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Editor's Letter: I LOVE YOU ist wieder da – und jetzt?

Autor*in

Christiane Bördner

Ich bin 46 Jahre alt und habe eine Scheißangst vorm Sterben. Sie begann an einem Montagabend vor zwei Jahren. Nach drei Bier ging mein Vater von einer Feier nach Hause. Dann stand er im Vorgarten und fiel tot um.

An diesem Tag wurde mir die Endlichkeit meiner Existenz in die Fresse geschlagen. Wie alles einfach vorbei sein kann, als wäre es Zufall.

Alles muss besser werden. Sechs Monate lang bin ich besessen davon. Ich schiebe nichts mehr auf, morgen ist mir zu weit weg und nicht real, hier und jetzt ist alles, was wahr ist. Ich überlege nicht mehr lange, sondern entscheide am liebsten sofort.

Ein radikales Ja oder Nein zu allem hilft, das Gefühl der Machtlosigkeit aus dem Vorgarten Stück für Stück wieder loszuwerden.

Es ist 2018, ich lasse mir meine Augen lasern und die Schlupflider entfernen. Ich nehme Vitamin D und B12, ich mache Sport, gehe regelmäßig in die Sauna, trinke mindestens zwei Liter Wasser am Tag, trage keine Brille mehr. Ich meditiere. Ich fühle mich wohl in meinem Körper, jedenfalls meistens.

Doch ein Widerspruch bleibt: Ich weiß zwar, dass sofort alles vorbei sein kann. Als wäre es Zufall. Doch ich verhalte mich so, als wäre es möglich, das zu beeinflussen – und irgendwie doch noch eine Art Unendlichkeit zu erreichen.

Im Sommer lerne ich, dass der dänische Philosoph Søren Kierkegaard dafür eine Art A/B-Test entworfen hat. Die Zeit fasst das so zusammen: Entweder, so Kierkegaard, zerbrichst du an diesem Widerspruch, oder du kommst klar. Dabei unterscheidet er ein Leben im ästhetischen, im ethischen und im religiösen Stadium. Alle drei können, müssen aber nicht durchlaufen werden.

Beauty ist das Medium,
das I LOVE YOU nutzen wird, um über Gesellschaft und Identität zu sprechen.

Genau hier beginnt das neue I LOVE YOU.

Nicht alles ist anders als vor fünf Jahren, als die letzte Ausgabe erschien („The Crisis Issue“). Die Idee bleibt dieselbe: Es geht um das Ausloten von Grenzen und die Frage „Wer bin ich und was macht mich glücklich?“

I LOVE YOU soll das nicht für mich beantworten, sondern eine Plattform für eine Interaktion von Perspektiven sein. Beauty ist das Medium, das I LOVE YOU nutzen wird, um über Gesellschaft und Identität zu sprechen. Unsere Inhalte teilen wir dafür in drei Kapitel ein, die sich an Kierkegaards Stufen orientieren.

Im ästhetischen Kapitel von I LOVE YOU widmen wir uns den unmittelbaren Bedürfnissen. Vielleicht sind das die Dinge in deinem Warenkorb. Oder eine Gesichtsmaske. Wir widmen uns diesen Bedürfnissen, weil wir hoffen, ein Stück zufriedener zu werden. Die große Erfüllung fürs Leben ist hier nicht zu erwarten, selbst wenn die Gesichtsmaske „This is going to fix everything“ heißt.

Das reicht manchmal, aber nicht immer. Willkommen im ethischen Kapitel von I LOVE YOU, in dem wir durch verschiedene Perspektiven ein Bewusstsein dafür schaffen möchten, wie das Leben sein kann. Wir blicken hinter vermeintliche Ideale und fangen so an, wie wir vor fünf Jahren aufgehört haben: mit einem großen Thema und seinen Auswirkungen auf Gesellschaft und Identität. Auf die Crisis Issue folgt Self-care – und danach jeden Monat ein neuer Schwerpunkt.

Für den Wechsel zwischen den beiden Kapiteln legt uns Kierkegaard das Stilmittel der Ironie ans Herz. Indem wir uns selbstironisch betrachten, haben wir die Möglichkeit, Distanz zu gewinnen, zwischen Ästhetik und Ethik zu wechseln, in einer Zwischenphase zu landen – oder eben die Komfortzone zu verlassen.

Das dritte I LOVE YOU Kapitel ist das spirituelle. Wir beschäftigen uns mit der Frage, ob es möglich ist, über das ethische Kapitel hinauszuwachsen. Kierkegaard empfiehlt hier als Werkzeug Humor, denn alles, was uns widersprüchlich vorkommt, ist letztendlich komisch. Er soll dabei helfen, unsere Endlichkeit im Vergleich zur Unendlichkeit auszuhalten und daraus Kraft zu schöpfen. Herausforderung angenommen.

In welchem dieser Kapitel sich jede*r Einzelne aufhält, soll nicht gewertet werden, denn wir betrachten sie nicht als separate, abgeschlossene Lebensentwürfe. Sie sind Gefühlszustände, die je nach Tagesform variieren können. Deshalb haben wir für euch ein Filtersystem installiert und alle Inhalte einer der drei Phasen zugeordnet, sodass ihr sie euren jeweiligen Bedürfnissen anpassen könnt. Easy, medium, deep shit? Ihr entscheidet.

I LOVE YOU,

Christiane*

*die am 24. Januar 2019 glaubte, demnächst in die spirituelle Lebensphase überzutreten und gleichzeitig von einem Glas Wein und dem dringenden Bedürfnis nach einem Outfit, das sie komplettieren sollte, an ihr ästhetisches Stadium erinnert wurde. Vielleicht löscht sie ihre gefüllten Warenkörbe morgen. Wer weiß.

Video: Marcus Gaab