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Zuhause bleiben, sich bis auf die Unterwäsche ausziehen & betrinken: Kalsarikännit ist das entspanntere Hygge

Autor*in

Ben Sharp

Marcus Ily 2 Window

Vom europäischen Festland aus blickt man gerne mal bewundernd auf die skandinavischen Nachbarn. Vor allem, wenn es um Lebensqualität geht. Lagom aus Schweden oder das dänische hygge-Konzept sind nur zwei Beispiele, die man gerne nutzt, um das mühevolle Streben nach Glück wohlklingend zu betiteln.


Doch auch ein Blick nach Finnland lohnt sich. Denn kalsarikännit ist nicht nur konsequent, sondern fügt sich auch nahtlos in ein gewisses Trendkonzept namens JOMO (Joy Of Missing Out) ein.

„Kalsarikännit steht für das Gefühl, das man hat, wenn man Zuhause bleibt und sich betrinkt – mit nichts weiter als Unterwäsche bekleidet“
thisisFINLAND*

Bekannt wurde der Begriff mit einer Emoji-Reihe, die Teil einer Initiative des finnischen Außenministeriums ist. Wortwörtlich könnte man kalsarikännit mit „Unterwäschesuff“ übersetzen. Kalsarit bezeichnet Unterwäsche; kännit bedeutet „sich betrinken“. Dass das Ganze Zuhause stattfinden soll, impliziert eher Ersteres – der Begriff selbst hat damit erstmal nichts zu tun.

Die Idee ist übrigens nicht zwingend mit Alkohol verbunden. Viele Kalsarikännit-er*innen erklären, dass er zum Beispiel durch Lieblingssnacks ersetzt werden kann. Es geht um eine persönliche Entscheidung. Außerdem besteht keine Pflicht, die Sache alleine auszuprobieren: Der Fokus liegt auf einem entspannten, intimen Umfeld, sprich: einem Safe Space. Eine Umgebung, die man sich im Allgemeinen wünscht, wenn man gerade dabei ist, einen Großteil seiner Kleidung abzulegen. Laut einer semantischen Analyse geht es allerdings genau genommen darum, informell gekleidet zu sein. Keine*r muss für kalsarikännit halbnackt sein. Doch warum eigentlich nicht?

Das Großartige an kalsarikännit – zumindest laut meiner Interpretation – ist die Art und Weise, wie Self-care betrachtet wird. Das Ziel, bei dem es ultimativ darum geht, sich gut zu fühlen, steht nicht im Widerspruch zu Komfort und Vergnügen. Es muss nicht weh tun: „You just do you, hun!“. Letztendlich steht im Fokus, Entspannung unprätentiös in den Alltag zu integrieren.

In einer Zeit, in der gesponserte Instagram-Werbung rund um die Uhr vorschlägt, wie man seinem Most Amazing Self ein Stück näher kommen könnte, ist die Faszination für eine lockere Version von Selbstoptimierung verständlich. Es bleibt die Frage, ob man das unaufhörliche Streben nach etwas Besserem nicht vielleicht sogar angenehmer findet als regelmäßige Abende mit seinem unbekleideten, ungefilterten Selbst. Doch wer möchte, kann seine Entspannung ja auch beim kalsarikännit-en mit Gesichtmasken und Cremes ins nächste Level bringen.

Bild aus dem Archiv: I LOVE YOU magazine, Issue No. 2

Fotografie: Marcus Gaab