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Ist der Liebesbrief tot? Bullshit, sagt Amours Solitaires

Autor*in

Lia Haubner

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Amoursolitaire Iloveyou 01 Ig

Niemand schreibt mit der Hand und wartet drei bis fünf Werktage auf die Antwort – auch Morgane Ortin nicht. Als sie sich im Februar 2017 unsterblich in Romeo – ja, wirklich Romeo – verliebt, tippen sie. Das Smartphone ist ihr Papier, Nachrichten ihre Verbindung.

Wer sich liebt, der schreibt sich: nach dem Aufstehen, vor dem Einschlafen und immer dann, wenn das Vermissen unerträglich wird.

Noch vor einigen Jahrzehnten hätte man sich solche Liebesbeteuerungen in der Schublade aufgehoben, denkt Morgane. Sie macht Screenshots, doch es ist nicht dasselbe. Sie verschwinden in Alben, zwischen Essensfotos, Urlauben und Alltagsgegenständen, werden banal.

„Ich wollte sie als Erinnerung festhalten“, sagt sie. Warum also nicht auf Instagram? Wenn es etwas Digitales gibt, das einem gerahmten Bild auf dem Schreibtisch nahe kommt, dann ist das der eigene Feed. Der Gedanke, Worte als Kunst in die Bilderflut zu setzen, die dort für gewöhnlich gepostet wird, gefiel ihr. Der Account Amours Solitaires – einsame Lieben – war geboren.

Allein blieb Morgane damit nicht lange. Freund*innen und Follower*innen schickten ihr Screenshots von eigenen Nachrichten- und SMS-Verläufen, im darauffolgenden Sommer bekam die heute 28-jährige Französin an die hundert Nachrichten – täglich. Morgane gab Interviews und machte aus dem Account ein Buch. „Ich bin so etwas wie die Dirigentin dieses Liebesorchesters geworden“, sagt sie augenzwinkernd.

„Der erste Screenshot, den ich bekommen habe – ,Moi sur toi, moi dans toi, moi le roi’ – hat mich wirklich überrascht. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass jemand so etwas Intimes mit jemanden, den er oder sie überhaupt nicht kennt, teilt“

Vielleicht liegt die Faszination auch genau darin: Gefühle teilen funktioniert getippt einfacher. Deshalb sind sie aber nicht weniger wertvoll, meint Morgane. Bilder sind der neue Text, Technologie macht uns einsam, Schreiben ist keine Kunst mehr, wenn es auf unseren Smartphones stattfindet – alles Vorurteile, die man so oder so ähnlich schon einmal gehört hat.

„J'ai pas vu le temps passer en toi.“
Eine Nachricht auf Amours Solitaires

Trotzdem stirbt der Liebesbrief so nicht aus, meint Morgane: „Der Unterschied ist die zeitliche Komponente. Früher hat man alles, was möglich war, in einen Brief gepackt, weil es schon mal zehn Tage dauern konnte, bis er die Person erreicht hat, für die er bestimmt war. Du konntest nicht schnell noch etwas anpassen. Nachrichten auf dem Smartphone sind viel direkter. Sie sorgen für mehr Interaktion und ein bisschen weniger Fantasie. Wir sind immer erreichbar, immer ,online'. Fantasie entsteht aber vor allem aus der Distanz.“

Gehen uns also Gefühle verloren? Das Gegenteil sei der Fall, sagt sie: „Mein Projekt hat mittlerweile eine übergeordnete Ebene bekommen. Ich betrachte es als eine Art Kampf: die ,Revolution der Liebe’. Mit Amours Solitaires arbeite ich daran, dass wir lernen, Gefühle wieder zuzulassen – in einer Gesellschaft, die glaubt, dass Weinen einen Zeichen von Schwäche ist. Mein Ziel ist, dass die Bedeutung von Sensibilität validiert und aufgewertet wird. Ich habe den Eindruck, dass wir eher dazu angehalten sind, sie zu unterdrücken. So verlieren wir aber das, was uns menschlich macht.“

Das klingt groß, doch warum sollte es das nicht sein? Die Gefühle dahinter sind es auch. Amours Solitaires erinnert uns daran, dass Liebe in Textform manchmal einsam, manchmal romantisch, manchmal heiß, manchmal witzig, manchmal banal und manchmal schmerzhaft ist. Egal, ob wir einen Stift oder ein Smartphone in der Hand halten – wir bleiben dieselbe Person.

Fotografie: Nada Benanni