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Beauty-OP: Vom Formen des Selbst – wir haben zwei Frauen zum „Schönheitsurlaub“ nach Prag begleitet

Autor*in

Anna Kuecking

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Sabine und Viola haben bestimmte Zonen ihres Körpers satt. Also fahren sie, organisiert von dem deutschen Familienunternehmen Beautymax, nach Prag, um sich dort in einer Schönheitsklinik operieren zu lassen. Schönheitsurlaub nennt man das.

Dolmetscherin Frau Muissus steht an Sabine Herolds Rücken und rollt ihr den schneeweißen Krankenhauskittel nach oben. Der tschechische Chirurg Dr. Pilka, kurzes, braunes Haar, rechteckige Brille, sitzt leicht gebückt auf einem Stuhl vor Sabines Bauch und sagt: „Kommen Sie bitte näher.“

Sabine will einen Schritt nach vorne gehen. „Sie hält mich fest“, sagt sie zur Dolmetscherin. „Das mache ich immer“, witzelt Frau Muissus, entspannt ihren Griff am hochgerollten Kittel und lässt die Patienten ihren Schritt auf den Arzt zugehen.

Sabine Herold bekommt heute ihre Bauchdecke gestrafft. Von Dr. Jan Pilka, dessen Ruf ihm in Facebookgruppen und Beauty-Foren in ganz Europa vorauseilt. Am Abend zuvor hatte Sabine von den lobenden Beschreibungen der Frauen erzählt, den unzähligen, positiven Erfahrungsberichten aus Prag.

Jetzt sitzt Dr. Pilka vor ihr, jongliert einen schwarzen Edding zwischen den Fingern, setzt an und zeichnet geradewegs von Brust bis Venushügel einen dicken Strich auf Sabines Bauch. „Die Seiten werden wir absaugen, damit wir die Taille zaubern können“, erklärt er beiläufig auf Tschechisch und skizziert weitere Linien, die an die geometrischen Ränder von Da Vincis vitruvianischen Menschen erinnern. „Hier müssen wir die Muskulatur zusammennähen. Und der Bauchnabel wird versetzt.“

Sabine sagt: „Ich habe vollstes Vertrauen.“

Das Behandlungszimmer liegt im sechsten Stock eines Altbaus in Prag, es ist 7:30 Uhr, draußen klart langsam der Himmel auf. Die sterilen Räume der Schönheitsklinik Aesthevita sind hell erleuchtet, einige Krankenschwestern laufen in kniehohen Socken und knappen Röckchen durch die Flure, ein molliger Pfleger mit tätowierten Armen in lila Overall drapiert die Laken von Sabines OP-Bett.

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Seit den Geburten ihrer drei Kinder fühlt Sabine sich, wie sie sagt, „belästigt“. Von der überflüssigen Haut an ihrem Bauch und den lästigen Kratern darin.

Wenn alle Hurra schreien und im Sommer ins Freibad stürzen, nisten sich abwertende Stimmen in ihren Kopf. Jahrelang lief sie keinen Meter ohne Handtuch um den Bauch, weil sie nicht wollte, dass jemand ihre Haut daran sieht.

„Ich schäme mich”, sagt sie. Und: „Ich habe keine Lust mehr, mich zu schämen.”

Von einer Freundin hört sie von Beautymax, einem deutschen Familienunternehmen, das mit der Schönheitsklinik Aesthevita kooperiert. Im Monat vermittelt es rund 100 Frauen und Männer, ihr Äußeres im Ausland operativ zu verändern.

Schönheitsmakler Volkan Senguel, gegelte Haare, grau melierter Anzug, weißes Hemd und Sneakers, sitzt ein paar Räume von Sabine entfernt in einem Behandlungszimmer neben einer riesigen Plastikorchidee. Die Beine laissez-faire überschlagen, die Hände ineinander verschränkt.

Stolz erzählt er die Unternehmensgeschichte, sie beginnt vor Jahren in der Türkei, im Urlaub: „Meiner Mutter und mir liefen immer wieder Touristen mit Verbänden über den Weg. Da sagten wir: Komm, machen wir ein Business daraus.“

Gemeinsam fuhren sie daraufhin mit dem Auto durch die Türkei, dann durch Tschechien, recherchierten Ärzt*innen und Schönheitskliniken. „Wie kleine Gallier mit Herzblut“, sagt Senguel, 2007 war das.

Mittlerweile ist das Unternehmen einer der führenden Anbieter in Europa, mit fünf festangestellten Mitarbeitenden und einigen Freelancer*innen. „Wir sind natürlich viel persönlicher als Onlineplattformen wie Check24. Die sind einfach unsexy. Wir leben den Beruf.“

Senguel, seine Frau, seine Mutter – alle haben schon Eingriffe vornehmen lassen. Und so arbeiten sie: Klient*innen rufen zumeist mit klaren Vorstellungen bei der Hotline von Beautymax an, dann wird nach Bildern ihrer Körper gefragt. Das Unternehmen sendet sie an die Kliniken im Ausland, die erstellen ein Angebot. Haben die Klient*innen sich entschieden, werden sie an eins der Hotels vermittelt, die mit Beautymax seit Jahren zusammenarbeiten.

„Die kennen es schon, wenn da Menschen mit Verbänden aufschlagen“, sagt Senguel. Gegebenenfalls kann man zur Abholung vom Flughafen einen Chauffeurservice dazu buchen, ansonsten gibt Beautymax Hilfestellungen bei der Anreise.

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„Heute ist das ein Lifestyle“, sagt Senguel. Früher hätten sich Klient*innen anonymisiert gemeldet, diese Zeit sei lange passé.

2015 wurden allein in Deutschland 10% mehr ästhetisch-plastische Eingriffe vorgenommen als noch im Vorjahr. Seit sich dem Thema Schönheits-OPs medial angenommen wurde, sei die Toleranz deutlich gestiegen, so Senguel, ein ständig Suchender nach neuen Schönheitshypes.

„Ich bin ja immer so ein bisschen Trendsetter“, kommentiert er. Sein neuester Coup: Penisverlängerungen. Vier- bis fünfmal pro Woche fahren Männer nach Prag, um ihrem besten Stück ein paar Zentimeter hinzuzufügen. Meistens kommen sie aus Deutschland, Italien, Nordafrika und Indien, aus Ländern, in denen starre Männlichkeitsbilder wirksam sind.

Es überrascht da nicht, dass in Deutschland die Entfernung einer vergrößerten Brust, dem sogenannten Männerbusen, Top-1-OP bei Männern ist.

Ob Chirurg Dr. Pilka seinem gerade geborenen Sohn in ein paar Jahren eine Penisverlängerung erlauben würde? „Wenn er objektive Gründe dafür hätte, könnten wir das ausdiskutieren.“

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Ein paar Stunden später. Die historische Straßenbahn hält in der Tylovo náměstí, einer hübschen Straße an einem ovalen Platz mit zierlichen Bäumen. Gegenüber, vor dem Clarion Hotel Prag, parkt ein gelber Honda Jazz, deutsches Nummernschild.

Zwei Frauen steigen aus und laufen ineinander gehakt durch den Eingang des Hotels zur Rezeption. „Viola Schmitz“, sagt die Jüngere. Ihren Kopf umhüllt ein flauschiger Pelz am Kragen des Mantels. „Wir haben ein Zimmer bestellt.“

Wohin mit dem Auto? „Das kann kurz stehen bleiben. Dann müsste es später ins Parkhaus, das ist etwas weiter weg und kostet 22 Euro die Nacht. Oder Sie suchen sich einen Parkplatz“, antwortet ein Mitarbeiter ungerührt. Erstmal das Gepäck aufs Zimmer.

„Papa?“

Klaus Schmitz kommt in die Lobby.

„Wir holen das Gepäck.“

Viola, Klaus und Katrin Schmitz sind eine freundliche Familie. Mutter und Tochter wirken wie enge Freundinnen, Vater Klaus hat einen trockenen Humor, womit er sie mehrmals zum Lachen bringt. Sie kommunizieren ehrlich miteinander – so, wie man nur kommuniziert, wenn man sich der gegenseitigen Liebe und Wertschätzung sicher sein kann. Egal, was kommt.

Viola schwingt sich zwei dm-Mehrwegtüten um die Schultern, eine süße Tüte mit Schokolade („Die ist für Viola“, sagt Katrin) und eine gesunde Tüte mit Obst („Die ist für mich“). In ihrem Zimmer angekommen, lehnen sich die drei über einen Stadtplan von Prag.

„Wo ist denn das Parkhaus?“

„Hier.“

„Das ist aber weit weg.“

„Also der Mitarbeiter würde das Auto für uns zum Parkhaus fahren.“

„Wollen wir das?“

„Zweiundzwanzig Euro die Nacht, das ist viel.“

„Ob man das Auto auch vor der Klinik parken kann?“

„Oder in der Innenstadt?“

„Dann wird's abgeschleppt. Es gibt fast keine Parkplätze, meinte der Mitarbeiter.“

„Lieber nicht das Risiko eingehen.“

Die Familie geht wieder runter zur Rezeption. Der stoische Mitarbeiter macht wieder zweideutige Angaben zu Parksituation. Alle sind verwirrt.

Die Familie geht vor die Tür. In dem Moment kommt Sabines Mann Thomas vor dem Hotel an, der sie nach Prag begleitet hat.

„Wie geht es Sabine?“

„Super. Die ist total fit.“

„Parkt ihr im Parkhaus?“

„Ja. Der Mitarbeiter hat unser Auto hingefahren.“

„Okay, dann machen wir das auch.“

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Thomas verschwindet im Hotel und geht auf sein Zimmer. Er sagt, er habe kein Problem mit dem Körper seiner Frau, er hofft, dass sie sich nach Operation wieder wohler fühlt. „Ich kann sie schon verstehen, sie hatte vor den Geburten der Kinder einen anderen Körper. Den will sie wiederhaben.”

Vor dem Eingang des Hotels ist der fahrfreudige Mitarbeiter derweil nicht zu finden. Als er dann heraustritt und sich eine Zigarette anzündet, sagt Klaus: „Da ist er ja. Holt schnell eure letzten Sachen raus.”

„Haben wir eigentlich eine Versicherung, wenn er fährt?”, fragt Katrin.

„Nee.“

„Kannst du nicht doch fahren, Klaus?“

„Wir machen Bilder vom Auto. Dann lassen wir ihn fahren. So sind wir sicher.“

Klaus nimmt sein Handy aus der Tasche und schießt ein paar Fotos der Felgen. Der Mitarbeiter huscht hektisch um eine Ecke und fällt fast über eine hüfthohe Vase mit üppigem Busch im Eingangsbereich, die daraufhin bedrohlich hin und her pendelt. Dann fährt er das Auto durch die Stadt zum Parkhaus.

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Am nächsten Morgen steht Viola oberkörperfrei vor Dr. Pilka. Ihr Rücken ist von hübschen Muttermalen überzogen, ihre Figur entspricht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal vollends. Wieder übersetzt Dolmetscherin Frau Muissus simultan zu Dr. Pilka. „Seien Sie maßvoll“, sagt sie, „und bedenken Sie, dass Sie das Gewicht auf dem Rücken tragen müssen.”

Dem Team sei es wichtig, so Frau Muissus, Menschen in den Beratungen zurechtzuweisen, sollten sie keine realen Vorstellungen von den Operationen haben. „Es gibt ästhetische und technische Limits”, sagt Dr. Pilka. Er reicht Viola behutsam zwei unterschiedlich große, wackelige Beispielsilikonbrüste von einer akkuraten Auslage auf einem Glastisch neben seinem Schreibtisch.

Sobald sie sich für ihre Größe entschieden habe, könne operiert werden. Die Körper ihrer Freundinnen veränderten sich in der Pubertät und ihrer nicht, sagt Viola. Seitdem leide sie unter ihrem A-Körbchen. „Mir hat nie ein Bikini gepasst.” Ihr Vater scherzte immer: „Zieh’ einen Badeanzug an.“

Was Viola fehlt, kann sie klar benennen: Weiblichkeit. Was das eigentlich ist, kann sie nicht genau sagen.

Manchmal wurde die Verunsicherung um ihren Körper weniger, der Gedanke an größere Brüste ging aber nie weg. Weihnachtsgeld, Geburtstagsgeld und das, was vom Gehalt übrig blieb, sie legte es für die Operation zur Seite. Was sie sich davon erhofft? „Ein besseres Körpergefühl und mehr Selbstbewusstsein.”

Die Eltern finden ihre Tochter gut, wie sie ist. Einverstanden mit der Operation, Katrin? „Naja. Aber sie ist erwachsen. Und sie leidet.“ Die Mutter beobachtet Viola, die sich vor dem großen Spiegel hin und her dreht. Sie taxiert ihren Körper genau. Abwechselnd hält sie die verschieden großen Implantate vor ihre Brüste.

„Wenn ich schwanger werde, werden meine Brüste dann noch wachsen?“, fragt sie und wendet sich Dr. Pilka zu. „Ja”, antwortet er. „Und wenn ich Brustkrebs hätte, könnte man den noch ertasten?“ „Ja”, antwortet er. Und fügt vage hinzu: „Aber die Mammographien werden durch die Operation unangenehmer.”

Viola fällt es schwer, sich für ihre neuen Brüste zu entscheiden. Damit sie eine bessere Vorstellung bekommt, sucht Dr. Pilka auf einer Spiegelreflexkamera Bilder von Frauen mit ihren bereits eingesetzten Implantaten.

In Sekundenschnelle huschen auf dem winzigen Display unzählige Bilder von nackten Menschen vorbei, in den Behandlungsräumen der Klinik oder in ihren Betten, mit dicken Verbänden und gelblich schimmernder Haut von der Wundsalbe.

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Bis zu fünf Menschen operiert Dr. Pilka am Tag. Von September bis Mai ist High Season für Schönheitsoperationen. Fettabsaugen, Brust-OPs und Bauchdeckenstraffung sind die beliebtesten Eingriffe. „Wenn die Leute einmal da waren, kommen sie potenziell häufiger”, sagt er.

Sabine und Viola haben zu Hause niemanden von den Operationen in Prag erzählt. Sie haben keine Lust, sich von Leuten „Sprüche anzuhören”. Sabine sagt: „Ich möchte nicht, dass über das, was für mich positiv ist, negativ gesprochen wird.” „Menschen reden einfach viel”, findet Viola. Ihre Mutter denkt: „Menschen sind neidisch.”

Die Tochter kann sich im Behandlungsraum immer noch nicht entscheiden, da sagt Katrin: „Holen wir Klaus rein. Kann ihr Vater reinkommen?” Dr. Pilka nickt ab, Frau Muissus holt Klaus aus dem Wartezimmer in den fein ausgeleuchteten Besprechungsraum. Er nickt allen freundlich zu und als er weiß, worum es geht, stemmt er die Arme nachdenklich in die Hüften und sagt: „Na, du wirst wahrscheinlich die Größeren nehmen.”

„Ach, Männer”, sagt Katrin.

Klaus guckt pikiert: „Nee. also, ich hab’ am liebsten ne Hand voll, das reicht mir.”


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Dr. Pilka wird langsam ein bisschen ungeduldig, „Wissen Sie”, sagt er, „ich bestelle einfach beide Größen. Du hast ja noch ein wenig Zeit, dich zu entscheiden.”

Dann belehrt er Viola über die Vorsichtsmaßnahmen nach der Operation: Kein Alkohol, fleißig Antibiotika einnehmen, zehn Tage selber nicht ans Steuer.

„Wie ist das denn dann eigentlich mit dem Anschnallen auf der Rückfahrt?” fragt sie. „Naja, dein Leben ist natürlich wichtiger als die Implantate”, antwortet der Chirurg. Alle lachen. Dann macht er den Anruf beim lokalen Silikonlager in Prag.

Chirurg Dr. Pilka hatte übrigens noch keinen operativen Eingriff: „Ich bin ein Mann. Ich brauche das nicht.”

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In den nächsten Tagen wird Viola nicht aus dem Bett aufstehen können. Sie hat schlimmere Schmerzen als sie dachte. Ihre Eltern umsorgen sie im Hotelzimmer des Clarion Hotels, bis es nach Hause geht. Nach einer Woche sind Violas Schmerzen verschwunden.