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I feel everything: Was unsere Gefühle mit Wellness als Zeitgeist zu tun haben

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Wellness ist Self-care und Arbeit, Entspannung und Druck, Hoffnung und Wissenschaft. Und gerne auch Schauplatz für den Kampf um das Geschäft mit unserer Unsicherheit.

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Dabei stehen sich zwei Protagonistinnen gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da wäre zum einen Gwyneth Paltrow und ihr hochprofitables Unternehmen Goop. Unter dem Label werden Wellnessprodukte für ein bewussteres Leben verkauft und damit immer auch eine ganze Menge Hoffnung. Female-Empowerment-Philosophie inklusive.


Das subtile Gefühl, besser werden zu wollen, und sei es nur, endlich mehr Wasser zu trinken, befindet sich auf einmal in Reichweite – verpackt in Beutelchen, Tiegeln und anderen ästhetischen Behältnissen. Die Produkte tragen ein stolzes Preisschild, doch das stellt nie nur eine Zahl in den Raum, sondern auch die Frage, wie viel uns die Chance, zu unserem Most Amazing Self zu werden, eigentlich wert ist. 

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Besser werden zu wollen suggeriert, dass man davon ausgeht, noch nicht genug zu sein. Das ist erstmal kein schlechtes Zeichen. Problematisch wird es erst, wenn das Gefühl nicht in dem Streben nach Wachstum resultiert, sondern in Druck und Unsicherheit. Bei den Produkten, die sich auf Letzteres spezialisiert haben und Linderung versprechen, geht es aber um mehr als nur unsere Gefühle.

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Die in San Francisco ansässige Ärztin Dr. Jen Gunter spricht in diesem Zusammenhang von „Ausbeutung“. Sie wird in Überschriften schon mal als „Number-One Enemy“ der Marke bezeichnet, erklärt Medien regelmäßig, dass Vagina Steaming Quatsch ist und hat sich 2018 die Mühe gemacht, alle 161 Produkte aus Paltrows Goop-Shop aus wissenschaftlicher Perspektive zu zerpflücken.


Sie beschäftigt sich neben den Fakten auch mit unseren Gefühlen und dem gesellschaftlichen Kontext, in dem wir uns bewegen: „Für mich ist Goop das Patriarchat, verpackt mit einem pinkfarbenen, maßgeschneiderten, Kurkuma-angereicherten Band, das fair hergestellt und mit Heilsteinen gesegnet wurde – und zwar als Versuch, einen California-Chic-Wellinism (Wellness + Feminism) zu vermarkten“, schreibt sie in einem Beitrag auf ihrer Website.

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Gunter übt keine Konsumkritik per se. Sie selber kaufe gern teure Schuhe, mache sich aber nicht vor, mit ihnen schneller von A nach B zu kommen als mit dem 10-Euro-Äquivalent, schreibt die Ärztin. Viel mehr gehe es ihr um die Tatsache, dass Goop Unsicherheiten wie das Gefühl vieler Frauen, sich pauschal entschuldigen zu müssen, weil sie etwas für sich selbst tun, als Marktlücke nutzt – und das auch noch als Feminismus verkauft. 


Das heißt nicht, dass man sich dafür rechtfertigen muss, wenn man gerne mit einer mehrteiligen Skincare-Routine in den Tag startet. „Ich hoffe, also creme ich“? Wenn es sich gut anfühlt, fühlt es sich gut an. Die Formel für Vollkommenheit wird trotzdem nicht auf der Liste der Inhaltsstoffe zu finden sein.


Sich das bewusst zu machen, kann ein erster Schritt sein. Zu realisieren, dass uns viel weniger fehlt als uns der Wellness-Hype mit seinem Anspruch auf Ganzheitlichkeit vermittelt, ebenfalls. Den gute Gefühl des Cremens schadet das paradoxerweise nicht. Denn zu wissen, dass man genug ist und bewusst zu entscheiden, etwas für sich selbst zu tun, ist ein großartiges Gefühl – und noch dazu eine Form von Wellinism, mit der man sich anfreunden kann.

Fotografie: Taner Tumkaya

Haare & Make-up: Rocco Kowalski  

(MAC cosmetics for make-up and bumble&bumble for hair)

Model: Laura @om_management


Text: Lia Haubner

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