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Kolumne: „Beim Augenbrauenzupfen in Tamanis Hinterzimmer gehören wir dazu, draußen ist es immer andersherum“

Autor*in

Esra Ayari

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In ihrer Kolumne „Wenn der Schmerz bleibt“ teilt Esra Ayari ihren Schmerz zwischen Fremdzuschreibung und Selbstbestimmung, zwischen Rassismus und Akzeptanz, zwischen Stolz und Scham. Er macht es der Journalistin und Speakerin fast unmöglich, über andere Themen zu schreiben. Auch wenn sie es möchte. Esra studiert Linguistik im Master und lebt in Köln.

„Alter, du siehst aus wie Mogli. Lass mal zu Tamani gehen”, sagt Jenice zu Anahita. Jenice ist 18, Anahita und ich 16 Jahre alt und wir geben die paar Euro, die wir mit Sonnenbänke putzen verdienen, für Tamani aus. Sie ist die Beste in Köln. Keine Ahnung, wie man ihren Beruf bezeichnet – sie zupft jedenfalls Augenbrauen für sechs Euro. Sie hat die Preise angehoben, vor einem halben Jahr hat es noch fünf Euro gekostet. Ich zähle nach. Genau das verdienen wir in einer Stunde. Egal, es lohnt sich.

Jenice kennt Tamani schon länger. Normalerweise muss man mehrere Tage, manchmal sogar zwei Wochen warten, um einen Termin bei ihr zu bekommen. Wir drei nicht. „Ich klär' das schon”, sagt Jenice und nimmt das Handy in die Hand. Ein paar Minuten später steht fest, dass wir heute um 18 Uhr dran sind. Eigentlich zu spät für mich. Um diese Uhrzeit sollte ich längst Zuhause sein. Das letzte Mal, dass Anahita und ich uns die Augenbrauen und den Damenbart haben zupfen lassen, ist fast zwei Monate her. Anahita muss ihre Mama nicht fragen, sie darf immer. Jenice wohnt gerade im Heim. Es ist egal, wann sie da ist. Das sagt sie zumindest. Meine Mutter aber ist eine Löwin, das sagt Jenice immer. Sie will immer wissen, wo ich bin und was ich mache. 

„Was soll ich meiner Mama sagen?”, frage ich.


„Sag, dass du bei mir bleibst”, sagt Anahita. 


„Als ob sie nicht merkt, dass meine Augenbrauen gezupft sind.”


„Boah, Esra, kannst du nicht mal lügen und sagen, dass ich das gemacht habe?”, kackt Jenice mich an.


„Ja, tamam”, stammle ich.

Wir drei sind in einer Schulklasse. Anahita und ich kennen uns schon seit fünf Jahren, Jenice erst seit einem Jahr. Zu ihrer Einschulung kam sie alleine und hatte eine graue Jogginghose mit Zahlen an. Sie war anders als wir. Cool und taff. Wir mochten sie und sie uns. Sie hat uns zu Tamani gebracht und auch den Job bei der Sonnenbank klar gemacht. Wir kriegen kein Taschengeld wie die blonden Mädchen in unserer Klasse. Arm sind wir nicht, aber auch nicht reich. Doch dank Jenice haben wir jetzt alle einen Job und sprechen die Schichten untereinander ab. Wir sind unzertrennlich. Anahita und Jenice reißen Witze und ich lache. Ich bin die Ruhige, die Sensible, sagen sie. Das passt zu mir, denke ich. 

„Anne, ich komme etwas später. Lerne bei Anahita für die Klausur nächste Woche.”


Meine Mutter klingt genervt, das tut sie immer. Normal, denke ich, die Frau arbeitet immer und jeden Tag und meine Brüder fucken sie nur ab.


„Was heißt später?”


„Spätestens acht Uhr”


„Du bist um sieben hier, um acht ist es schon dunkel draußen.”


Wenn ich bis sieben Uhr die Erlaubnis bekomme, kann ich so ungefähr eine halbe Stunde später nach Hause kommen. Natürlich gibt es dann Anschiss, aber das kann ich verkraften. 


„Danke Anne, tamam. Bin um sieben da.“ Jenice und Anahita lächeln mich an. Ich lege auf, wir geben uns High-Fives. 


„Komm, lass mal dann so lange zu McDonalds gehen”, sagt Anahita. Das machen wir eigentlich immer. Obwohl meine Mama sagt, dass ich da kein Fleisch essen soll, weil es nicht halal ist. Ich liebe aber die McDonalds Cheeseburger. Ich wühle in meiner Jackentasche. Zehn Euro. Sechs für Tamani, dann kann ich noch zwei Cheeseburger und eine kleine Cola kaufen. 

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„Passt ja zu deinen Augenbrauen, du McDonalds”, lacht Jenice.

Anahita hat den Ansatz von einer Monobraue. Deswegen nennt Jenice sie manchmal so. Anahita und ich lachen, aber eigentlich finde ich das nicht so lustig. Anahita und ich haben dicke schwarze Haare, Jenice feine braune Haare. Sie ist halb italienisch, halb deutsch. Anahitas Eltern sind aus dem Iran geflohen und ich habe meine dicken Locken von meinem Vater, der aus Zentralanatolien kommt.

Meine Mama ist aus dem Norden der Türkei. Ihre Haare sind so wie die Haare von Jenice. Aber das wissen die Mädels gar nicht, weil Mama ein Kopftuch trägt. Das möchte ich später auch. Eigentlich ist das Augenbrauenzupfen ja auch haram, aber ich habe schon gelogen, auch das ist haram. Ich denke mir immer, ich bin doch letztendlich ein guter Mensch. Gott wird schon nicht so streng sein. Anahita glaubt an gar nichts, obwohl ihre Oma auch ein Kopftuch trägt und Jenice ist Christin. Das ist aber bei uns nicht wichtig.

Meine Mama hat immer gesagt: Wir sind Muslime, andere nicht, aber wir sind alle Menschen und gleich wertvoll. Jenice findet meine Mama toll. Ich auch, aber sie ist manchmal sehr streng. Aber ich soll mich nicht beklagen. Jenice hat gar keine Mama. Wir stehen vor dem McDonalds, sehen die lange Schlange von draußen und gehen rein.

„Lass mal abjacksen, wir haben es gleich sechs”, sagt Jenice.

Sie bestimmt oft, wann wir was machen, aber das stört uns nicht. Sie sagt immer, wir haben von vielem keine Ahnung, weil wir immer nur auf dem Gymnasium waren. Sie war auf sehr vielen Schulen, es gab immer Probleme, aber sie ist einfach zu schlau, um auf der Hauptschule zu landen. „Niemand kann mich ficken, auch nicht die Schulen”, hat sie mal gesagt. Anahita und ich sind auch nicht die besten Schülerinnen, aber das Abitur werden wir auf jeden Fall machen. Das haben wir uns versprochen. Wir wollen nicht für immer Sonnenbänke putzen, das ist auf Dauer eklig und anstrengend.

Wir betreten den Laden. Tamanis Ehemann steht an der Kasse. Er hat keine Haare auf dem Kopf, einen runden Bauch und lächelt immer. Wirklich immer. Wir sagen, dass wir zu Tamani wollen. Er nickt und zeigt auf das Hinterzimmer. Der Laden ist voll mit wunderschönen indischen Saris, klirrenden Armreifen und Hennatuben. Immer denke ich mir, dass ich mal hierher kommen muss, um mir etwas zu kaufen, aber das ist alles zu teuer. Vielleicht später, wenn ich mein Abitur gemacht habe.

Wir gehen in das Hinterzimmer. Tamani blickt hoch und nickt. Zwischen ihren Zähnen ein Faden, den sie auch um die Hände gewickelt hat. Sie hebt ihren Kopf hoch und runter, streckt den Zeigefinger und den Daumen immer wieder aus, während sie auf dem Faden kaut und zupft. Die Frau, die auf dem Stuhl sitzt, zieht ihre Haut unter und über der Augenbraue straff, damit es einfacher für Tamani ist. Sie ist die Letzte, danach sind wir dran. Ihre blonden Haare, die eigentlich schwarz sind, hängen von dem gepolsterten Stuhl. Der Ansatz ist pechschwarz.

Anahita meinte auch mal, dass wir uns den Damenbart blond färben können, das würde man dann kaum sehen. Vielleicht kann das Tamani hier auch machen. Sie ist immer sehr ruhig und lächelt kaum, ganz anders als ihr Ehemann. Meine Mama sagt, dass Männer, die nach außen so nett wirken, meistens sehr schlecht zu ihren Ehefrauen sind. Vielleicht lächelt Tamani deswegen nie. Sie arbeitet durchgehend, normalerweise sitzen in diesem Raum immer mindestens sechs Frauen.

Vorne im Hauptladen sehe ich fast nie Leute. Tamani bringt mehr Geld in den Laden als der Mann. Was macht der da denn, frage ich mich, außer lächeln und auf das Hinterzimmer zeigen, wenn Frauen mit dunklen Augenbrauen und Ansätzen in den Laden kommen.

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Anders als der Laden ist das Hinterzimmer farblos. Die Wände sind weiß, ein kleines Fenster sorgt für etwas Luft. Die Lampe wirft ein grelles Licht in den kleinen Raum.

Der gepolsterte Stuhl nimmt den Raum komplett ein und sieht teuer und wertvoll aus. Wir sitzen auf bunten Plastikhockern um den Stuhl herum. Dann hängt noch ein Ikea-Spiegel an der Wand, ein Plastikschränkchen mit Rollen und vielen Schubladen steht neben dem Polsterstuhl. Darin befindet sich alles, was Tamani braucht: Fäden, Pinzetten, Rosenwasser und Wattepads. Das Rosenwasser trägt sie nach dem Zupfen auf, damit sich die Haut beruhigt. Darauf freue ich mich immer am meisten.

Die Frau mit den langen blonden Haaren steht endlich auf, sie ist fertig. Ich habe schon vorher mit Jenice und Anahita abgesprochen, dass ich als Erste dran bin, damit Mama nicht so sehr stresst.

„Wie soll ich es machen?”, fragt Tamani.


„Nur saubermachen”, antworte ich, wie immer. Ich möchte nicht so dünne Augenbrauen haben, nur eben die vielen Härchen drumherum weg. 


„Okay, Kopf nach hinten”. 


„Lass mal auch mal deinen Schnubbi wegmachen”, ruft uns Jenice von dem roten Plastikhocker hinter mir zu.


„Ja, genau. Können Sie auch meinen Schnurrbart wegmachen?”, frage ich Tamani. 

Sie nickt und reißt den benutzten Faden ab. Er fällt auf den Boden. Sie entrollt ihn mit den Zähnen erneut, wickelt das Ende um die Finger – und los.

Ab und zu klopft sie mit ihren Finger an die Stelle über dem Mund, wo ich dann mit der Zunge gegendrücken soll, damit die Haut gespannt wird und sie einfacher an die Härchen kommt. Es tut weh, aber ich halte das schon aus. Wie unfair eigentlich. Ich weiß, dass manche Mädchen mit blonden Haaren nie ihre Augenbrauen oder ihren Schnubbi zupfen lassen müssen. Sie brauchen es einfach nicht.

In diesem Hinterzimmer habe ich noch nie eine naturblonde Frau gesehen, immer sind es nur Kanakenmädchen wie wir drei. Wobei Jenice auch nur ihre Augenbrauen zupfen lässt. Einen Schnurrbart hat sie nicht, Anahita und ich schon. Die zwei machen wieder Witze und lachen hinter mir, ich kann kaum zuhören. Ich konzentriere mich auf den Schmerz und das sanfte Klopfen von Tamani. Meine Augen sind meistens zu. Manchmal blinzle ich und spüre, dass ich Tränen in den Augen habe. Es tut wirklich weh.

Dann sehe ich Tamanis Kopf, der sich hoch und runter bewegt. Sie ist auch ein Kanakenmädchen. Ich frage mich, wie alt sie ist, so viel älter als wir sieht sie nicht aus. Sie hat einen goldenen Stecker in ihrer Nase, ihre Augenbrauen sind so wie Anahitas und ihr Gesicht ist rund, genau wie ihre Augen. Alles an ihrem Gesicht ist rund. Zupft sie ihre Augenbrauen eigentlich selbst? Jackpot für sie, denke ich.

Nachdem sie dann auch meine Augenbrauen gezupft hat, bin ich endlich fertig. Sie tupft das Rosenwasser auf meine Augenbrauen und die Haut zwischen meinem Mund und meiner Nase. Ich blicke in den Spiegel, überall rot. Voll hässlich, denke ich, aber so sehen alle aus, die hier rausgehen. Anahita ist als Nächste dran.

Wir wechseln die Plätze, sie setzt sich auf den gepolsterten Stuhl und ich mich auf ihren grünen Plastikhocker. Jenice schaut mich an und lacht. „Alter, du siehst aus!”, ruft sie und streicht über meine Augenbrauen. Ich lache auch und sage zu Anahita: „Viel Spaß”.

„Tamani ist die Einzige, die mich fickt, mit diesem Faden”, sagt Jenice und lacht noch lauter. Sogar Tamani lächelt leicht mit dem Faden zwischen ihren Zähnen. Ich gucke auf die Uhr. 18:30 Uhr, eigentlich müsste ich los, aber ich bleibe doch. Ich mag es, hier zu sein, weil Tamanis Zimmer der einzige Raum ist, in dem nur wir sind. Wir verstehen uns alle, wir lachen alle über die gleichen Witze, wir können laut sein.


Jedes Mal, wenn wir den Raum mit roten Gesichtern verlassen, fühle ich mich stark. Weil mir klar wird, dass viele nicht mal wissen, dass man sich hier im Hinterzimmer die Augenbrauen für sechs Euro zupfen lassen kann. Die meisten gehen einfach nur in den Laden, schauen sich die Armreifen an, hören vielleicht unser Gelächter, doch sie werden diesen Raum nie sehen. Deshalb ist es auch okay, dass sie keinen Schnurrbart haben. Dafür haben wir dieses Hinterzimmer und alles, was dazu gehört. Auch wir gehören selbstverständlich dazu. Wir sind hier der Star, der Mittelpunkt: der gepolsterte Stuhl in der Mitte und die anderen die läppischen bunten Plastikhocker. Draußen ist es immer andersherum.


Anahita schließt ihre Augen. Jenice erzählt Tamani von ihrem Leben im Heim, die ihr aufmerksam zuhört. Ich gucke nochmal auf die Uhr. Mama hat bestimmt schon gekocht und Wäsche gemacht. So ein gepolsterter Stuhl wäre auch für sie gut, sie hat oft Rückenschmerzen. Auch sie lächelt selten, wie Tamani. Das möchte ich für uns drei nicht. Ich hoffe, wir werden später so oft lachen wie wir es jetzt tun.

Fotografie: Serafin Gerber