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Enthaarungstutorials als Empowerment-Tool: „Beauty-YouTube war die kanakische Freundin, die ich niemals hatte“

Autor*in

Rea Mahrous

Iloveyoumagazine Magazine Beauty Empowerment Enthaarung Beautychannels Youtube Rea Mahrous20dilara Duman

Seit ich denken kann, war ich in meinem Umfeld das behaarteste Mädchen – und das wurde mir ziemlich früh ziemlich bewusst. Wann genau ich zum ersten Mal darauf angesprochen wurde, weiß ich nicht mehr, aber es hat jedes Mal ein bisschen wehgetan, deshalb aufzufallen.

Haarentfernung hat auch bei meiner Mutter zum Alltag gehört, aber wie gefühlt jede migrantische Mutter saß sie einfach jeden Abend vor dem Fernseher und zückte unter einem kleinen, warmen Lichtkegel einen Taschenspiegel und ihre Pinzette – sie hatte das Zupfen so perfektioniert, manchmal musste sie dabei gar nicht mehr in den Spiegel schauen. Trotzdem riet sie mir immer davon ab: „Wenn du mal anfängst, dich im Gesicht zu enthaaren, dann nicht mit der Pinzette!“ – „Womit dann?“, fragte ich. „Weiß ich nicht, probier aus“, erwiderte sie unaufgeregt. Beauty und Make-up waren nie ihr Ding. Genauso clueless wie vorher saß ich also da und wusste nichts mit diesem „dunklen Flaum“ anzufangen, der sich über mein Gesicht zog.

Fast forward: Es sind die frühen 2010er, ich bin Mitte Zwanzig und habe zu diesem Zeitpunkt schon zahlreiche Enthaarungstechniken ausprobiert, die eher schlecht als recht ausgegangen sind. Und dann, wie von Zauberhand, stolpere ich auf YouTube über Beauty-Channels:

Hatice Schmidt, Vania von KindOfRosy, Dilara Duman, Lamiya und Dounia Slimani und viele mehr. Junge braune und Schwarze Frauen, die – mehr oder weniger – aussehen wie ich, die behaarte Arme, dunkle Haare und einen Oberlippenbart haben. Und die vor laufender Kamera ganz normal über Themen sprechen, die für mich immer hochempfindlich waren, weil ich in meiner kleinen kartoffeligen Welt die einzige war, die sich mit ihnen auseinandersetzen musste: Enthaarungsmethoden und -probleme, der perfekte Concealer-Ton für olivfarbene Haut, Pflegetipps für nicht-weißes Haar.

In einer Zeit, in der es noch keine empowernden Instagram-Accounts gab, die eine*r permanent zubrüllen, man solle sich selbst gefälligst so lieben, wie man ist, sondern ausschließlich weiße, komplett haarfreie Frauen in Magazinen abgedruckt und im Fernsehen zu sehen waren, musste man sich selbst zu helfen wissen, wenn man nicht so aussah. Und es war nicht nur das Stigma des Behaartseins an sich, das mich davon abhielt, mich näher mit Beauty-Themen auseinanderzusetzen, die zu mir passen.

Es war auch ein vermeintliches Drüberstehen, ein elitäres, klassistisches Herabblicken darauf: Wer sich eingehender mit Beauty beschäftigt, kann nicht wirklich intelligent, geschweige denn intellektuell sein. Was für ein Quatsch – wir leben in einer Welt, in der das Äußere zählt. Zu behaupten, man solle sich bloß nicht damit beschäftigen, um nicht oberflächlich zu erscheinen, im Alltag aber trotzdem davon beeinträchtigt zu sein, ist ein riesiger, nichtiger Kraftaufwand. 

Zu sehen, wie sich plötzlich immer mehr Personen vor die Kamera setzen und das normalisieren, was in Magazinen und (meinen) Freundeskreisen bisher tabuisiert wurde, war für mich Empowerment in seiner reinsten Form. Dabei ging es erst einmal nicht um das Hinterfragen von Schönheitsstandards oder gar um Konstrukte wie den Male Gaze, sondern schlicht um Entmystifizierung und einem Begegnen auf Augenhöhe: Schau mich an, ich sehe aus wie du und ich habe hier etwas ausprobiert, das auch zu dir passen könnte, probier’s doch mal aus! Beauty-YouTube als die kanakische Freundin, die ich nie hatte.

Und damit war ich ganz und gar nicht alleine: Von Make-up-, Skincare- und Enthaarungstipps über Tutorials für Schwarze Hairstyles öffnete die Videoplattform plötzlich ganze Universen für marginalisierte Menschen. Jolina Mennen etwa, die auf ihrem Kanal zeitweise über ihre Existenz als trans Frau berichtet, vor allem aber allgemein über Lifestylethemen spricht, oder Patrick Starr, der es mit seiner grandiosen Make-up-Artistry mittlerweile auf rote Teppiche schafft, haben dazu beigetragen, dass queere und trans* Biografien genauso wie Make-up tragende Männer Einzug in die Online-Normalität erhalten und gehören mittlerweile zu den beliebtesten Beauty-Persönlichkeiten der Sozialen Medien. 

Sie alle mussten nicht mehr länger darauf warten, dass jemand sie bemerken und ihnen das Wort in Form einer gedruckten Doppelseite überlassen würde. Stattdessen haben sie sich selbstbewusst auf die Bühne gestellt, nach dem Mic gegriffen und angefangen zu erzählen. Anstatt von etablierten Outlets weiterhin übersehen zu werden, gingen und gehen YouTuber*innen geradezu auf ihre Peers zu und bauen sich ihre ganz eigene Community auf, für die lange Zeit kein Ventil und Zugehörigkeit wenn überhaupt, nur im unmittelbaren Dunstkreis da war.

„Representation Matters“ ist ein häufig benutzter Slogan für die Relevanz diverser werdender Casts in Filmen, Serien, Kampagnen: Repräsentation ist wichtig, als Empowerment-Tool, aber auch als erster Schritt in Richtung wahre Veränderung. Denn es bleibt zu hoffen, dass sich diese Repräsentation irgendwann, gerne bald, auch offline manifestiert. Mein 13-jähriges Ich würde sich freuen und lässt bis dahin weiter die Finger von der Pinzette.

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