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Warum ich wegen meiner katholischen Erziehung nicht mit Selfies klarkomme

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Ich habe ein Problem mit Eitelkeit. Genau deshalb muss ich ganz uneitel zugeben: Grundsätzlich hätte aus mir eine Influencerin werden können, denn das Potential war eigentlich da.

Ich trug schon Looks, für die ich fotografiert wurde, als Begriffe wie Street Style noch der Analyse von Jugendkulturen vorbehalten waren. Ich arbeitete künstlerisch, wurde Creative Director und gründete meine eigene Agentur.

Mein Weg war nicht immer Instagram-tauglich, doch er hatte durchaus ein paar vorteilhafte Winkel im Angebot, aus denen man ihn Plattform-optimiert inszenieren hätte können.

Der wohl entscheidende Grund, warum ich nicht ständig Fotos von mir am Pool, am Flughafen, vor der Tür, auf der Straße, vor dem Spiegel, lachend, mit Hut, zur Modenschau rennend, Gesichtsmaske tragend, in sexy Pose, beim Frühstück, Lunch und Dinner mache, hängt mit meiner anerzogenen Moralvorstellung und dem katholischen Glauben zusammen.

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Es beginnt bereits bei einem Selfie. Ich finde das schwierig. Ja, ich würde sogar behaupten, dass ich Selfies machen der Kategorie „moralisch nicht okay“ zuordne.

Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie man sich

1. ohne schlechtes Gewissen selbst fotografieren kann.

2. Diese Fotos ohne schlechtes Gewissen posten kann.

Und überhaupt

3. sich selbst so großartig findet, dass man sich zum Mittelpunkt seines eigenen Universums macht.

Geh vom Spiegel weg...
Du stehst ja schon wieder vorm Spiegel...
Eitelkeit ist eine Sünde.

Diese Sprüche musste ich mir als Kind immer dann anhören, wenn ich mal wieder vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer meiner Eltern neue Looks ausprobierte.

Ein heranwachsender Teenager mit einem ausgeprägten Faible für Fashion und Trends experimentiert mit Kleidern und betrachtet sich selbst im Spiegel: klingt erstmal nicht sonderlich dramatisch. Jedoch sollte mir jeder Anflug von Eitelkeit mit einer religiösen Erziehung ausgetrieben werden. Ich bin sehr katholisch aufgewachsen, musste jeden Sonntag in die Kirche.

Viele Regeln in meinem Leben wurden durch die Bibel, die 10 Gebote und die Auslegung derselbigen durch meine Eltern bestimmt. Eigentlich keine schlechte Grundlage, denn die Gebote, die Gott damals Moses auf dem Berg Sinai überbracht hat, regeln und regulieren Moral und Miteinander.

Ich habe meine Experimentierfreudigkeit und den Spaß an den Looks der Woche natürlich trotzdem nicht aufgegeben und das ganze Spiel vor dem Spiegel dann heimlich vollzogen.

Aber dass Narzissmus eigentlich Frevel ist und ich wusste, dass ich beichten muss, das hat mich geprägt – bis heute. Denn wie das 1. Gebot des Glaubensbekenntnisses besagt: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Bitte nicht falsch verstehen, ich lebe dieses katholische Leben so überhaupt nicht mehr. Ganz im Gegenteil, ich frage mich täglich, warum ich nicht eigentlich schon lange aus dieser Kirche ausgetreten bin.

Worum es mir hier geht, ist die Tatsache, dass meine katholische kindliche Prägung tief sitzt und ich diese moralischen Vorbehalte deshalb einfach nicht aus mir herausbekomme.

Die Erkenntnis, dass ich mich selbst lieben darf, musste über Jahre wachsen

Eitelkeit gehört in der katholischen Lehre zu den sieben Hauptlastern, die Sünden sind und auch welche nach sich ziehen können. Die erste hört auf den Namen Superbia – Hochmut. Dazu zählen Stolz und auch Eitelkeit, die ihn begünstigen und vom Wesentlichen – in dem Fall Gott – ablenken.

Doch die Demut, die als erstrebenswertes Gegenteil gepriesen und hochgehalten wird, hat ihren Preis. Denn ist das Betrachten des eigenen Selbsts im Spiegel nicht auch der Weg zu mehr Akzeptanz? Und wer sagt, dass man beim Blick in den Spiegel jederzeit und automatisch in Begeisterung ausbrechen wird?

Die Angst vor der Selbstverliebtheit, die meine katholische Kindheit prägte, ist dafür verantwortlich, dass ich mein Leben lang große Schwierigkeiten damit hatte, mich selbst zu lieben. Die Erkenntnis, dass ich das darf, musste über Jahre wachsen.

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Deshalb soll ab sofort jedes Selfie von mir ein Anfang sein. Ein Anfang, mich selbst auch mal von außen betrachten zu können und ein paar Streicheleinheiten einzusammeln. Ein Anfang, mich anzunehmen, und vielleicht auch ein bisschen Strategie.

Vielleicht wird ja doch noch etwas aus mir.

I love you,

Christiane