Warenkorb (undefined)

Zur Kasse

Expectation vs. Reality: Denken wir anders, wenn unser Alltag immer fotogener wird?

Autor*in

Katharine Spatz

Iloveyoumagazine Magazine Katharine Spatz Banality 02 2 Copy

Die Ästhetisierung des Alltags hat die gewöhnlichsten Winkel unseres Lebens befallen und selbst für das Gemüseschneiden visuelle Vorbilder geschaffen. Manchmal zweifle ich daran, smart genug zu sein all diesen visuellen Input.


Ich kämpfe damit, ihn tatsächlich von der Realität unterscheiden zu können, ihn nicht als Lifestyle-Parameter wahrzunehmen und mir zu denken „So muss das aussehen. So soll sich das anfühlen.” All diese Bilder versprechen Erlebnisse. Und sie geben mir unrealistische Gefühle.

Egal, ob wir die Augen öffnen oder schließen, wir sehen ständig Bilder. Einige entstehen in unserem Kopf, andere in den Köpfen anderer – und werden schließlich durch leuchtende oder analoge Medien an uns herangetragen. Manche dieser Bilder sind lediglich festgehalten, manche werden gestellt, manche sorgsam wiederhergestellt. Bilder haben in unserem Alltag gleichzeitig an Bedeutung gewonnen und verloren.

Wir konsumieren so viele künstliche, also inszenierte Bilder, dass wir die Glaubwürdigkeit der Fotografie heutzutage überwunden haben dürften. Gleichzeitig sind sie ein wahnsinnig beliebtes Kommunikationsmittel geworden.

Früher haben wir Postkarten geschrieben, auf denen eine Landschaft oder eine Stadt abgebildet war. Auf der Rückseite erzählt man sich, was man selbst dort erlebt habt. Das heutige Äquivalent ist das Social-Media-Posting: Wir packen unser Gesicht mit auf die Landschaft oder Stadt, damit der oder die andere sehen kann, was man dort erlebt hat.

Ich kämpfe damit, visuellen Input tatsächlich von der Realität unterscheiden zu können, ihn nicht als Lifestyle-Parameter wahrzunehmen und mir zu denken „So muss das aussehen. So soll sich das anfühlen.”

Vor allem in der Kommunikation, die sich an ein Publikum richtet, stehen Bilder im Fokus. Sie überwinden Sprachbarrieren mühelos, vermitteln Gefühle – und ist es viel leichter, mit ihnen zu lügen. Worte eigenen sich dafür auch, aber man kommt nicht so leicht davon. Eine Lüge im Bild ist ganz schnell künstlerische Freiheit, ein erlogener Satz an falscher Stelle kann zu einer Straftat werden.

Wir haben uns daran gewöhnt, angelogen zu werden, das ist klar. Natürlich können wir die Bilder im Internet, in den sozialen Medien und auf dem Fernsehbildschirm von der eigenen Realität unterscheiden. Aber emotional?

Es ist eine vage Behauptung, doch ich würde behaupten, dass sich Bilder viel leichter im Unterbewusstsein festsetzen als ganze Sätze. Wer aus einem Alptraum aufschreckt, der hat den Ort des Grauens wahrscheinlich noch sehr deutlich vor Augen, wohingegen man sich in der Regel kaum an die Dialoge seiner Träume erinnern kann.

Dazed hat einen Artikel über eine psychologische Studie veröffentlicht, die zeigt, dass die Sprache unserer Gedanken wohl tatsächlich eher aus Bildern statt aus Worten besteht. Demnach haben nur 26 Prozent der Menschen überhaupt eine innere Stimme, die tatsächlich auch spricht. Der Rest ist ein ineinander fließendes Durcheinander aus Bildern, Farben, Emotionen und Sound.

Iloveyoumagazine Magazine Katharine Spatz Banality 4

Wenn wir uns Dinge vorstellen oder ausmalen, greifen wir dabei wahrscheinlich auf eine Bilderbibliothek aus tausend Instagramposts, Liebesfilmen und Magazinseiten zurück und basteln uns daraus eine nette Collage zusammen. Oftmals werden wir dann enttäuscht, weil die Gefühle der Realität nicht denen auf den Bildern entsprechen – und das, obwohl uns diese Collage doch ziemlich realistisch erschienen ist.

Das mag daran liegen, dass wir mit der Art und Weise der Medien, die wir konsumieren, vielleicht etwas faul geworden sind. Je besser wir unseren unterbewussten Feed pflegen, desto mehr hat er Themen und Inhalte hat er mit unserem alltäglichen Umfeld gemeinsam und plötzlich ist es doch gar nicht mehr so einfach, die künstlichen Bilder aus unserer Realität herauszuhalten. All diese Bilder beinhalten ein Versprechen – und vermitteln mir unrealistische Gefühle.

Das kann eine falsche Erinnerung sein, die sich als Erwartung verkleidet. Es ist ein Gefühl, das mit Überredungskunst antreibt und oftmals zur Enttäuschung führt, denn es ist schon als Emotion an sich erschöpft und verbraucht. Unrealistische Gefühle sind fast alle positiven Gefühle, die man versucht, festzuhalten. Es sind große Gefühle, doch die von anderen, Gefühle, die man aus irgendeinem Grund gerne hätte. Wahrscheinlich, weil sie so gut aussehen.

Was stattdessen wirklich fühlt, erscheint im Vergleich dazu plötzlich ganz banal. Frust. Neid. Oder Langeweile. Für diese Regungen haben wir auf den ersten Blick nur wenig Vorbilder, und wenn dann schlechte oder zumindest nichts, dem wir unbedingt nah sein möchten.

Doch bei näherem Hinsehen stellt man schnell fest, dass schon längst dem Impuls, auch diese banalen Gefühle ausdrücken zu wollen, gefolgt wurde – in belanglosen Bildern. Und auch die scheinen mittlerweile schon mit großen Emotionen belegt und, ja, schon fast kitschig zu sein.

Der leergegessene Teller oder die Socke unter dem Bett sind nichts, was wir nicht auch schon gesehen hätten. Und Marken wie Balenciaga haben sich diesen Trend zum Versehentlichen und Bedeutungslosen schon längst angeeignet.

Der kritische Punkt ist die Veröffentlichung: In dem Moment, in dem ich ein Bild zeige und jemand anderes es betrachtet, meine ich, etwas damit sagen zu wollen. Die Frage, was die Socke unter dem Bett bedeutet, steht im Raum, ohne das ich sie gestellt hätte – und die unschuldige Belanglosigkeit der Socke wird zur pathetischen Geste. Unrealistische Gefühle stecken also in jedem Bild, egal, aus welcher visuellen Welt sie stammen.

Ich glaube auch nicht, dass diese unrealistischen Gefühle ein reines Phänomen unser Zeit sind. Auch als die (Vor-)Bilder der Leute noch aufwendiger waren, haben sie unrealistische Gefühle ausgelöst. Der Traum vom Happy End ist vermutlich menschlich und so ist es auch die Nachahmung.

Nur denke ich, dass wir diese Träume schwerer als solche identifizieren, weil sie viel kleinteiliger geworden sind und eben nach Alltag aussehen. Man träumt natürlich nicht davon, eine Socke unterm Bett liegen zu haben, doch dahinter steckt ein komplexes Lifestylekonstrukt, dass uns begehrenswert erscheint, weil die Socke in diesem Falle die Nonchalance und Mühelosigkeit verkörpert, die in einem durchgetakteten Alltag fehlt.