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Ist Butt-care das neue Self-care? Eine Analyse

Autor*in

Lia Haubner

Iloveyoumagazine Buttcare Conelietollens

Bild aus dem Archiv, I LOVE YOU magazine, Issue No. 01

Fotografie: Cornelie Tollens, L’amour est Classique 5

Die großen Fragen des Lebens kündigen sich ohne Vorbereitung an. Da liegt man also im Januar im Bett und scrollt kurz vor dem Einschlafen durch seine Timeline, obwohl man weiß, dass blaues Smartphone-Licht der Endgegner für Haut und Nachtruhe ist. Bis eine Frage auf The Cut den Dämmerzustand plötzlich beendet: „Does your butt need a sheet mask?“

Ob ich an dieser Stelle aufstand und mich vor den Flurspiegel stellte, um dies zu überprüfen, würde ich höchstens meinen Close Friends auf Instagram Stories anvertrauen. 

Braucht mein Hintern also eine Sheetmaske?

Um mich der Frage anzunähern, entwerfe ich eine To-Do-Liste mit allen Produkten, die ich aktuell für einzelne Körperpartien benutze:

Iloveyoumagazine Buttcare Martin Eder 2

Pflege:

- Augenringe: Kaffee-Öl

- Stirn, Augen, Wangen: Retinol

- Gesicht: Sheetmaske, Toner, AHA-Peeling, Hyaluron-Serum, Gesichtsöl, Sonnenschutz

- Lippen: Lippenbalsam

- Hände: Handcreme

- Nagelhaut: Nagelöl

- Körper: Fußcreme, Fuß-Sheetmaske

Vorbereitung auf dekorative Kosmetik:

– Augenlid: Primer

– Augenringe: Under Eye Brightening Corrector Concealer (zählt vermutlich nur halb als Vorbereitung, fühlt sich aber nach „dazwischen“ an)

Anders als erwartet empfinde ich keine Panik, sondern Ruhe. Auch der „Aufräumen mit Marie Kondō“-Blickwinkel ändert daran nichts. Die Expertin und Bestseller-Autorin, die in einer Netflix-Dokumentation gerade Garagen, Einfamilienhäuser und so auch ganze Beziehungen entrümpelt, schlägt vor, alle Dinge in der Mitte des Raumes zu platzieren und sich bei jedem einzelnen zu fragen, ob es Glück und Freude im eigenen Leben schafft.

In dem Fall muss meine Liste ausreichen. Die Frage funktioniert genau wie bei Netflix: Does the Einzelkörperteilroutine spark joy? Ja.

Denn das Abarbeiten und die Gebundenheit an einen präzisen Zweck sorgt für eine Zufriedenheit, die nicht einmal ein auf Null gebrachter E-Mail-Posteingang übertreffen kann.

„(...) no longer make up is enough, your butt is the new face“

Februar 2019, New York Fashion Week. Die neue Kollektion von Becca McCharen-Trans Swim- und Bodywear-Label Chromat wird gezeigt. Backstage tragen die Models zur Laufsteg-Vorbereitung die Sheetmasken von Bawdy Beauty – auf ihren Hintern. Denn genau darauf hat sich die Beautymarke spezialisiert.

Ihre bunten Butt-Sheetmasken kommen mit vier klaren Zielen: Hydrating & Toning (unter anderem mit pflanzlichem Kollagen), Firming & Illuminating (dabei helfen Meeresalgen), Retexturizing & Detoxifying (Koffein), Brightening & Rejuvenating (Gurke, Zitrus). „(...) no longer make up is enough, your butt is the new face“, verkündet die Instagram-Bildunterschrift unter den Backstagefotos dazu.

Fangen wir von vorne an. Begibt man sich auf die Suche nach der passenden Pflege für ein Körperteil, ist zunächst einmal ein guter Indikator, ob die zu cremende Körperregion der Sonne ausgesetzt ist oder nicht. Eine Bodylotion und eine Gesichtspflege zu besitzen klingt sinnvoll.

So betrachtet wäre der Hintern also nicht nur das neue Gesicht, sondern auch das stressfreiere. Es bleibt die berechtigte Frage, warum schnöde Bodylotion nicht ausreichen soll. Die als Butt-Care-Klassiker geltende Sol de Janeiro Brazilian Bum Bum Cream wird immerhin für Beine, Arme und Bauch empfohlen.

Doch schon allein die Frage nach spezifischer Butt-Care beleuchtet auf einmal die Option, dass die sich dort befindende Haut – genau wie auch an anderen Körperstellen – nicht nur glatt sein kann. Sie wird Teil der Konversation. Das ist noch kein Tabubruch, aber ein Anfang. Ein häufiges Problem sei dabei übrigens Follikulitis, die Entzündung eines Haarfollikels, so der New Yorker Dermatologe Dr. Joshua Zeichner gegenüber The Cut und erklärt: „Die Hautbarriere mit feuchtigkeitsspendenden Cremes in einem guten Zustand halten ist die beste Vorbeugung für Follikulitis“. Eine leichte Bodylotion würde sich dazu zum Beispiel eignen.

Zehn bis fünfzehn Minuten Feuchtigkeit in Form einer speziell angefertigten Sheetmaske klingen da nicht mehr, aber auch nicht weniger wirksam. 

Kehren wir also zu meiner Einzelkörperteil-To-Do-Liste zurück. Der Begriff aus der Arbeitswelt liegt dabei näher als man denkt: Die US-amerikanische Soziologin Elizabeth Wissinger hat 2015 den Begriff Glamour labour geprägt, der sich mit der Arbeit am eigenen Selbst und Körper für das öffentliche Selbst und den Körper – zum Beispiel bei Instagram – beschäftigt. Das Optimieren einzelner Körperteile spielt dabei eine bedeutende Rolle.

Wie dieser unsichtbare Arbeitsbegriff durch die Bedeutung von Bildern in den sozialen Medien an Relevanz gewinnt, hat sie anlässlich des „Break The Internet“-Covers des Paper Magazines mit Kim Kardashian analysiert. Dabei liegt der Fokus auf Kardashians Rolle in der Bedürfniserfüllung modernen Kapitalismus. Der Paper-Titel symbolisiert mehr als nur die Betrachtung ihres Körpers, der haarfrei, glänzend und nahezu unerreichbar scheint.

Glamour labour ist der Moment der Körperarbeit, in dem sich „das körperliche Selbst der Selbstwahrnehmung so nah wie möglich annähert – in all seiner bearbeiteten, gefilterten, gecroppten und verstärkten Pracht“. Kardashian symbolisiere sie perfekt, weil sie diese Arbeit stetig dokumentiert und abbildet.

So wird die Arbeit aber auch normalisiert. Ergebnisse wie das Paper Magazine-Cover gelten dann zwar nicht mehr als wahr, jedoch auch nicht unbedingt als falsch. Wissinger bezeichnet das als „die Realität, unreal auszusehen“. Glamour labour schafft also vor allem eine Zielgruppe für Produkte, die dafür nötig sind – und im besten Fall so fotoready aussehen, dass die Arbeit perfekt dokumentiert werden kann.

Die Butt-Sheetmasken gehören dazu. Benutzen wir sie also, so viel wir wollen – solange wir uns darüber im Klaren sind, dass das fotogene Aufsplitten von Arbeit an uns selbst nicht unbedingt Self-care, sondern einfach nur Arbeit ist.

Bild aus dem Archiv, I LOVE YOU magazine, Issue No. 05

Fotografie: Martin Eder, „Ass” 2011