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Die Mindfulness des islamischen Gebets

Autor*in

Esra Ayari

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In ihrer Kolumne „Wenn der Schmerz bleibt“ teilt Esra Ayari ihren Schmerz zwischen Fremdzuschreibung und Selbstbestimmung, zwischen Rassismus und Akzeptanz, zwischen Stolz und Scham. Er macht es der Journalistin und Speakerin fast unmöglich, über andere Themen zu schreiben. Auch wenn sie es möchte. Esra studiert Linguistik im Master und lebt in Köln.

Stell dir vor, dass du mehrmals am Tag nur etwas für dich machst. Fünfmal, um genau zu sein. Stell dir vor, dass dir diese Zeit heilig ist. Dass du sie als festen Bestandteil deines Lebens siehst. Jetzt stell dir vor, dass du daran gehindert wirst und es problematisiert wird.

Hört sich verwirrend an? Das ist die Lebensrealität für viele Muslime. Das islamische Pflichtgebet sollen Muslime fünfmal am Tag verrichten. Dabei ist es egal, wo man ist, jeder Ort kann eine Gebetsstätte sein. Wichtig ist eine saubere Unterlage, dafür gibt es auch Gebetsteppiche to-go. Zudem ist Voraussetzung, dass man die rituelle Waschung vor dem Gebet durchführt. Dabei gibt es einen festgesetzten Ablauf.

Man wäscht sich die Hände, die Unterarme. Der Mund wird ausgespült, die Nase geputzt. Das Gesicht wird gewaschen, der Hals befeuchtet, sowie der Haaransatz, die Ohren und dann die Füße. Die rituelle Waschung ist die Vorbereitung auf das Gebet. Im besten Falle soll man die Zeit im Gebet nutzen, um Gott näher zu kommen: in eine Art Kommunikation treten. Für einen gläubigen Menschen ist diese Zeit unvergleichlich wertvoll. Sie sich zu nehmen, ist aber manchmal gar nicht so leicht.

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Oft scheitert es daran, dass es keinen Ort gibt, an dem man das Gebet verrichten kann. Sei es die Universität, die Arbeitsstelle oder die Schule. Oft schaut man dann nach, ob es in der Nähe eine Moschee gibt, manchmal reicht dann aber auch eine ruhige Ecke in der Uni-Bibliothek oder ein Büro, das leer steht. Oft möchte man dann auch nicht gesehen werden. Weder bei der rituellen Waschung, noch beim Gebet. Es ist immer ein Versteckspiel, obwohl es nichts zu verbergen gibt. Der Anblick einer betenden Person kann aber in Zeiten der inflationär genutzten antimuslimischen Stimmungsmache verstörend wirken. Das wissen Muslime. Man möchte nicht auffallen, gleichzeitig aber auch den Pflichten nachgehen. Ein Teufelskreis.

Manchmal hat man Glück und es gibt in Institutionen einen Raum der Stille, ein Andachtsort. Wie es unter anderem an vielen Universitäten der Fall ist. Doch während dort zu Recht Meditationen und Gebete anderer Religionen ausgeführt werden können, wird das islamische Gebet oft problematisiert. Wie beispielsweise an der Universität Duisburg-Essen.

Dort gibt es einen Raum der Stille, der als Rückzugsort deklariert wird, in dem aber das islamische Gebet nicht verrichtet werden darf. Die Vorgeschichte ist noch brisanter. Im Februar 2016 hatte das Rektorat der Universität überraschend die seit Jahren bestehenden islamischen Gebetsräume auf dem Campus Duisburg und in den Gebäuden des Essener Campus geschlossen und darauf hingewiesen, dass es in unmittelbarer Uni-Nähe Gebetsmöglichkeiten in Moscheen gebe. Die nächste Moschee ist aber 5 Kilometer weit entfernt. Später wurde ein Raum der Stille eingerichtet. In diesem Raum waren Gebete gestattet, eben nur nicht das islamische Gebet. Es wurde sogar Wachpersonal eingestellt, das mehrmals am Tag nach dem Rechten schauen sollte.

Wie kann man diese Verbindung dann noch genießen? Wie den Moment der Verbeugung im Gebet gewissenhaft ausführen, wenn das medial ausgeschlachtete Bild einer betenden Person immer wieder mit Negativität und Unterwerfung verbunden wurde? Manche lassen sich nicht davon beirren, manche entwickeln eine Trotzhaltung und manche ziehen sich zurück. Doch geht dabei nicht die Essenz des Gebetes verloren?

Trotzdem hadere ich oft damit. Ich weiß um die Relevanz des Gebets, wie gut es mir tut und doch denke ich dann: lieber nicht jetzt, lieber nicht hier. Ich bete später nach. Ich möchte das Gebet nicht zu einem Streitpunkt machen, ich möchte nicht eine Säule meiner Religion zu einem Schauort des Hasses machen. Mache ich es mir zu leicht? Vielleicht. Aber es schmerzt.

Das Gebet ist so viel mehr für mich. Ich erinnere mich zurück. Es gibt Gebete, die in der Gemeinschaft synchron verrichtet werden. Als Kind war das sehr aufregend. Im Masjid der Moschee standen wir in der hinteren Reihe und guckten zu, wie sich alle zeitgleich bückten, zeitgleich Phrasen murmelten und niederknieten. Eine unglaubliche Atmosphäre. Alle handeln gleich, alle sind gleich. Und obwohl wir manchmal laut wurden, ließen sie sich nicht aus der Ruhe bringen. In dieser Hinterhofmoschee, getrennt von der Außenwelt, die nahezu alles an ihrer Religion kritisiert, gingen sie ihrem Gebet nach. Ruhig und still.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Noch immer beten sie, noch immer spielen die Kinder um sie herum und noch immer schaffen sie diese Atmosphäre. Trotz allem. Es scheint, als hätten sie alles drumherum ausgemacht. So wie es sein sollte.

Fotografie: Liam Mulligan