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Kolumne: Ein Brief an mein Haar

Autor*in

Esra Ayari

In ihrer Kolumne „Wenn der Schmerz bleibt“ teilt Esra Ayari ihren Schmerz zwischen Fremdzuschreibung und Selbstbestimmung, zwischen Rassismus und Akzeptanz, zwischen Stolz und Scham. Er macht es der Journalistin und Speakerin fast unmöglich, über andere Themen zu schreiben. Auch wenn sie es möchte. Esra studiert Linguistik im Master und lebt in Köln.

Ich war nicht immer gut zu dir. Das weiß ich jetzt. Heute bekommst du immer wieder Komplimente, wie schön du doch bist und wie perfekt du fällst. Wir beide wissen, dass das nicht immer so war.

Ich habe dich, mein volles Haar, von meinem Vater. Sein Haar war so schön, dass sein 80er-Jahre-Vokuhila heute noch gut aussehen würde.

Meine Großmutter väterlicherseits lässt sich noch immer die Haare ausdünnen, weil sie unter dem Kopftuch stören. Sie ist fast 80. Ich kann mich also sehr glücklich schätzen mit dir. Du wirst mir hoffentlich noch lange erhalten bleiben.

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Eigentlich leugnete ich deine Existenz, ignorierte deine Schönheit.

Du warst schon immer ein Spiegel meiner Gefühle, meiner Sicherheit mit mir selbst. Als Kind trug ich dich ausschließlich kurz, weil ich niemanden an dich ranließ, dir keine bunten Klammern anknipsen wollte und du mich ehrlicher gesagt einfach nur gestört hattest.

Ich habe immer nur draußen gespielt, war sehr burschikos. Damals wollte ich anecken, also färbte ich dich knallrot. Damals war ich 11. Ich hörte nur Hip-Hop und R'n'B, trug dich in einem Zopf und weite Baggy-Hosen und Capes. Eigentlich leugnete ich deine Existenz, ignorierte deine Schönheit.

Später, mit circa 15 Jahren, hatte ich eine intensive Jazz-Phase. Hatte gerade meinen ersten Job als Putzkraft bekommen und hörte auf den Ohren Ella Fitzgerald, Nina Simone, und Louis Armstrong, während ich den Mopp und dich hin und her schwang. Damals trug ich dich in einem Bob, deine Spitzen föhnte ich nach innen, um so erwachsen wie nur möglich zu wirken.

Dann verschrieb ich mich dem Indie-Rock und glättete deine starke Haarstruktur, färbte dich mal blau, mal pink, mal lila und mal grün.

Ich hatte das Glück, dass meine Tante Friseurin wurde. Sie war immer dankbar, wenn du eine Bühne für ihre Kreativität warst. Sie dünnte dich aus, weil ich es unbedingt wollte. Es tut mir leid.

Ich wollte weiße Frisuren tragen und du standest mir im Weg, also ging sie mit der Schere in dich. Aus demselben Grund legte ich dich behutsam auf ein Bügelbrett und meine Freundin strich dich mit einem heißen Eisen glatt.

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Wir haben zusammen viel erlebt, viele Tiefen gehabt und doch hast du mir immer wieder verziehen. Du hast trotz allem zu alter Schönheit gefunden – auch wenn ich ein Stück deiner Fülle einbüßen musste.
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Wenn du sprechen könntest, dann wäre deine Stimme verzerrt von all dem Schmerz, den du ertragen musstest. Erst mit Anfang 20 hörte ich auf, dich schmerzvoll zu Frisuren zu zwingen, die nicht für dich gedacht waren.

Ich wurde sicherer in meiner Haut, bewusster im Umgang mit dir. Trug dich lang und wellig, ließ dich sein. Hörte auf, dich mit einem Bügeleisen, Glätteisen, einem Föhn, Rundbürsten, chemischen Zusammensetzungen und Toupierkämmen zu malträtieren.

Wir haben zusammen viel erlebt, viele Tiefen gehabt und doch hast du mir immer wieder verziehen. Du hast trotz allem zu alter Schönheit gefunden – auch wenn ich ein Stück deiner Fülle einbüßen musste.

Jetzt gehe ich auf die 30 zu und du verwandelst dich mit mir. Verlierst deine Farbpigmente und fällst immer stärker aus. Ab und zu färbe ich dich, damit wir beide die Illusion von Jugendlichkeit aufrecht erhalten können.

Wir sind beide gereift.

Du hast ständig meine Suche nach Zugehörigkeit nach außen getragen und präsentiert. Danke dafür und verzeih mir die Kämpfe, die du er- und austragen musstest.

Fotografie: Ansgar Sollmann

Set design: Lea Beyl

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