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Collage: Wie viel Training braucht unser Selbst?

Improv Collage 2

Auch wenn viele Guides etwas anderes behaupten: Wie lange man eine neue Gewohnheit wirklich wiederholen muss, um sie zu verinnerlichen, steht nicht fest.

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Die 66-Tage-Regel, von der oft die Rede ist, hat ungefähr die Aussagekraft eines Tageshoroskops: kann stimmen, muss aber nicht. Tatsächlich beruht sie auf einer Studie aus Großbritannien mit knapp hundert Teilnehmer*innen.


Hilfreicher könnte da eine andere Forschungserkenntnis sein. Die Zeit, die wir brauchen, um uns an etwas zu gewöhnen, scheint viel mehr von unserem Umgang mit dem Training abhängig zu sein. Wer Situationen an konkret geplante Handlungen koppelt, soll höhere Erfolgschancen haben. Als wichtig gilt dabei, sich auf die nahe Zukunft zu konzentrieren. Übergeordnete Ziele sind zwar löblich, der Sache aber nicht unmittelbar zuträglich.

Improv Collage 11
Improv Collage 11
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So kann es gelingen, nicht mehr zu snoozen oder nach dem Aufstehen zu meditieren. Doch wie gewöhnen wir uns nicht nur an den frühen Morgen, sondern an uns selbst?


Blicken wir dafür auf eine unvollständige Liste der Selbstfindungsroutinen großer Köpfe im Wandel der Zeiten: Zur Wahl stehen 120-Dollar-Body-Vibes-Sticker (bekannt geworden durch Gwyneth Paltrows Goop) oder morgendliches Calisthenics (Lieblingsfrühsport von Le Corbusier), ein Workout mit Eigengewicht, das irgendwann zu Bewegungskombinationen wie dem „Single arm pull up to handstand“ führen kann.


Wer Kontostand und Muskeln nicht direkt belasten will, kann auch erstmal nur nachdenken: zum Beispiel über Nietzsches rätselhaft fordernden „Werde, der du bist“-Ansatz, der sich auch hervorragend als Titel für einen Achtsamkeits-Podcast eignen würde. Vor allem klingt er so, als würden wir uns im Kreis drehen.


Doch der US-amerikanische Philosophieprofessor und Autor John Kaag hilft beim Übersetzen: „It is not about separating ‘you’ off from everything else. And it is not about existing as you truly ‘are’ for all time“, schreibt er in „Hiking With Nietzsche“, einer Ich-Erzählung über seine eigene Reise mit dem Philosophen.


„The self does not lie passively in wait for us to discover it. Selfhood is made in the active, ongoing process, in the German verb werden, 'to become'.”

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Konzept, Fotografie + Make-up: Taner Tumkaya

Design + Styling: Laura Gerte  Model: Aworo @ Iconic Mgmt                        


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Vielleicht ist also einfach gemeint, dass man trainieren muss, um sich daran zu gewöhnen, wer man ist. Womit wir doch wieder beim Anfang der Selbstfindungsroutinen wären, denn die Tools für dieses Training zeigen wir gerne. Vor allem, wenn sie so Instagram-tauglich sind wie Body-Vibes-Sticker, Calisthenics um 5:45 Uhr oder ein Buch, auf dem irgendwas mit Nietzsche steht.


Das Werden an sich komplett abzubilden, ist dagegen viel schwieriger. Vermutlich, weil es schnell sehr persönlich wird. Schließlich geht es nicht mehr nur um unsere Optimierung, sondern den Kern unseres Selbst. Und wie der aussieht, ist nun mal ungewiss, solange er im Werden ist.

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Hier setzen die „live sculptures“ von Taner Tumkaya an. Er beschäftigt sich mit dem Prozess des Werdens, indem er ihn nicht nur in den Vordergrund stellt, sondern zur Grundlage seiner Arbeit macht.


Das Projekt begann Tumkaya in Los Angeles: Mit Tänzer*innen, einem Oberthema und dem passenden Material wurde über mehrere Stunden hinweg vor der Kamera improvisiert. In Berlin setzt er den Ansatz mit Mode fort. Die Looks entstehen beim Fotografieren. Struktur, Material und Bewegung verschmelzen.

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„When you're working as a creative, you have to nurture your own creativity“, sagt Designerin Laura Gerte über die gemeinsame Arbeit. Mit ihr entwickelte Tumkaya die erste Berliner Ausgabe mit dem Namen „Collage“. „You have to exercise it like a muscle.“


Diese Art von Training erfordert Offenheit, weil man eine Richtung festlegt, aber noch kein Ziel.


Vom Fokus auf den Prozess können wir uns abschauen, dass es gar nicht so wichtig ist, wie optimiert unsere täglichen Routinen sind. Ganz im Gegenteil: Es braucht nicht einmal eine große Kulisse, um zu zeigen, wie man wird, was man ist.