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Ist Detox eine Lüge – und wenn ja, wollen wir die Wahrheit überhaupt wissen?

Autor*in

Saskia Gerhard

Es gibt kaum Wellnessprodukte, von denen es keine Detox-Variante gibt. Dabei existieren keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Detox funktioniert. Cleansing? Entschlackung? Gurkenwasser? Diese Begriffe versprechen vor allem eins: Hoffnung.

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Wenn „Detox“ auf der Verpackung steht, verkauft sich alles besser. Sogar Dinge, die nichts mit Detox zu tun haben. Taxifahrten zum Beispiel.

Vor Kurzem schickte eine große deutsche Taxi-Bestell-App Detox-Gutscheine an ihre Nutzer. Wer das Stichwort in die App eingab, bekam 20 Prozent auf die nächste Fahrt, zum „Durchstarten im neuen Jahr“.

Das steckt schon im Namen: Detox steht kurz für „Detoxification“ – Entgiftung würde man im Deutschen sagen. Doch wer herausfinden möchte, wie Detox genau funktioniert, wird nicht weit kommen. Denn die Begriffe, die das Prinzip erklären sollen, sind schwammig und nichtssagend.

Die Aussagelosigkeit beginnt schon damit, dass es keine eindeutige Definition gibt, welche Toxine (Gifte) durch die Kuren, Drinks und Tinkturen überhaupt entzogen werden sollen. Kohlenhydrate, Transfette, Schwermetalle, nicht näher bestimmte Entzündungsrückstände – die Liste ist vielfältig und extrem beliebig. Ausgesprochen nichtssagend bleibt es auch mit dem übergeordneten Begriff „Schlacken“.

Sie sollen für den Körper ungefähr so schlecht sein, wie ihr Name abstoßend klingt. Eigentlich stammt der Begriff aus der Industrie und beschreibt Rückstände in Hochöfen nach der Metallschmelze oder nach der Verbrennung von Kohle. In der Detox-Community sind sie der schäbige Bodensatz unseres Lebensstils, in ihnen soll sich alles Giftige vereinen, was tagtäglich unseren Körper penetriert. Dazu zählt nicht nur, was wir über die Nahrung aufnehmen, sondern auch andere Stoffe aus unserer Umgebung gehören dazu – von Bakterien bis Feinstaub. Klingt ekelig, aber auch so, als müssten wir eben nur die Schlacken ausspülen und dann wäre der Körper so gut wie neu.

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Das ist kompletter Unsinn, denn Schlacken existieren im menschlichen Körper nicht. Wissenschaftlich gesehen sind sie ein Mythos.

Richtig ist zwar, dass wir von Schadstoffen umgeben sind und einige davon es auch in den Körper schaffen. Ein gesunder Organismus ist aber durchaus in der Lage sich selbst zu reinigen. Dafür gibt es die Leber, die Nieren, die Lunge, den Darm und die Haut. Sie alle spielen zusammen in einem genialen System, das sich Stoffwechsel nennt und darauf angelegt ist, alles hinauszubefördern, was der Körper nicht braucht.

Es existieren keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür, dass Detox-Methoden dabei in irgendeiner Weise eine Hilfe sind. Die wenigen Studien, die es gibt, sind nicht verwertbar. Entweder wurden sie an zu wenigen Teilnehmern durchgeführt, um irgendwas auszusagen, oder es wurden fragwürdige Methoden eingesetzt. Einige Ergebnisse wurden nur an Tieren überprüft und sind auf den Menschen gar nicht übertragbar.

Der britische Komplementärmediziner Ezdard Ernst von der Oxford-Universität forscht zu alternativen Ansätzen in der Medizin und überprüft wissenschaftlich, was sie taugen. Er hat sich vor ein paar Jahren auf die Suche begeben und wollte ergründen, was Detox ist. Nachdem er viele Bücher und Texte gelesen hatte, kam er schließlich zu dem Schluss, dass nichts wissenschaftlich basiertes über Detox bekannt ist – er bezweifelte, dass es überhaupt eine Detox-Wissenschaft gibt. Das ganze Konzept sei biologisch nicht plausibel und klinisch unerprobt. Ärzte sollten ihre Patienten sogar davor warnen.

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Detox-Anhänger mögen einwenden, dass sich ja wohl manche Gifte im Körper festsetzen. Dioxin zum Beispiel oder PCB oder bestimmte Insektengifte. Sie sind fettlöslich, das Fettgewebe ist sowas wie ein Zwischenlager für solche Stoffe. Detox- und Cleansing-Kuren sollen den Abtransport angeblich beschleunigen: Dann wird eine Woche nichts als Brühe und Tee oder ein Cocktail aus Zitronensaft, Ahornsirup und Cayennepfeffer – „Master-Cleanse“ genannt – zu sich genommen.

Dazu kommen regelmäßige Darmspülungen. Tatsächlich helfen diese Kuren nicht dabei, Schadstoffe im Fettgewebe loszuwerden. Abgesehen davon, dass regelmäßige Darmspülungen ohne medizinischen Grund unnötig und sogar gefährlich sein können, führen Detox-Kuren zudem zum ziemlich schnellen Fettabbau. Wie diverse Studien zeigen, hat das zur Folge, dass  Schadstoffe, die im Fett abgelegt waren, ins Blut geschwemmt werden. Damit gelangen die Stoffe leichter zu anderen Organen, wo sie schwerere Schäden anrichten können. Das Fettgewebe ist als Zwischenspeicher noch die schonendste Lösung. Und die stinkenden Ausdünstungen und Ausscheidungen, die der fastende Körper mit der Zeit absondert, haben nichts mit Giften zu tun: So riecht es, wenn der Körper hungert.

Wer tatsächlich von Detox-Produkten profitiert, sind die Unternehmen, die sie verkaufen. Das Geschäft boomt. Shampoos, Conditioner, Gesichtsmasken, Tees, Reinigungsgele, Cremes – es gibt kaum Wellnessprodukte, von denen keine Detox-Variante existiert. Es gibt Detox-Diäten, dazu passende Detox-Kochbücher, Detox-Säfte und sogar Detox-Parties, auf denen man, statt Bier und Schnaps, frischgepresste Säfte und Ingwershots trinkt. Sogar Prinz Charles hat vor Jahren mal eine „herzogliche Detox-Tinktur“ herausgebracht, wurde dann aber schnell öffentlich der Quacksalberei beschuldigt.

Auf Instagram findet man unter #detox derzeit gut 13,6 Millionen Posts. Darunter zahlreiche Rezepte für Detox-Smoothies mit allen möglichen Zutaten. Praktisch jedes Gemüse und jedes Obst soll angeblich wundersame entgiftende Fähigkeiten haben, die sich wiederum von Rezept zu Rezept unterscheiden. Nehmen wir etwa die Gurke: Wir haben den Test gemacht und drei beliebige Rezepte für Gurkenwasser gesucht. Jedes schrieb der Gurke eine entgiftende Eigenschaft zu, die sich von den anderen grundsätzlich unterschied: Im ersten Rezept hieß es, Gurken könnten Entzündungen mindern, laut dem zweiten waren Gurken in der Lage, überschüssiges Salz aus dem Körper zu schwemmen, das dritte Rezept versprach, das Gemüse sei gut zum Entwässern. Wer sich die Inhaltsstoffe einer Gurke anschaut, dem dürften schnell Zweifel kommen:

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Sie besteht bis zu ungefähr 97 Prozent aus Wasser, zu 0,2 Prozent aus Fett, zu 0,6 Prozent aus Eiweiß und zu 1,8 Prozent aus Kohlenhydraten. Den Rest bilden Stoffe wie Kalium, Kalzium, Magnesium, Eisen sowie diverse Vitamine in hauchzarten Mengen. Da könnte man im Grunde auch fast mit Leitungswasser entgiften.

Und selbst Hersteller rudern im Ernstfall zurück und geben zu, dass Detox eigentlich eine leere Worthülse ist. 2015 hat zum Beispiel das Landgericht Düsseldorf einen Teehersteller verurteilt, weil er Detox auf sein Produkt geschrieben hatte, dabei war „eine solche Wirkung [...] weder belegt noch als gesundheitsbezogene Angabe zugelassen“. Vor Gericht beteuerte die Herstellerfirma, Detox sei ein Kunstbegriff und jeder „normal informierte, aufmerksame und verständige Durchschnittsverbraucher“ würde sich wirklich gesundheitliche Veränderungen durch den Tee versprechen. Vielmehr sei die Bezeichnung Detox ein „Hinweis auf eine bestimmte Lebenseinstellung, die sich im Drange des derzeitigen Wellnesstrends insbesondere durch ein Streben nach innerer Ausgeglichenheit und allgemeinem Wohlbefinden auszeichne“.

Wenn man sich nicht gerade herunter hungert oder literweise Kochsalzlösung in den Darm pumpt, ist der Grundgedanke eigentlich kein schlechter: Auf sich zu achten, sich selbst etwas gutes zu tun und sich gesund zu ernähren hat viele Vorteile, die auch wirklich wissenschaftlich belegt sind. Und auch Fasten auf die richtige Art wirkt sich positiv auf den Körper aus. Doch dafür muss man nicht für das Detox-Label extra bezahlen. Hier ein paar simple und nach dazu völlig kostenlose Tipps:

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Trinken, trinken, trinken!

Wasser hilft mit am besten Giftstoffe aus dem Körper zu spülen, außerdem hält es etliche Stoffwechselprozesse in Gang und man hat weniger Hunger. Jeder hat es schon hundert Mal gehört, aber es stimmt halt auch: 1,5 Liter pro Tag müssen sein.

Obst und Gemüse jeden Tag!

Darmspülungen sind nichts gegen die Wirkung von Obst und Gemüse auf unseren Verdauungsapparat. Und sie halten nicht nur den Darm gesund.

Weniger Fleisch!

Damit nimmt man auch weniger tierische Fette zu sich, was Herz und Kreislauf gut tut.

Zucker reduzieren!

Auch bekannt als „leere Kalorien“ bringt Zucker eigentlich nichts außer Energie. Doch er ist in etlichen Produkten enthalten, oft sogar versteckt. So überschreiten viele regelmäßig die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Höchstmenge von rund 50 Gramm pro Tag (für Frauen, Männer dürfen etwas mehr). Vermeiden tut der Gesundheit und der Figur gut.

Beweg dich!

Ob ein Spaziergang an der frischen Luft oder eine Runde laufen im Wald: Körperliche Aktivität tut gut und hilft nicht nur gegen Übergewicht. So heißt es im Bundesgesundheitsdatenblatt von 2012 beispielsweise, dass Sport ähnlich gut gegen Depressionen helfen kann wie Medikamente. Außerdem soll Bewegung vorbeugend wirken gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Knochenerkrankungen und wahrscheinlich sogar gegen diverse Krebserkrankungen.

Wer trotzdem fasten möchte, zum Beispiel um eine Linderung eines medizinischen Leidens wie Neurodermitis, Allergien oder Asthma zu erzielen, sollte sich von einem Arzt oder einer Ärztin beraten und betreuen lassen.

Diese Tipps mögen viele schon oft gehört haben und sie klingen lange nicht so sexy wie Detox. Manchmal ist aber eben doch am besten, was sich schon lange bewährt. Auch wenn es sich nicht auf einen hippen Begriff herunterbrechen lässt, mit dem man sogar Taxifahrten vermarkten könnte.

Saskia Gerhard ist freie Wissenschaftsjournalistin und arbeitet unter anderem für Zeit Online und den rbb. Sie hat selbst schon Detox-Kuren gemacht, nach dieser Recherche lässt sie jetzt die Finger davon.


Fotografie: Marcus Gaab, Matthias Weingärtner (Bild 1 & 3)