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Was bringt Instagram-Aktivismus in Zeiten der Klimakrise? Im Gespräch mit Faith Robinson, Gründerin von Entry Level Activist

Autor*in

Katharine Spatz

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Das belanglose Geplänkel über das Wetter ist zu einer beunruhigenden Kontroverse geworden.

Doch nicht nur der Grundstein des Smalltalks wird gefährdet. Mit den ansteigenden Temperaturen sehe ich mich einem heiß-kalten Wechselbad der Gefühle ausgesetzt: von trauriger Verzweiflung über eine faktisch in Flammen stehende Welt, über die Euphorie hunderttausender Teilnehmer*innen an den weltweiten Klimastreiks bis hin zur Frustration über das Klimapaket der Bundesregierung.

An manche dieser noch seltsam erscheinenden, neuen Umstände muss ich mich wohl jetzt einfach gewöhnen, der Planetary Breakdown kann jedoch verhindert werden.

Noch.

Schuldzuweisungen halte ich mittlerweile für irrelevant, denn die kollektive Betroffenheit ermächtigt jede*n Einzelne*n dazu, zu handeln. Die Konsequenzen anhaltender Passivität sind keine besonders attraktive Alternative. Die Frage, wie das angestellt werden soll, ist omnipräsent und heftig umstritten. 

Trotz aller Sorgen und prophezeiter Szenarien gilt es aber, eine positive Grundhaltung zu entwickeln, denn ohne Hoffnung lässt es sich nun mal nur schwer weitermachen.

Faith Robinson ist eine derer, die Hoffnung machen will – und eine gründlich reflektierte Perspektive auf die Klimakrise zeigt. Ausgerechnet bei Instagram.

Auf ihrem Account Entry Level Activist versucht sie, Nutzer*innen zu Aktivist*innen zu machen, indem sie eine Plattform bietet, die aufklärt, informiert und gut aussieht.

Die 27-Jährige lebt in Kopenhagen und hat Kunstgeschichte studiert. Beruflich ist sie in der Modebranche tätig, gerade arbeitet sie unter anderem als Research Programmer für die Global Fashion Agenda.

Vor zwei Jahren begann Robinson, sich im Rahmen eines Charity-Projekts intensiv mit der Klimakrise, Nachhaltigkeit und der Bedeutung für die Modeindustrie auseinanderzusetzen. Auf Entry Level Activist dreht sich jedoch nicht alles um Fashion. Viel mehr geht es darum, in verschiedensten Lebensbereichen Verbesserungspotenzial aufzuzeigen. 

„Es geht um eine große Bandbreite von Zeitgeist, von Kunst bis Food, mit einem Schwerpunkt auf dem Potential von Aktivismus für jede*n und positive Veränderungen“, sagt Robinson.

„I KNEW CONSUMERS WERE GETTING WORRIED ABOUT THE WORLD, BUT I KEPT HEARING THE SAME THING: ‘I DON'T KNOW HOW TO HELP’.“

Entry Level Activist wurde gegründet, um der Ratlosigkeit, die ihr in ihrem beruflichen Umfeld begegnet ist, konkrete Lösungsansätze entgegenzusetzen.

Faith Robinson liefert dort nicht nur sorgfältig recherchierte Inhalte. Sie übersetzt diese auch geschickt in eine visuelle Sprache, die der Plattform entspricht. Zeitgenössische Ästhetik macht es leichter, sich regelmäßig und gerne mit der Thematik zu beschäftigen. Robinson hilft also vielen dabei, in den sauren Apfel zu beißen, indem sie ihn mit einer appetitlichen Zuckerglasur überzieht. 

„YOU DON'T GET MUCH DONE IF YOU DON'T GIVE A SHIT.“

Aufklärung ist gut, doch dem Wissen entsprechend zu handeln, fällt oft schwer, auch wenn die Infos, die wir konsumieren, hübsch aufbereitet sind.

Ein Gefühl, das Faith Robinson kennt. Gerade deshalb sagt sie, dass man sich nicht von seiner Frustration blockieren lassen dürfe. Im Gegenteil: „Frustration als ein uns ergreifendes Gefühl ist wichtig – schon allein für eine gewisse Grundmotivation, überhaupt etwas ändern zu wollen.“

In kleinen Portionen werden auf ihrem Account Begriffsdefinitionen und positive Ergebnisse von Organisationen und Klimaaktivist*innen gepostet. „Ich glaube, dass Handeln mit Bildung beginnt. Die vermittelten Information sollen fördern und aufrichtig interessant sein – es geht um etwas Nahbares, das schnell zugänglich und für alle verständlich ist. Am stärksten inspiriert man Menschen, zu handeln, indem man ihnen eine simple Option aufzeigt, etwas Einfaches beizutragen – du weißt, was du gemacht hast und möchtest im nächsten Schritt noch mehr tun“, sagt Robinson zu ihrem Konzept.

„Etwas auf Instagram zu liken ist ein großartiger Anfang, um sich mit Themen auseinanderzusetzen, aber der schlimmste Ort, um dann einfach wieder damit aufzuhören. Für mich sind die aktuellen Klimastreiks der perfekte Weg in Richtung 'Entry Level Activism', weil sie auch in der Popkultur mehr und mehr normalisiert werden, speziell für junge Menschen. Es ist einfach, ein Teil davon zu sein und diese Erfahrung inspiriert hoffentlich dazu, sich weiter für den Wandel einzusetzen.“

Unter den Postings auf Entry Level Activist entstehen Diskussionen, unter anderem darüber, welche Verhaltensalternativen es gibt und welche davon wirklich Sinn machen. Keiner der Vorschläge klingt dogmatisch oder wird mit erhobenem Zeigefinger ausgesprochen.

Robinson will lösungsorientiert kommunizieren: „Zum Beispiel habe ich über den Entwicklungsprozess von nachhaltigem Flugzeugbenzin informiert und in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, ob man angesichts der Klimakrise überhaupt noch fliegen sollte. Der Community Fragen zu stellen und eine Diskussion anzustoßen steht im Zentrum.“ 

„LIKING SOMETHING ON INSTAGRAM IS A GREAT WAY TO START ENGAGING IN ISSUES BUT THE WORST PLACE TO STOP.“

Das spielerische Engagement auf Social Media, das sie so anbietet, ist der erste Schritt auf dem Weg zum Entry Level Activist.

Das Credo: Statt das Handtuch zu werfen, müssen wir anfangen, die Ärmel hochzukrempeln, solange wir noch Longsleeves tragen können! Wir dürfen uns von der Lücke zwischen Wissen, Handeln und schließlich einer sichtbaren Veränderung nicht abschrecken lassen, sondern lernen, den natürlichen Lernprozess, der zwischen diesen Dingen liegt, zuzulassen.

„SADNESS AND GUILT ARE THE ENEMY WHEN IT COMES TO MAKING POSITIVE CHANGE.“

Wir können dazu die gleichen Prinzipien anwenden, die wir aus unseren Achtsamkeits-Podcasts gelernt haben: Scheinbar nicht zu bewältigende Tasks, in kleine, schnell zu erledigende Aufgaben aufbrechen, aufschreiben, wiederholen.

Diese Art von Lösung ist auch die, die Robinson versucht, uns näher zu bringen.

Große Demos und Streiks sind unverzichtbar, um Druck auf Wirtschaft und Politik aufzubauen, ohne die wir auch als Vollblut-Veganer*innen keinen Wandel vollziehen können. Doch genauso wichtig bleibt es, nach der Demo kleine Konsequenzen für den Alltag zu ziehen.

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„Konsum und die damit verbundene Herausforderung nimmt viel Raum in meinem Kopf ein, auch wenn ich an Entry Level Activist arbeite und natürlich in meinem Job und im Alltag“, sagt Faith Robinson.

„Capitalism is pretty fucked up! Ich glaube jedoch nicht, dass es alleine in der Verantwortung der Konsument*innen liegt, hier einen anderen Weg zu finden. Ein System ändert sich durch größere wirtschaftliche oder politische Umwälzungen. Wenn wir Konsument*innen uns mehr bilden und auch mehr denn je überhaupt dafür interessieren, haben wir die Möglichkeit, Druck auf alle zu auszuüben, die Veränderungen finanzieren, Innovationen entwickeln, umgestalten oder auch regulieren, um diese dann schneller umzusetzen.“

„I CHOOSE TO BELIEVE THAT SOCIETY IS COLLECTIVELY CAPABLE OF GETTING PAST THIS [CAPITALIST] REALITY AND ARRIVING AT A MORE SUSTAINABLE FUTURE MUCH FASTER THAN WE REALISE.“


Wer bisher privilegiert genug war, um sich erlauben zu können, vom Aktivismus fernzubleiben – gerne unter dem Vorbehalt Ruhe zu bewahren und nicht in Panik auszubrechen – findet bei Entry Level Activist erste Anknüpfungspunkte.

Abgesehen davon, dass Panik eine nur zu angemessene Reaktion auf die aktuellen Umstände wäre, sollte man sich nicht von einem einseitigen Aktivist*innenbild blenden lassen, das wahlweise akademisch-verklärt oder als „zu radikal“ abgetan wird.

Aktivist*innen sind schlichtweg engagierte Persönlichkeiten, die sich innerhalb ihrer Berufs- und Lebenswelt für Veränderung einsetzen und ihre Arbeit öffentlich machen.

Mir fällt kein Grund ein, warum nicht jede*r mit einem Mindestmaß an gesundem Menschenverstand und guten Absichten diese Eigenschaften auch auf sich selbst übertragen sollte.

Indem wir Robinsons offene Fragen diskutieren, sie für uns beantworten und andere für sich antworten lassen, können wir kontinuierlich dazulernen.

„Ein 'Entry Level Activist' zu werden, muss nicht zwangsweise bedeuten, dein ganzes Leben etwas zu widmen, das größer ist als du“, sagt sie.

„Es bedeutet viel mehr, dass du tust, was du tun kannst. Und das ist genug, um Teil einer Bewegung zu sein, die etwas bedeutet.“

@ENTRYLEVELACTIVIST bei Instagram folgen.

Quotes: Faith Robinson