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Gaming Beauty Standards: Weibliche Heldinnen in Videospielen könnten fast alle Models sein

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©Overwatch

Die Diversität im Gaming ist zwar besser geworden – normschön, schlank und weiß sind die Frauen jedoch trotzdem meistens. Woran liegt’s?


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©Overwatch

Als ich vor ein paar Wochen das Videospiel Overwatch öffnete, einen Multiplayer-Shooter mit verspielt-comicartigem Look, stieß ich einen kleinen Freudenschrei aus: Mein Lieblingscharakter Mercy hatte einen neuen Look. Mit offen getragenen, lila-pastellfarbenen Haaren, einer Krone und einem neuen Outfit sah sie ganz anders und wunderschön aus. So schön, dass ich – entgegen meiner festen Vorsätze, keine extra Käufe in Spielen zu tätigen – prompt knapp zehn Euro bezahlte, nur um diesen tragbaren Look („Skin“ genannt) im Spiel zu besitzen.


Mit Erfolg, denn schon im ersten Match mit dem neuen Skin bekam ich Komplimente für Mercys neues Aussehen. Viele der weltweit erfolgreichsten Videospiele bieten mittlerweile genau das: Unterschiedliche Looks für die eigenen Charaktere, mit denen man etwas mehr Individualität – und Schönheit – ins Spiel bringen kann. Ob Overwatch, Fortnite oder Apex Legends, das Prinzip ist längst Standard.


Gemeinsam haben dabei viele Spiele, dass ihre weiblichen Charaktere meist schon zu Beginn normschön aussehen. Das bedeutet: weiße, helle Haut, oft glattes, langes Haar, ein schlanker und gut proportionierter Körper und keine auffälligen Makel. Manche erinnern sich noch an die Zeiten, als Lara Croft aus Tomb Raider die bekannteste Heldin eines Videospiels war und vor allem ihre großen Brüste besprochen wurden.

Mittlerweile, auch nach viel feministischer und populärwissenschaftlicher Kritik an der Gamingbranche in den letzten Jahren, sind Frauen in Videospielen besser repräsentiert. Nicht nur, dass sie weniger häufig als reine Objekte für männliche Spieler behandelt werden, sie finden sich immer öfter als Charaktere verschiedener Altersgruppen, Körperformen oder Ethnien in Spielen wieder.

Höchste Zeit: Videospiele werden allein in Deutschland von 34 Millionen Menschen gespielt, knapp die Hälfte davon Frauen. So divers wie die Spielenden sollten theoretisch also auch die Charaktere der Spiele sein.

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©Tomb Raider

Wie diese Vielfalt letztendlich den Weg in ein Videospiel findet, ist ein im Detail gut gehütetes Produktionsgeheimnis und von Spiel zu Spiel unterschiedlich.

Im Groben lässt sich die Charaktererschaffung jedoch so beschreiben: Ein Team aus dutzenden bis hunderten Autor*innen, Produzent*innen, Entwickler*innen und Designer*innen koordiniert über Monate, manchmal Jahre, einen Prozess, bei dem die Videospielcharaktere nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre Fähigkeiten und Besonderheiten bekommen.

Der Overwatch-Charakter Ashe (weiße, glatte Haare, schlank, helle Haut, strahlender Lippenstift) fand sich erst in einem der das Spiel begleitenden cinematischen Animationen und wurde später zur Heldin entwickelt, die oben erwähnte, eigentlich blonde Mercy (helle Haut, ein sanftes Gesicht und buchstäbliche Flügel) war ursprünglich weder weiblich noch weiß, sondern ein schwarzer Mann. Auch andere Faktoren, wie die Zusammensetzung des Charakter-Casts eines Spiels, Popularität bei Fans oder auch Kreativität der Designer spielen eine Rolle.

Der Anfang des Jahres neu gestartete Multiplayer-Shooter Apex Legends wartete mit gleich zwei Heldinnen auf, die afro-asiatische bzw. afro-amerikanische Repräsentation bieten können, je nach Leseart der Charaktere. Da das Universum, in dem Apex Legends spielt, nicht unbedingt mit der Erde vergleichbar ist, stehen die Ethnien der Charaktere nur stellvertretend für reale Nationen oder geographische Räume. Schlank und gutaussehend sind sie trotzdem beide, wenn auch weniger freizügig gekleidet als in vielen Spielen üblich. Zudem führte Entwickler Respawn Entertainment mit Bloodhound einen nicht-binären Charakter ein.


Alle Held*innen kamen mit eigener Hintergrundgeschichte und kleinen Charaktereigenschaften: Die Sanitäterin Lifeline (dunkle Haut, schlank, Tattoos und jung) entstammt beispielsweise einer reichen Familie, wendete sich jedoch von ihnen ab. Und mit Bangalore (dunkle Haut, muskulös aber schlank, krauses Haar) gibt es eine Berufssoldatin, die als 35-Jährige schon im älteren Bereich weiblicher Heldinnen liegt.


Weiterhin können Spieler*innen Wraith spielen, eine ebenfalls schöne junge Frau, jedoch mit hellerer Haut (ebenfalls schlank). Die Zusammensetzung der Startcharaktere von Apex Legends war so verhältnismäßig ungewöhnlich vielfältig, dass Respawn vielfach für diese Diversität in der Berichterstattung gelobt wurden.

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©Apex Legends
Giphy
©Fortnite

Der Gaming-Hit Fortnite wiederum legt den Fokus auf Fähigkeiten, statt auf Charaktere. Die Figuren haben zwar verschiedene Namen, wirklich prominent gefeatured sind diese jedoch nicht, das Entscheidende sind dementsprechend die Rollen, die Fans beim Spielen übernehmen können. Daher tritt weibliche und intersektionale Repräsentation auch in den Hintergrund – obwohl Fortnite in den meisten Marketingmaterialien und -bildern mit einem gemischt zusammengesetzten Team wirbt, bei dem auch die Frauen unterschiedliche Proportionen haben.

Ramirez ist schlank, hat gebräunte Haut und einen Kussmund, Peggy hat Kurven, ist jedoch auch schlank und hat lange Haare. Wirklich dicke Frauen gibt es in Fortnite ebenfalls nicht, die Mehrheit der Charaktere ist außerdem weiß.

Wenn jedoch weder Name noch Hintergrundgeschichte oder besondere Charaktereigenschaften einer weiblichen Figur bekannt sind, können sie nur schwer bestimmte Gruppen repräsentieren. Wo sich beispielsweise in Wraith von Apex Legends Personen mit psychischen Erkrankungen sehen können sollen, bleibt dieser Effekt bei den nichtssagenden Fortnite-Heldinnen aus.

Doch genau dort ist vielleicht auch der aktuelle Stand der Gamingbranche zu finden. Dass sich weibliche Charaktere gut verkaufen, ist unbestritten. Dass sie mittlerweile mehr sein müssen, als sexualisierte Objekte, ist ebenfalls Konsens (die oben beschriebene Lara Croft etwa wurde in den letzten Jahren deutlich weniger stark sexualisiert dargestellt).


Trotzdem fällt auf, dass die meisten weiblichen Heldinnen in Videospielen sehr schlank, weiß und normschön sind. Eine Studie untersuchte 2009 verschiedene Frauencharaktere in Spielen und stellte fest: Je realistischer die Figuren dargestellt wurden, desto dünner wurden die porträtierten Frauen.


Das bleibt nicht ohne Folgen. Eine weitere Untersuchung aus 2013 analysierte die Auswirkungen der stets schönen und schlanken Heldinnen in Videospielen. Dabei kam heraus, dass Frauen mit sich selbst unzufrieden wurden, wenn sie die unausgesprochenen Erwartungen nicht erfüllen konnten, die durch das Aussehen der weiblichen Charaktere an sie gestellt wurden.

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©Fortnite

So wie sich in vielen Magazinen noch immer selten dicke, schwarze oder Frauen mit Behinderungen auf den Covern finden, so finden sich auch in Videospielen vorrangig normschöne weiße Heldinnen.


An einigen Stellen bricht das auf, an anderen Stellen ist der Weg noch ein gutes Stück lang. Im Endeffekt bleibt aber wohl vor allem eins: Videospiele sind genauso Abbild unserer Gesellschaft, wie sie unser Bild von ihr prägen.


Möchten wir also mehr Vielfalt in unseren Spielen, müssen wir auch im beruflichen und privaten anfangen, für mehr Repräsentation zu sorgen. Und vielleicht ist dann eine der nächsten Heldinnen eines großen Multiplayer-Shooters eine lässige schwarze Frau, die nichts auf die gängigen Schönheitsideale gibt – sondern eigene setzt.