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Schönheitselixier oder „pures Gift“? Was Kokosöl wirklich mit unserem Körper macht

Autor*in

Saskia Gerhard

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Vor einigen Jahren erlebte Kokosöl einen enormen Hype als Superfood. Dann beschimpfte eine Harvard-Professorin das Fett in einem Vortrag, der viral ging. Und die Wahrheit? Liegt irgendwo dazwischen.

Die Zusammensetzung von Kokosöl ist nicht besonders komplex. Ein Hauch von Mineralstoffen, Vitaminen, Aminosäuren und Aromen. Zum sehr großen Anteil besteht das Öl aber aus Fett, genauer gesagt aus Triglyceriden. Diese Stoffe haben dem Kokosöl in den vergangenen Jahren zu einem kometenhaften Aufstieg unter Healthy-Eating-Jünger*innen verholfen, sie sollen Wunden heilen und beim Fettabbau helfen, sie sind aber auch der Grund, warum Ernährungswissenschaftler*innen vor Kokosöl warnen.

„Pures Gift“ ist nur eine Bezeichnung, die dem Öl anhängt, seit eine Harvard-Professorin in einer Vorlesung vor den gesundheitsschädigenden Effekten warnte.

Um zu verstehen, ob Kokosöl nun schöner, schlauer und gesünder macht, oder ob wir genauso gut Schweineschmalz löffeln könnten – und ob das überhaupt schlimmer wäre, müssen wir uns die Triglyceride genauer anschauen. Das geht leider nicht ohne ein bisschen Chemie.

Triglyceride zählen zu einer chemischen Verbindungsklasse, die Ester genannt werden. Ein Ester entsteht, wenn Alkohol und Säure miteinander reagieren, sich quasi verbinden. Alkohol ist ein weit gefasster Begriff in der Chemie und schließt längst nicht nur Ethanol ein, was wir üblicherweise als Alkohol kennen und trinken. Triglyceride etwa bestehen aus dem Alkohol Glycerin sowie aus drei Fettsäuren. Das können gesättigte, aber ungesättigte Fettsäuren sein.

Im Kokosöl sind hauptsächlich Triglyceride enthalten, an denen gesättigte Fettsäuren hängen. Ob eine Fettsäure gesättigt oder ungesättigt ist, hängt grob gesagt von ihrem chemischen Aufbau ab – gesättigte Fettsäuren galten aber lange als „böse“ Fettsäuren. Sie sollten sich nachteilig auf die Gesundheit unserer Blutgefäße auswirken, was langfristig zu Erkrankungen wie verstopften Arterien, Herzinfarkt und Schlaganfall führen könnte.

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Inzwischen ist auch diese Erkenntnis wieder überholt.

Große Übersichtsstudien haben gezeigt, dass gesättigte Fettsäuren sehr wahrscheinlich nicht schlechter sind für unsere Gefäßgesundheit. Aber: Ungesättigten Fettsäuren, die vor allem in pflanzlichen Ölen wie Oliven- oder Rapsöl enthalten sind, haben wahrscheinlich eine zusätzlich schützende Wirkung für unsere Gefäße.

Unterm Strich gibt es also keine bösen und guten Fette, sondern einfach nur Fette – manche mit dem Bonus, die Gefäße zu schützen.

Kokosöl, das hauptsächlich aus gesättigten Fettsäuren besteht – wie Bratfett übrigens auch, als „pures Gift“ zu bezeichnen, ist also übertrieben. Trotzdem ist schwer verständlich, woher der Hype um das Fett kam. Vitamine sind insbesondere in der raffinierten Variante so gut wie gar nicht mehr enthalten.

Im Vergleich enthält sogar Butter mehr Spurenelemente wie Kalzium oder Magnesium. Und wenn man die Wahl hat, fördert Olivenöl dann doch ein bisschen mehr das lange, gesunde Leben. 

„Pures Gift“ ist eine Bezeichnung, die dem Öl anhängt, seit eine Harvard-Professorin in einer Vorlesung vor den gesundheitsschädigenden Effekten warnte.


Trotzdem denken viele Menschen, Kokosöl sei besonders gesund. Die New York Times hat etwa ihre Leser sowie Ernährungsexperten zu ihrer Haltung gegenüber bestimmten Lebensmitteln befragt. Das Ergebnis für Kokosöl: 70 Prozent der Leser*innen stuften Kokosöl als gesund an, 37 Prozent der Ernährungsexpert*innen befanden Kokosöl für gesund. 

Kräftig angekurbelt hat die Werbetrommel für das angebliche Superfood die Arbeit der Ernährungsmedizinerin Marie-Pierre St-Onge. Ihre Untersuchungen zeigten, dass bestimmte Triglyceride, die auch im Kokosöl vorkommen, helfen soll, Körpergewicht zu reduzieren.

Eine kleine Gruppe von Teilnehmer*innen setzten sie und ihr Team auf eine Diät, die reich war an diesen sogenannten mittelkettigen Triglyceriden (MCT), und verglichen die Gruppe mit einer anderen, die stattdessen eine olivenölhaltige Diät bekam. Und ja: Der Körperfettanteil der Teilnehmer*innen auf der MCT-Seite sank, sie verbrannten mehr Energie.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat inzwischen genau diese Studien aufgegriffen und kritisiert, dass die Erhebungen viel zu kurz durchgeführt wurden und an zu wenigen Teilnehmer*innen. Ein weiteres Problem: Kokosöl besteht aus unterschiedlichen Triglyzeriden, nicht ausschließlich aus mittelkettigen.

So scheinen Öle, die zu 100 Prozent aus MCT bestehen, zwar das Sättigungsgefühl zu erhöhen und damit die Nahrungsaufnahme zu reduzieren.

Kokosöl dagegen hat diese Wirkung nicht, was eben daran liegen dürfte, dass die MCTs darin geringer konzentriert sind. Das bedeutet: Man müsste sehr viel Kokosöl essen, um die gewünschten Sättigungseffekte zu erzielen, was den Körperfettanteil grundsätzlich nicht begünstigt.

Kokosöl hilft also nicht beim Abnehmen und hat auch sonst keine Effekte, die es besser machen als andere Fette. Genauso gibt es aber keinen Grund, Angst davor zu haben, den gibt es aber bei tierischen Fetten ebensowenig.

Wer seinem Körper etwas Gutes tun möchte, sollte sich mediterran ernähren, also mit viel Obst, Gemüse, Olivenöl und Fisch – oder einfach gesagt: Ausgewogen essen.

Bilder aus dem Archiv: I LOVE YOU magazine, Issue No. 09


Fotografie: Mirka Laura Severa

Retouching: Mladena Celik