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Wo hören unsere Körper auf?

Autor*in

Ringo Lukas

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Ringo Lukas schreibt über Cultural und Social Studies. Seine thematischen Schwerpunkte sind die menschliche Existenz in einer technologisierten Umwelt, digitale Realitäten und die Wechselwirkungen zwischen Identität und Fiktion. Sein Fokus liegt auf der Untersuchung der Selbstkonstruktionen in den sozialen Medien. In diesem Essay beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich Augmented-Reality-Filter als digitale Erweiterungen auf unser Selbstverständnis auswirken.

Die Manipulation des menschlichen Körpers und seiner Erscheinung erfüllt die verschiedensten kulturellen Funktionen. Ob durch Make-up, durch Schmuck oder andere Selbstmodifikationen: Physiognomie und Gestalt des Menschen können in ihren Eigenschaften beschrieben, Besonderheiten verstärkt oder versteckt werden. Er wird de- und rekonstruiert.

Die äußerliche Beeinflussung kann politischen, ideologischen und spirituellen Zwecken ebenso dienen wie der Optimierung individueller Charakteristiken zur Erstellung eines Wunschkörpers. Immer aber handelt es sich bei all dem auch um die Beschäftigung mit Identität und Identifikation.

Was jedoch geschieht innerhalb dieser kulturellen Erörterungen, wenn die Grenzen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Komponenten verblassen? Wenn der grundsätzliche Begriff dessen, was als menschlich beschrieben wird, neu ausgehandelt werden muss?

Diese Frage bildet den Ausgangspunkt vieler transhumanistischer Debatten, die vor allem auch in ihrer ethischen Dimension stark aufgeheizt sind – zum Beispiel im Rahmen der Visionen technologische Perfektionierung des biologischen Körpers und des Human Enhancement durch CRISPR, einer Methode zur Genmodifzierung: Es handelt sich dabei eine molekulare Schere, mit der wir DNA an ganz bestimmten Orten zerschneiden können.

In ihrem Werk The Rise of a Culture of Life bringt die Wissenschaftstheoretikerin Karin Knorr Cetina das transgressive, also grenzüberschreitende Wesen der aktuellen Diskussionen auf den Punkt: „The notion of the individual subject has itself become redefined in current thinking and is now less divided from nature or non-human objects than it was before“. Die Grenzziehung zwischen historisch so etablierten Konzepten wie dem der Natur, der Kunst und der Künstlichkeit wurde lange nicht mehr derart tiefgreifend problematisiert.

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Nun haben technologische und kulturpolitische Entwicklungen schon immer auch den Weg in ihre popkulturelle Erörterung gefunden.

Ein Beispiel dafür sei die rasante Zunahme an Science Fiction-Produktionen auf US-amerikanischer wie auf sowjetischer Seite seit Ausbruch des Kalten Krieges genannt: Eine Phase der internationalen Beziehungen, in der sowohl die vergangenen Schrecken der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki und der gefürchtete Kontrollverlust des Menschen über die Technologie als auch die gewaltige Aussicht auf die Expansion ins All im Raum standen, in ihrer Wahrnehmung jeweils noch verstärkt durch die beidseitige militärische Aufrüstung – das Imaginieren des Zukünftigen etabliert sich historisch immer wieder als Strategie der persönlichen und kollektiven Gegenwartsbewältigung.

Zum Transhumanismus* einige Jahre später lassen sich ähnliche popkulturelle Kontemplationen verorten, etwa in Form von Manga- und Animeserien wie Neon Genesis Evangelion, Battle Angel Alita und Blame!.

Und natürlich nehmen an diesem Diskurs heute auch die Sozialen Medien teil. Eine große Rolle spielen dabei unter anderem Instagrams Augmented Reality Face Filters, von denen viele die in den Bereich des Machbaren vorrückende technologische Modifikation des Körpers zum ästhetischen Vorbild zu haben scheinen.

Eine Neuerung ist hier, dass Nutzer*innen nicht nur am Konsum der AR-Produkte teilhaben, sondern diese als Effects Creators selbst programmieren und zur Verfügung stellen können, was für den Ausbau des medialen Dialogs ein wichtiger Schritt ist.

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* Als Transhumanismus kann die philosophische Aushandlung dessen beschrieben werden, was die Grenzen des traditionell als menschlich Verstandenen potentiell überkommt oder ausweitet. Ein Beispiel hierfür ist die technologische Erweiterungen des Körpers.

Die an die Filter gekoppelten Formen der Identitätskonstruktion, die noch immer eine der wichtigsten Funktionen des Mediums darstellt, gestalten sich komplex und scheinen häufig gegenläufig oder gar paradox. Die Manipulation der eigenen Äußerlichkeit kann als Technik der Individualisierung und damit als Mittel der Konstitution einer Einzelidentität gelesen werden – aber auch als kollektive Identifikation mit verschiedenen sozialen, ethnischen oder ideologischen Gruppierungen.

So entsteht eine interessante Dynamik zwischen Individuum und Kollektiv, die Ähnlichkeiten mit der Wirkungsweise der Filter aufweist: Einerseits lässt die Popularität der digitalen Extensionen die Annahme zu, dass diesen Technologien eine Vervielfältigung abwechslungsreicher Diskurse rund um Schönheitsideale, Perfektionsideologien und das (performative) Wesen der Identität eigen ist.

Allein schon durch die schiere Masse der sich vernetzenden Subjekte scheint dies unumgänglich. Dabei entsteht folglich eine heterogene, selbstbewusste Gruppe.

Andererseits aber provozieren die selben Programme samt Funktionsmechanismen den Verlust der Relevanz individueller Körperlichkeiten, da vereinfachende, vereinheitlichende Technologien zur Erstellung von „facial landmarks“ benötigt werden, die die Filter und Masken erst überpersonell anwendbar machen.

So entsteht eine scheinbar homogene Gruppe. Einzelne Mitglieder besitzen keine persönlichen Eigenschaften, weil diese durch programmierte Oberflächen ersetzt werden. Das Individuum bewegt sich somit gleichzeitig zwischen Selbsterweiterung und Selbstreduktion.

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Dabei ist es egal, von welchem Gesichtspunkt aus die Modifikationen betrachtet werden. Sie fördern durch ihren unmittelbar visuellen Charakter doch die Bewusstmachungsprozesse, die das Potenzial haben, traditionelle Denk- und Handlungsmuster als gleichfalls modifizierbare kulturelle Konstrukte zu erkennen und zu hinterfragen.

Das Spannungsfeld zwischen Individuum und Kollektiv, Erweiterung und Reduktion blockiert die Bewusstmachung dabei aber nicht. Vielmehr zeigt es, wie vielschichtig die Diskussion um Identität ist.

Insgesamt kann das vorerst digitale Durchbrechen der Begrenzungen des Körpers also als Vorstufe einer Transzendenz** gefasst werden. So ist es möglich, die dem Körper eingeschriebenen repressiven Codes zu orten und zu lösen. Spekulatives Imaginieren und Erkennen kann Anstoß sein für kulturellen Veränderungswillen.

Hannelore Bublitz benennt das in ihrer Arbeit zum Archiv des Körpers sehr präzise: „Angeordnet mit Objekten der Konsumwelt, präsentiert der Körper, was er noch nicht ist.“

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** Der Begriff der Transzendenz entstammt philosophisch-theologischen Diskursen. Transzendent ist, was außerhalb der regulären Sinneswahrnehmung liegt, den Bereich des Bekannten, des Erkannten also überkommt. Den Gegenbegriff dazu bildet die Immanenz. Als immanent gilt, was sich aus sich heraus erklärt und sich nicht übersteigt.

Dazu muss gesagt werden, dass Instagram als eine Plattform, die Inhalte und deren Distribution reguliert, keine neutrale Basis für freie kulturkritische Diskurse darstellt. Indessen ist es bezeichnend, dass ebendiese Diskurse sich dennoch genau dort positionieren, wo dominante, einengende Identitäts- und Verhaltensideale stark vertreten sind und wo das Befolgen von Regeln belohnt wird.

Eine Konfrontation scheint sich anzubahnen. Die förderliche Auseinandersetzung mit neuen Körperlichkeiten und den sich konstant erweiternden Territorien der Selbstgestaltung stellt kein belangloses soziales Randphänomen mehr da.

Tatsächlich steht sie als Angelpunkt aller zukunftsgerichteten Problemstellungen zu Rolle, Möglichkeit und Verantwortung des Menschen im Rampenlicht des digitalen Zeitalters – und bedient sich mit wachsendem Selbstverständnis an allen verfügbaren Räumen, Mitteln und Materialien.

Sie wird sich Gehör verschaffen.

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Bilder aus dem Tutorial von Jimmy Gunawan