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Eco-Anxiety: Wenn die Angst ums Klima psychisch krank macht – und was dagegen hilft

Autor*in

Saskia Gerhard

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Foto: Marcus Gaab

Seit kurzem taucht ein neuer Patient*innentyp in psychotherapeutischen Praxen auf. Menschen mit Angst ums Klima und Umwelt: Eco-Anxiety. Was tun gegen die Angst um unseren Planeten?

„Ich will, dass ihr Panik bekommt. Ich will, dass ihr die Angst fühlt, die ich jeden Tag spüre.“ Das waren Greta Thunbergs starke Worte Anfang vergangenen Jahres auf dem World Economic Forum in Davos, in der Schweiz. Sie richtete sie an Regierungen und Wirtschaftsbosse, als flehende Bitte, endlich was gegen die Klimakrise zu unternehmen.

Das war nicht Gretas letzte Rede. Noch auf vielen weiteren öffentlichen Auftritten prangerte sie an – und tut es noch immer–, dass zu wenig unternommen wird, um das Klima wieder auf Kurs zu bringen. Teils unter Tränen. Dafür wird sie besonders von Politiker*innen oder Unternehmenschefs, aber auch vielen anderen Menschen belächelt. Sie sei hysterisch, so schlimm sei alles ja nun auch wieder nicht und sie soll jetzt bitte mal keine Panik verbreiten.

Doch Gretas Angst teilen viele und zwar nicht aufgesetzt. Eco-Anxiety ist ein Begriff, der immer häufiger fällt, wenn es um das schlechte Gefühl geht, das in vielen aufkeimt, wenn sie über die Zukunft auf diesem Planeten nachdenken. Ein neues Krankheitsbild, auf das sich Therapeuten einstellen müssen? Und wie lässt sich das therapieren, während es um das Klima weiterhin nicht besser bestellt ist?

Zunächst einmal zum eigentlichen Begriff: Mit Eco-Anxiety sind nicht die direkten Auswirkungen gemeint, die die Klimakrise auf die Psyche unmittelbar betroffener Menschen haben kann. Auch diese können selbstverständlich gravierend sein. Wer durch ein Extremwetterereignis verletzt wird, geliebte Menschen oder sein Zuhause verliert, erleidet nicht selten nicht selten ein Trauma oder zumindest einen Schock.

Die American Psychological Association schreibt, dass diese intensiven emotionalen Stresssituationen schnell in posttraumatische Belastungsstörungen münden können. Ein Beispiel aus 2005: Unter Menschen, die vom schweren Hurrikan Katrina betroffen waren, verdoppelte sich nach dem Desaster die Zahl der Suizide sowie suizidaler Absichten. Einer von 6 zeigte Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Und nicht nur Extremwetterereignisse haben diese Effekte. Auch die langsam fortschreitenden klimatischen Veränderungen können sich letztendlich auf die Psyche der Betroffenen auswirken. Etwa wenn Arbeitsplätze verloren gehen oder Gebiete unbewohnbar werden. Dies kann Menschen ihrer Identität berauben, sie aus sozialen Strukturen reißen und ihnen das Gefühl von Kontrollverlust vermitteln. All das ist in vielen Fällen mit psychischen Erkrankungen verknüpft.

„Ich will, dass ihr Panik bekommt. Ich will, dass ihr die Angst fühlt, die ich jeden Tag spüre.“
Greta Thunberg
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Adrian Crispin
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Adrian Crispin

Doch auch indirekt wirken sich die klimatischen Veränderungen auf Menschen aus, die noch nicht unmittelbar betroffen sind. Psycholog*innen weltweit berichten von Patient*innen, die Klimaveränderungen als angsteinflößend bezeichnen. Die nicht mehr schlafen können, reizbar sind, ihren Appetit verlieren, unter Panikattacken leiden und sich schwach fühlen. Die Zahl der Betroffenen ist inzwischen groß genug, dass sich Therapeut*innen auf Kongressen über sie unterhalten. Und Aktivist*innen bieten Gruppentreffen an, in denen sich Betroffene über ihre Sorgen austauschen können.

Es gibt fatale Beispiele von jungen Menschen, die daran verzweifeln, nicht guten Gewissens Kinder bekommen zu können. Oder Eltern, die von so massiven Ängsten um die Zukunft ihrer Kinder geplagt werden, dass sie düstere Gedanken entwickeln. Die Psychotherapeutin Caroline Hickman erzählte im Oktober im Gespräch mit der BBC von Eltern, die Gedanken darüber geäußert haben, ihre Kinder zu töten aus Angst davor, wie sich die Welt entwickeln wird. Hickman betont, dass dies dunkle Fantasien waren, die Eltern wollten sie nicht in die Tat umsetzen, aber ihnen war der Gedanke gekommen.

Extrembeispiele, klar.

Doch die langsam voranschreitenden Folgen der Klimakrise zu beobachten, sich hilflos zu fühlen und wütend darüber, dass kaum was unternommen wird, kann zumindest zu chronischem Stress führen. Und der wiederum ist ein typischer Vorbote von Depressionen oder Angststörungen. Umso schlimmer, dass junge Menschen, die für Fridays for Future auf die Straße gehen, berichten, wie sie in und teils sogar von der Schule abwertend behandelt werden für ihre Teilnahme an den Protesten.

Wenn wir Angst haben, schalten sich automatisch Verteidigungsmechanismen ein, sagt Psychologin Susan Koger. Wir lenken uns ab, machen uns taub.

Wer nun meint, Eco-Anxiety sei eine psychische Störung, die man mit ein paar Psychopharmaka behandeln kann, der irrt. Denn die Ursache ist keine verzerrte, krankhafte Wahrnehmung der Außenwelt oder von sich selbst, sondern vielmehr eine normale und gesunde Reaktion auf den kranken Zustand des Klimas. Expert*innen sind eher verwundert, dass nicht noch mehr Menschen von Sorgen zermürbt werden.

Allerdings ist die fundamentale Angst vor der Zukunft und vor einem Weltuntergangsszenario nicht neu. Noch aus den 80er Jahren gibt es Berichte, dass die Menschen damals solche Ängste plagten. Nämlich während des Kalten Krieges, als die Welt am Rand eines dritten Weltkriegs stand. Auch in dieser Zeit versuchten die Menschen mit ihrer Angst umzugehen. Ein paar Techniken von damals können heute immer noch nützlich sein, ein paar neue sind aber ebenfalls dazugekommen.

Wichtig sei vor allem, nicht in Schockstarre zu verfallen, warnt die Psychologin Susan Koger. Sie unterrichtet an der Willamette University in Oregon und hat mit der BBC über Eco-Anxiety gesprochen. Wenn wir Angst haben, schalten sich automatisch Verteidigungsmechanismen ein, sagt Koger. Wir lenken uns ab, machen uns taub.Ein Rat, den Expert*innen immer wieder geben: Nicht die Zuversicht verlieren, sondern etwas unternehmen.

Dieses Taubmachen sei aber in jeglicher Hinsicht nicht hilfreich – weder um die eigentlichen Probleme der Klimakrise anzugehen – denn noch lässt sich was ausrichten – noch für das eigene Wohlbefinden. Kämen dann noch Schuldgefühle oben drauf, werde alles noch schlimmer, denn Schuld hemme die Motivation.

Aus diesem Grund sind einige Expert*innen auch skeptisch über den Ansatz der „Deep Adaptation“. Vor etwa einem Jahr ist ein vielbeachteter Aufsatz zu diesem Thema erschienen, in dem der Autor die Aussichten, die klimabedingte Apokalypse zu verhindern, gleich null setzte. Seiner Meinung nach sei es nun an der Zeit, sich mental auf die unabwendbaren Folgen einzustellen. Kein besonders hoffnungsvoller Ansatz.

Für viele mag er sich realistisch anfühlen, das Problem ist aber: Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, wozu dann noch was unternehmen? Dann können wir uns ja gleich zurücklehnen und alles den Bach runtergehen lassen.

Stattdessen ist es wichtig, sich klar zu machen, dass der Kampf für das Klima und für die Umwelt noch nicht verloren ist. Dass wir immer noch etwas unternehmen können.

Die Achillesfersen in dieser Krise sind die sogenannten Kippelemente. Wissenschaftler verstehen darunter bestimmte Bestandteile des Erdsystems, die mit der Erderwärmung in einen neuen Zustand geraten können und in diesem neuen Zustand die Klimakrise weiter befeuern können. Dazu gehören beispielsweise das Arktische Meereis, der Amazonas-Regenwald oder das Wetterphänomen El Nino.

Dass sie in ihrem jetzigen, funktionalen Zustand bleiben, davon hängt die weitere Entwicklung des Erdklimas entscheidend ab. Wissenschaftler gehen außerdem davon aus, dass einige Elemente unumkehrbar in ihrem neuen Zustand bleiben, wenn sie einmal gekippt sind. Selbst wenn das Hintergrundklima sich wieder normalisiert.

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vergleicht die Kippelemente mit Organen im menschlichen Körper: „Diese verändern ihre gewohnte Funktionsweise drastisch oder stellen die gar ein, sobald bestimmte Voraussetzungen, wie zum Beispiel Sauerstoffzufuhr, nicht mehr in ausreichendem Maße erfüllt sind“, heißt es da. Mit Kippelementen im Erdsystem ist es ähnlich.

Manche stehen bereits an der Schwelle „zu kippen“, das heißt, kleine Störungen wie etwa weitere Erderwärmung können sie in einen neuen Zustand versetzen. Aber noch ist es nicht soweit und jeder von uns ist nicht so hilflos, wie wir meinen. Klar können wir keine eigenen politischen Entscheidungen umsetzen. Aber wir können auf die Straße gehen, mehr Druck machen auf Politiker*innen und Entscheider*innen, damit sie echte Klimalösungen umsetzen, die wirklich etwas bewirken.

Wir können uns bewusster mit unserem Konsum und unserem Lebensstil auseinandersetzen. Auch dafür ist es noch nicht zu spät.

Ohne Frage ist es niederschmetternd, den Amazonas brennen zu sehen, zu wissen, dass Millionen Tiere gerade in den Buschfeuern in Australien verenden und dass es eigentlich keinen Ort auf dieser Welt gibt, der nicht mit Plastik verschmutzt ist. Ja, wir fühlen uns hilflos. Ja, es steht nicht gut um unseren Planeten. Aber es ist auch noch nicht alles verloren. Wer sich intensiver damit auseinandersetzt, was alles noch getan werden kann, der wird merken, dass sich doch noch was verändern lässt. Und das hilft nicht nur denen, die unter Eco-Anxiety leiden, sondern uns allen.