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Wer verstehen möchte, wie lange Wimpern und Skin-Care unsere Zeit erklären, muss Jia Tolentino lesen

Autor*in

Lia Haubner

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Das hier ist eine Geschichte über Wimpern und Hautcremes als Ausdruck von Zeitgeist, doch wer den Zusammenhang verstehen möchte, sollte zuallererst Jia Tolentinos Arbeit kennenlernen. 

Die Staff Writerin des New Yorkers hat im August 2019 ihr erstes Buch veröffentlicht. „Trick Mirror: Reflections on Self-Delusion“ ist eine Sammlung von neun Essays. Heraus sticht „Always Be Optimizing“, in dem sie Beauty und Kultur, Wellness und Feminismus, Shapewear und gesellschaftliche Erwartungen, Moral, Optimierung und Kapitalismus analysiert.

Ja, alles auf einmal.

Ja, das geht und liest sich noch dazu hervorragend.

Denn Jia Tolentino erklärt das Streben nach einem Idealbild aus weiblicher Perspektive, ohne die Beschäftigung mit den Tools dafür abzuwerten. Ein Detail spielt dafür eine große Rolle: Sie nimmt sich selbst davon nicht aus und trotzdem einen Blickwinkel ein, der die Diskussion erweitert.

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„Trick Mirror: Reflections on Self-Delusion“ von Jia Tolentino

Dass sie genau das beherrscht, demonstriert ihr New-Yorker-Essay von 2017 – oder, wie die Überschrift proklamiert: „The Year Skin-Care Became A Coping Mechanism“. Weil sich unser Zeitgeist darin manifestiert, sich generell nicht zu sicher zu sein, ist die ritualisierte Pflegeroutine am Abend ein willkommener Rettungsanker.

„Ich war mir nicht sicher, ob ich immer noch Hautpflege kaufte oder eine psychologische Schutzdecke oder wie viel Unterschied es dabei überhaupt noch gab“, schreibt Tolentino dazu. Zehn Schritte, die die Haut kontrolliert auf die Nacht oder den Tag vorbereiten? Immerhin kann man sich darauf verlassen.

Sie fasst so nicht nur ein diffuses Gefühl in Worte, sondern auch die Kombination aus Verfügbarkeit und Marketing, das den Hype um Skin-Care und ein „natürliches Erscheinungsbild“ erst kreierte. Das Ergebnis ist weniger revolutionär als es scheint. Denn, so Tolentino, der vermeintliche Fokus auf eine neue Form dieser Natürlichkeit sei trotz aller Pro-Aging-Brandingversuche einfach nur ein anderes Wort, das die Industrie nun anstatt „jung“ benutzt.

Genau hier setzt „Always Be Optimizing“ an.

Natürlich ist das, was aktuell gerne als „natürlich“ wahrgenommen wird, nämlich kaum. Zumindest, wenn es um das Bild der idealen Frau geht, mit dem sich Tolentino beschäftigt.

Der Unterschied von #nomakeup zu jeder Menge Make-up besteht für sie darin, dass die Features, die Mascaras und Primer traditionell übernehmen, jetzt gerne mal direkt ins Gesicht eingearbeitet werden: „(…) Ihre Wangenknochen oder Lippen werden aufgefüllt, Linien geglättet und die Wimpern alle vier Wochen von Fachpersonal verlängert, das dafür einzelne Wimpern mit Kleber aufträgt“, schreibt sie über das Bild der idealen Frau.

Den Zusammenhang von Selbstoptimierung, Patriarchat und Kapitalismus erklärt sie mit der Ästhetik von Instagram, mit Shapewear, mit Kale und nicht zuletzt mit sich selbst. So gnadenlos, dass es schmerzt.

Und so beobachtet sich Tolentino selbst und stellt ihre überraschend intensive Beziehung zu ihrem Gesichtsreinigungsprodukt in Frage. Im Barre-Kurs, einer Kombination aus Fitness und Ballett, denkt sie, dass sich sie und die Frauen um sie herum doch eigentlich verdammt glücklich schätzen sollten, privilegiert genug zu sein, um über das ökonomische Kapital zu verfügen, sich solche Workouts leisten zu können – die wiederum auf einen Look abzielen, der sie dazu befähigen wird, mehr soziales Kapital aufzubauen.

Doch da ist auch dieser Berg Arbeit, der damit verbunden ist und niemals aufhört, weil das Idealbild, nach dem hier gestrebt wird, schon systembedingt nicht erreichbar sein kann: „Man wird für den Erfolg im Kapitalismus und im Patriarchat belohnt. Es gibt sogar Belohnungen dafür, bereit zu sein, an seinen Bedingungen zu arbeiten. An der Oberfläche gibt es nur Belohnungen“, erklärt Tolentino dazu.

„Die Falle sieht wunderschön aus. Das Licht ist gut. Sie heißt uns willkommen.“
Jia Tolentino

Zu einem ähnlichen Schluss kommt New York Times-Autorin Taffy Brodesser-Akner, die 2018 Gwyneth Paltrow getroffen hat, um zu analysieren, welche Faktoren ihre Wellness-Marke Goop so erfolgreich und damit auch millionenschwer machen.

„Wir sind für den Rest unseres Lebens dazu verdammt, nach mehr zu streben“, resümiert Brodesser-Akner. „Nach mehr zu streben bedeutet zu leiden. Wellness bedeutet zu leiden. Sobald wir mehr tun, sehen wir, wie unendlich die Möglichkeiten sind – und ohne sie zu leben kommt uns auf einmal unmöglich und schrecklich vor.“

Tolentinos Essay-Titel „Always Be Optimizing“ klingt da fast schicksalhaft. Allerdings ohne Aussicht auf Erlösung. Die verspricht sie aber auch gar nicht.

Wenn Tolentino nüchtern feststellt, dass uns weder der Feminismus in der Form, wie er aktuell Marketing-freundlich in den Alltag integriert wird, noch die Technologie, die uns zur Verfügung steht, dabei hilft, will sie – genau wie die Ärztin Dr. Jen Gunter, die Goop in regelmäßigen Abständen brillant auseinandernimmt – die Beschäftigung mit Beauty und Wellness nicht abtun.

Denn wenn uns, wie sie anführt, selbst Widerstand gegen ein System vor allem zu den Bedingungen des Systems präsentiert wird, geht es nicht um ein Verurteilen individueller Verhaltensweisen und Coping-Mechanismen.

Viel mehr plädiert Jia Tolentino dafür, neben dem Fokus auf das Idealbild einer anderen, großen Utopie Raum zu geben: den eigentlichen Vorstellungen nach der abgeschlossenen Selbstoptimierung. Welche das sein sollen? Am Finden und Optimieren der Antwort auf diese Frage darf man selbst arbeiten. Hinweise und Literatur-Inspiration liefert „Always Be Optimizing“ aber genug. Und genau das macht Tolentinos Essay so lesenswert.

„Always Be Optimizing“ in „Trick Mirror: Reflections on Self-Delusion“ von Jia Tolentino, hier erhältlich. Eine Leseprobe gibt es im Guardian.


Fotografie: Serafin Gerber