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Aberglaube trotz Unglaube: Ich glaube nicht an Gott – aber an die Rituale meiner Vorfahren

Autor*in

Rea Mahrous

„Komm, setz dich, ich nehm dir das böse Auge ab“, sagt meine Mama, zeigt zum Sofa und drückt mir einen Kuss auf die schmerzende Stirn. Eigentlich sagt sie das nicht mal so, denn im Griechischen gibt es ein eigenes, ganz offizielles Verb für das, was man tut, wenn man jemandem das böse Auge abnimmt: ξεματιάζω, wörtlich übersetzt „entaugen“, sinngemäß also „enthexen“.

Ily Aberglaube Collage 02

Aber zurück zu meinen Kopfschmerzen, die sind nämlich – zumindest in Griechenland – das erste Symptom des bösen Auges. Mama geht in die Küche, holt die Kilopackung Kallas-Salz, streut sich eine gute Prise in die linke Handfläche und fängt mit dem Gebet an. Drei mal sagt sie das Vaterunser flüsternd auf und streicht dabei mit dem rechten Zeigefinger kontinuierlich kleine Kreuze durch das Salz. Ist diese Prozedur vorbei, gibt sie mir etwas Salz in den Mund, der Rest wird über meine Schulter geworfen.

Der Aberglaube besagt: Wenn während des Betens gegähnt wird, ist die Hexerei wirklich da. Je nachdem, ob nur die betende Person gähnt oder die verhexte gleich mit, fällt das Auge entsprechend mild oder stark aus. Dabei muss das Verhextsein gar nicht immer auf Boshaftigkeit zurückzuführen sein. Ein böses Auge kommt auch durch zu viele Komplimente oder ungehemmte Bewunderung zustande – weshalb meine Oma in jedem ihrer BHs ein kleines schützendes Auge eingenäht hatte. Diese kleinen, blauen Glasaugen sollen böse Blicke und Projektionen abwehren. Schaffen tun sie das nicht immer, weshalb man in Griechenland zusätzlich spuckt.

Ily Aberglaube Collage 01

Spucken, das tut die Person, von der ein „Fluch“ ausgehen würde. Reflexartig passiert das zum Beispiel bei Babys, weil die Selbstkontrolle erwachsener Menschen beim Anblick eines Miniaturformats schnell mal aussetzt. Und weil Babys meist Extreme auslösen – extreme Zuneigung in high-pitched Tonlagen oder extreme Abneigung –, so fangen sie schnell den ein oder anderen bösen Blick ein. Also „spuckt“ man das Kind eben an, um es davor zu schützen. Das ist dann gar kein richtiges Spucken, sondern mehr ein akustisches Nachahmen, das nach „ftu ftu ftu“ oder „tfu tfu tfu“ klingt (je nachdem wie deine Familie halt so spuckt). Wer das einmal laut liest, versteht womöglich die Analogie. Der Ursprung des Spuckens ist nicht ganz klar, allerdings gibt es eine für mich sehr plausible Erklärung: Der Speichel soll in dem Fall Weihwasser darstellen und so zusätzlichen Segen bieten. Bei griechisch-orthodoxen Taufen wird das Kind schließlich auch komplett in ein Wasserbecken eingetaucht.

Während ich das schreibe, merke ich, wie absurd das klingen muss für Menschen, die ohne diese rituellen Kleinigkeiten aufgewachsen sind. Für mich sind das Automatismen, die ich schön finde und die niemandem schaden. Und ja, ich mache es wirklich jedes Mal. Ich habe meine Strategien entwickelt, Personen sprichwörtlich anzuspucken, ohne dass es jemand merkt. Nicht umsonst sind meine engsten Freund*innen bisher unverletzt geblieben, wenn ich bei ihnen war, MERKT IHR WAS?

When you believe in things
That you don't understand
Then you suffer
Superstition ain't the way
Ily Aberglaube Collage 03

„Wenn du an Dinge glaubst, die du nicht verstehst, dann wirst du leiden“, singt Stevie Wonder, nach eigenen Angaben gläubiger Christ, in “Superstition”. Prinzipiell gehe ich da mit: Man sollte alles und jeden hinterfragen, und zwar immer. Das heißt allerdings, dass ich auch das Hinterfragen hinterfrage: Warum und was hinterfrage ich hier eigentlich? Reflektiere ich Thesen und Praktiken, die einfach nicht mehr zeitgemäß sind? Die anderen oder mir gar schaden könnten? Oder hinterfrage ich lediglich, weil ich mich bewusst für etwas entscheiden will, um es nicht unmündig zu übernehmen?

Für mich sind diese kleinen Rituale, die meine Großeltern und Eltern an meinen Bruder und mich weitergegeben haben, eine ungefährliche Sache, die mir ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie schränken niemanden ein, sie tun niemandem weh. Das reicht mir auch schon, um mein Festhalten zu legitimieren. Neun von zehn Mal, wenn meine Mama sich Salz in die Hand streut, das Gebet flüstert und meine Stirn küsst, vergehen meine Kopfschmerzen. Ob das daran liegt, dass wir uns einfach 15 Minuten Ruhe nehmen und ich bewusster atme oder ob es wirklich eine höhere Macht gibt, die den Schleier von einem nimmt, sei dahingestellt. Fakt ist: Es tut gut.

Meine Mutter, die ein Leben lang Agnostikerin war und sich immer wieder hardcore Kant-ig auf den menschlichen Verstand beruft, nähert sich mit dem Alter übrigens wieder dem Glauben. Als ich sie frage, warum, antwortet sie: „Weil ich weiß, dass ich nicht für immer hier sein werde. Und wenn ich gehe, will ich, dass für dich und deinen Bruder gesorgt ist, also kann ich nicht anders, als in eine unsichtbare Kraft zu vertrauen.“ Wenn das nicht der schönste Grund ist, um an etwas zu glauben, das man nicht sehen kann, weiß ich auch nicht.

Illustration

Katharine Spatz