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All The Things I'll Never Have: Wie Konsum das Gefühl von Zugehörigkeit beeinflusst

Autor*in

Katharine Spatz

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Die Eltern meiner Freund*innen haben oft Dinge gesagt wie „Geld ist nicht alles“. Das war leider gelogen.

Ohne aus einem Haushalt zu kommen, in dem bemerkenswerter Wohlstand oder jemals große Geldnot geherrscht hätte, war die Abwesenheit von Kapital unterschwellig immer ein Thema.

Dass das an der Kombination des Gerichtsvollzieher-Berufs meines Vaters mit der Herkunft meiner Mutter aus der kommunistisch-regierten Tschechoslowakei liegen könnte, ist wahrscheinlich. Der Gedanke daran, dass irgendwann kein Geld mehr da ist, das einem Sicherheit – oder Freiheit – gewährleistet, ist ohne Frage schmerzhaft.

Es galt immer, diesen Zustand um jeden Preis durch Fleiß und Fürsorge – oder Vorsorge? – zu vermeiden. Auch wenn mir der Erfolg dieser Strategie eine sorglose Kindheit und Jugend beschert hat, scheint es mir beinahe unmöglich, sie nachzuahmen. 

Als wäre ich schon längst ein erfundener Avatar, fühle ich mich von Artikeln nahezu umkreist, die mir Zugehörigkeit und Identität versprechen. Die Möglichkeit zu haben, seinen Charakter aus Outfits, Aktivitäten und Medien vervollständigen zu dürfen, ist ein Privileg und fühlt sich erst einmal sehr spielerisch, sogar erstaunlich befriedigend an. Schließlich wirkt es möglich, im Handumdrehen zu seinem Most Amazing Self werden. 

Fast jedes Objekt, das wir käuflich erwerben, kann als Statussymbol betrachtet werden, es muss kein Porsche und keine Rolex mehr sein.

Statussymbole treffen heute viel komplexere Aussagen als „Ich habe Geld“. Dazu herrscht großer, persönlicher Druck auf Kaufentscheidungen. Stimme ich tatsächlich mit der Brand und deren Werte überein? Kann ich mich mit den Models in der Kampagne identifizieren? Die Antworten darauf werden sozialen Plattformen öffentlich, denn wer sie nutzt, verfügt auf einmal über eine Art Publikum, vor dem man sich darstellen und diese Form seines Selbst auch rechtfertigen will.

Wer es sich leisten kann, trägt nicht nur äußere Werte und Geschmack nach außen, sondern auch innere Überzeugungen und Haltung. Langfristige Wünsche und Ziele, auf die es sich zu sparen lohnen würde, ersetze ich im Sekundentakt durch Instant-Gratification-Käufe. Aber wieso ist mir ein roter Badeanzug wichtiger, als endlich mal nach New York zu fliegen oder mein 11-jähriges Macbook zu ersetzen? Ich kaufe es mir auch selbst einfach besser ab, dass ich die bin, die ich sein will, wenn ich teure Stiefel trage. Und deswegen möchte ich welche haben. Sofort.

Aber nach der siebten Sofort-Überweisung kann ich mir kein Ticket mehr leisten, dass mich langfristigen Wünschen und Zielen näher bringt.

Dabei schreien die Geschehnisse unserer Zeit nach Verzicht, Enthaltsam- und Nachhaltigkeit und das aus gutem Grund. Doch Verzicht fühlt sich oft nach Mangel an und etwas nicht zu bekommen, schmerzt beinahe so unerträglich, wie etwas Liebgewonnenes zu verlieren. Es scheint schwer zu fallen, verschwenderische Gewohnheiten abzulegen, die man zu gerne und zu einfach auch als Self-Care durchgehen lassen kann.

Der leere Kontostand zwingt mich dazu. Am Ende des Geldes beginnt wohl der Charakter, denke ich. Aber auch der Schmerz.

Wenn die Mittel zum Mitmachen ausgehen, folgt das Zurückwerfen in den privaten Kosmos, in dem die bunten Möglichkeiten der Selbstoptimierung ausgeblendet werden und man gezwungen ist, mit dem zu arbeiten, was schon da ist.

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Nachdem der ersten Herzschmerz über das Nicht-Mehr-Kaufen-Können überwunden ist, rücken die Dinge in den Vordergrund, die man wirklich braucht. Und die, die man wirklich will.

Und man beginnt vielleicht, zu verstehen, dass das letzte Hemd sowieso keine Taschen hat und all die Hemden, die davor gekauft werden wollten, spaßiger Zeitvertreib sind, aber nichts bedeuten. Vor allem nicht für die beste Version des eigenen Selbst.