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Was würdest du deinem Future Self heute sagen?

Autor*in

Katharine Spatz

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„Denn wir hoffen immer auf das Vorhersehbare, doch vorhersehen können wir nun mal nichts und handeln können wir beide nur im Jetzt“: Ein Brief für die Zukunft.

HEY,

ich denke sehr oft an dich, obwohl wir uns noch gar nicht richtig kennen. Es bereitet mir auch ein klein wenig Unbehagen, wenn ich an den Tag denke, an dem wir uns treffen werden. Schließlich kann ich dich nicht einfach nicht mehr anrufen, wie nach einem schlechten Blind Date.

Wenn du mir nicht gefällst, dann ist es harte Arbeit – oder eine Tragödie – dich loszuwerden.

Deswegen hoffe ich, dass ich das ein oder andere tun kann, damit unser Aufeinandertreffen harmonisch wird. Mich entspannen zum Beispiel. Denn wir beide entspannt sind, können wir wahrscheinlich auch mit potenziellen Uneinigkeiten besser umgehen.

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Es ist nämlich wahrscheinlich, dass du ganz anders bist, als ich dich mir vorstelle und doch gar nicht so anders als ich. Ob ich dann enttäuscht bin? Vielleicht.

Vielleicht habe ich es aber bis dahin auch geschafft, Hoffnung und Erwartung voneinander zu unterscheiden. Das eine tröstet uns und das andere zermürbt. Zugegeben, ich lasse mich oft und gerne von zu hohen Erwartungen zermürben. Das weißt du auch. Ich hoffe, darin bist du etwas weiter als ich.

Ich weiß auch gar nicht, wann wir uns treffen sollen, eigentlich ja schon morgen. Morgen denke ich dann aber wieder morgen und so weiter. Es kann also sein, dass wir uns nie wahrhaftig begegnen und du ein ewiger Traum von mir bleibst.

Wenn ich von dir träume, trägst du einen hellen, gut sitzenden Anzug aus einem hochwertigen, sanft fallenden Stoff – und du weißt sogar, wie man diesen Anzug pflegt und jeden Fleck, der sich darauf niederlässt, fachgerecht entfernt. Deine Figur ist selbstverständlich nahezu identisch mit der meinen, nur im Gesicht, da hast du vielleicht ein, zwei mehr Lachfältchen um die Augen als ich.

Wahrscheinlich eher drei, vier, denn sofern du noch keine Kinder hast, hast du vermutlich auch noch nicht aufgehört zu rauchen. Es kann gut sein, dass du nicht so bleich bist wie ich, weil du gerade erst zwei Jahre in Lissabon gelebt und von dort aus gearbeitet hast. Was genau, erzählst du mir dann.

Ich muss zugeben, dass ich schon sehr viel unserer Zeit darauf verwendet habe, mir auszumalen, wie du so sein wirst. Doch je mehr Zeit ich darauf verschwende, von dir zu träumen, desto länger wird es wohl dauern, bis wir uns tatsächlich begegnen. Auch wenn ich wirklich glaube, dass wir das Träumen brauchen und die Hoffnung tröstlich ist, können wir uns nicht darauf verlassen. Denn wir hoffen immer auf das Vorhersehbare, doch vorhersehen können wir nun mal nichts und handeln können wir beide nur im Jetzt. Das weißt du genauso wie ich, denn wir beide haben Camus gelesen, als wir 18 waren.

„Um es deutlich auszuprechen: je mehr ich hoffe, je mehr ich besorgt bin um eine mir eigene Wahrheit, um eine Art, zu sein oder zu schaffen, je mehr ich schließlich mein Leben ordne und dadurch beweise, dass ich ihm einen Sinn unterstelle, umso mehr Schranken schaffe ich mir, zwischen denen ich mein Leben einzwänge.“
Der Mythos des Sisyphos, Albert Camus

Und in Schranken einzwängen will ich dich nun wirklich nicht. Wenn du lieber Miniröcke statt Anzüge trägst, werde ich trotzdem versuchen dich zu mögen, wenn du nicht in Lissabon gelebt hast, auch. Es würde mich überraschen, solltest du kühnen Erwartungen gerecht werden und tatsächlich einmal eine Dankesrede vor großem Publikum halten oder in einem Club spielen.

Wenn ich aber darüber nachdenke, was ich mir am meisten von dir wünsche, dann ist es, dass du jemand bist, mit dem ich mich und andere sich gerne umgeben. Eine Person, die man gerne auf seine Parties einlädt, weil sie gute Stimmung macht und immer etwas Lustiges zu erzählen weiß.

Wenn ich nicht lustig bin, dann wirst du wenig Lustiges zu erzählen haben. Denn am Ende des Tages sind wir ein Team. Ich hoffe allerdings, du wirst mich auch leiden können, denn ich ahne, dass ich dich das ein oder andere Mal verärgert haben werde.

Aber um ehrlich zu sein, muss ich bei dem Gedanken daran ein bisschen grinsen. Du wirst dich fragen warum, und ich kann es dir nicht genau sagen, aber in mir freut sich ein kleiner Teufel darüber, dir Schmerz zu bereiten, oder zumindest Ärger. Der kleine Teufel will nämlich noch ein bisschen Spaß haben, Verbotenes tun und Geld verprassen.

Im Idealfall bist also gar nicht verärgert, sondern heimlich auch ein bisschen stolz auf mich. Unsere Mutter hat dann hoffentlich auch noch ein Lächeln für unsere Dummheiten übrig. Aber vielleicht machst du das ja selber auch noch und lächelst verständnisvoll, schüttelst den Kopf dabei und schaust fast ein bisschen mütterlich.

Bis dahin. See you when I see you, deine Kathy
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