ich nicht ansatzweise den Kampf bestreiten musste, den er bestritt, fand ich mich wieder. Seine Biografie öffnete mir den Zugang zu anderen Biografien, zur politischen Bildung, zu wissenschaftlichen Texten.

Ich fing an, täglich Nachrichten zu lesen. Doch noch immer dachte ich, dass es an mir lag. Jetzt redete ich aber nicht mehr über Liebe und Zusammenhalt, sondern über Rassismus, Hass und Gewalt. Ich war motiviert, fest entschlossen, alle überzeugen zu können, wenn ich faktisch beweise, dass Muslim*innen Rassismus erleben, dass sie angegriffen, angespuckt, beleidigt und kritisch beäugt werden. Nichts.

Und heute? Ich befinde mich noch immer im Reifeprozess, aber die Naivität, Verbissenheit und auch die Ambition haben abgenommen. Der Fokus liegt nicht mehr nur auf dem Beklagen der Missstände, sondern auf dem Zulassen des Schmerzes. Die Entlastung der eigenen Person, um zu verstehen, zu reflektieren und zu heilen.

Vom Sexismus, Klassismus und der rassistischen Panikmache vor meiner Religion: „Der Islam muss sich reformieren“, „der Islam tötet“, „der Islam hasst uns“. Der Islam wird immer wieder personifiziert und Muslime entmenschlicht. Ich bin nicht mehr überrascht, wenn ich sehe, dass Moscheen brennen, wie die Mevlana-Moschee in Berlin im Jahr 2014. Oder Ziel eines Angriffs werden, wie im Jahr 2016 in Dresden, als ein Sprengstoffattentäter zwei Moscheen angriff. Oder muslimische Frauen auf offener Straße geschlagen werden, wie Gamze K. aus Kiel, die im Jahr 2016 von einem Mann ins Gesicht geboxt wurde.

Ich weiß, dass Islamhass Todesopfer einfordert. Wie den 23-jährigen Zahnmedizinstudenten Deah Shaddy Barakat, dessen 21-jährige Ehefrau Yusor Mohammad Abu-Salha und deren 19-jährige Schwester Razan Mohammad Abu-Salha im Jahr 2015 in Chapel Hill, North Carolina. Oder das erste bekannte deutsche Todesopfer, das dem antimuslimischen Rassismus zum Opfer fiel: Marwa El-Sherbini, die im Jahr 2009 von einem Rassisten im Gerichtssaal mit 16 Messerstichen niedergestreckt wurde. Ich kenne diese Namen, ich kenne diese Geschichten.

Seit Jahren kämpfe und warne ich vor den Folgen der antimuslimischen Stimmungsmache und verurteile die Bagatellisierung der Islamfeindlichkeit. Ich habe es mit Liebe versucht, mit Entschlossenheit angesprochen, schmerzlich beklagt und trotzdem lese ich drei Tage nachdem 50 Muslim*innen in Christchurch, Neuseeland, hingerichtet wurden, dass mein Innenminister Horst Seehofer kein Klima der Islamfeindlichkeit in Deutschland erkennen kann. Einen Tag später wird einer schwangeren muslimischen Frau in Berlin in den Bauch geboxt.

Es ist nicht unsere Schuld, dass unsere Gotteshäuser brennen, dass unsere Männer ständig zu Tätern gemacht werden, dass unsere Frauen Angst haben müssen und unsere Kinder in Moscheen erschossen werden. Das weiß ich heute. Der Kampf ist gereift, ich bin gereift. Nicht aber meine Heimat.

Fotografie: Liam Mulligan