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A Sense Of Doom: Hilft uns Science Fiction, mit der Angst vor der Klimakrise umzugehen?

Autor*in

Ringo Lukas

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Aus Biomega von Tsutomu Nihei

Von Kaltem Krieg zu Klimakrise: In den letzten Jahrzehnten hat unsere Welt regelmäßig geopolitische Eskalationen erlebt, die das Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit des irdischen Lebens erschüttern konnten.


Die Vernichtung des Planeten – von Donna Haraway auch Terra, Gaia oder Terrapolis genannt, das Terrestrische nach Bruno Latour; die als natürlich verstandene Umwelt hat inzwischen unzählige Namen – durch anthropogene, also vom Menschen verursachte, hauptsächlich technologische Entwicklungen, die im Sinne des Fortschritts oft als inhärent progressiv verstanden werden, scheint einigen eine mögliche Zukunft.


Für andere, wie Jem Bendell und seine Deep Adapation, ist sie eine unumgängliche Gewissheit, die es nun zu akzeptieren und mit der es zu leben gilt.

Vor allem in Bezug auf die jüngsten klimapolitischen Realisationen jedenfalls scheint allen – abgesehen von einigen wenigen, leider sehr mächtigen Klimaleugner*innen – klargeworden zu sein, dass der aktuelle wirtschaftliche Kurs, der seit der industriellen Revolution strikt gehalten wird und der das allgemein als Natur Bezeichnete als rein passive Ressource für die menschliche Kultur versteht, baldmöglichst geändert werden muss, wenn eine Katastrophe verhindert werden soll; und es könnte dafür eben auch schon zu spät sein.

Woran liegt es also, dass die Alarmsignale im realpolitischen Diskurs so lange übersehen, geleugnet, ignoriert und verharmlost wurden? Von „Schockstarre“ ist die Rede, von dem verzweifeltem Versuch, die momentane soziale Organisation und damit die bestehenden Machtsysteme aufrechtzuerhalten, von einer kognitiven Dissonanz zwischen Erleben und Verstehen.

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Aus BLAME! von Tsutomu Nihei

Fakt ist: Die Unterdrückung des öffentlichen Diskurses führt immer wieder zur Relokalisierung der dringendsten, existenziellsten Fragen.

Aus dem Verlangen heraus, Gewissheit zu schaffen und das Unbekannte zu bändigen, entwickeln sich Imaginationen und Fiktionen, individuell wie kollektiv. Ganz konkret konnte das während des Kalten Krieges beobachtet werden, als das große Unwissen über die tatsächlichen geostrategischen Vorgänge sowohl auf amerikanischer als auch auf sowjetischer Seite dazu führte, dass die Zahl der popkulturell stark rezipierten Science Fiction-Produktionen in Film, Literatur und Kunst rasant zunahm – verschiedene Versionen der Zukunft wurden simuliert, um eine gegenwärtige Angst unter Kontrolle zu bekommen, um ein Instrument der Navigation zu schaffen.

Nach Eva Horn: „The twentieth century was under the spell of an apocalyptic vision that was claimed to be both absolutely real and quite close.“

Diese Fiktionen dienen dabei nicht nur der Gegenwartsbewältigung. Bis heute werden mögliche Welten sozusagen als Testläufe kreiert und auf spielerisch-experimentelle Weise erlebt, Katastrophen und Apokalypsen werden fiktional antizipiert, bevor die Bereitschaft zu realpolitischer Akzeptanz einer womöglich leidvollen Zukunft sich entwickeln zu können scheint. Somit eilen sowohl Science Fiction als auch Subgenres wie Cyberpunk der Gegenwart ihrer Entstehung häufig voraus. Bessere Möglichkeiten der Erfahrbarmachung der Zukunft gibt es auch kaum – zwar wurde in den letzten Jahren immer wieder betont, dass die Sprache als bloße Repräsentationsform überbewertet sei, dass es Zeit sei, sich wieder der Materie selbst zuzuwenden (vergleiche hierzu zum Beispiel Karen Barads Agentiellen Realismus oder die Akteure des New Materialism). 

Fiktionen aber, die die Zukunft in Angriff nehmen, haben kein in der Materie schon vorhandenes Repräsentiertes; sie stellen etwas dar, was es noch nicht gibt.

Narrationen dieser Art finden sich seit der global weitestgehend etablierten Akzeptanz des Faktes des Klimawandels in unübersehbarer Zahl: Climate Fiction – Cli-Fi – ist inzwischen ein stehender Begriff und vor allem vor dem Hintergrund der digitalen Vernetzung und der dadurch geförderten intersubjektiven, gemeinsamen spekulativen Fabulation (vergleiche Haraway: Staying with the Trouble) kaum eine Überraschung. Ästhetisch-philosophische Texte, postapokalyptische Rettungspläne und selbsthilfeartige Gruppenchats nehmen sich der verschiedensten Dystopien gleichermaßen an.

In dieser Hinsicht ist es umso interessanter, sich im Kontext der Klimakrise und ihrer Auslöser und Folgen (je nach Fokus Kapitalismus, Industrie, symptomatisch erstarkender Nationalismus etc.) auch jene Werke anzuschauen, die etwas zu verstehen und zu beschreiben versuchten, bevor es durch faktische Erkenntnis erhellt wurde. Dafür muss man mindestens 20 Jahre zurückgehen, zum Cyberpunk der 80er und 90er Jahre. Vor allem japanische Produktionen in Manga und Anime haben eine beeindruckende Weitsicht entwickelt, parallelisiert man ihre Inhalte mit den Debatten unserer Gegenwart.

Und auch im Cyberpunk können zwei gegenläufige Trends erkannt werden: So erstellen Neon Genesis Evangelion oder Ghost In The Shell Welten, in denen die Erde, die Natur, Terrapolis durch menschliche Aktion zwar in die Knie gezwungen, aber noch nicht zerstört wurde; die Hoffnung auf Rückkehr zum wie auch immer gearteten Ursprung scheint noch nicht ganz aufgegeben. In NGE ist bezeichnenderweise immer wieder vom Garten Eden die Rede. In anderen Werken, ganz besonders in Tsutomu Niheis Cyberpunkmanga Blame!, hat die nicht anthropogene Welt aufgehört zu exisitieren: Alles ist künstlich. Um ebendiese dystopisch-pessimistischen Weltentwürfe des totalen Anthropozäns soll es hier gehen.

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Aus BLAME! von Tsutomu Nihei

Nihei zeichnet in Blame! eine post-terrestrische Welt. Die Stadt, die sich selbst immer weiter ausbaut und die jede Form von nicht-künstlicher Umwelt (um das Wort natürlich zu vermeiden) begraben und verdrängt hat, wird zum Sinnbild dessen, was im Laufe des 20. Jahrhunderts The Great Acceleration getauft wurde; längst von ihrer Zweckhaftigkeit als sozialer Raum entfremdet, hat sie in ihren Ausmaßen die Erde überkommen und sogar den Mond in ihre Struktur integriert. 

Räumliche Konzepte wie oben oder unten werden durch künstliche Schwerkraft nichtig gesprochen, ein erreichbares Erdgeschoss, einen Grund gibt es ebensowenig wie Dach oder Himmel: Die Stadt als unendliche, postkausale Selbsterweiterung, in der soziale Organisation auf dem Level des Subjekts in ein Muster der Flucht und Migration, in ein verstecktes Hausen zurückgedrängt wird, während die Steuerzentrale in scheinbar unüberwindlicher, radikal depersonalisierter und feindseliger Anonymität ein nahezu mythologischer Ort bleibt. Die bezeichnenderweise oft mit drückender Sprachlosigkeit behaftete, klare Orientierung verweigernde Narration erinnert stark an den Diskurs der realpolitischen Gegenwart. Aber Nihei bewegt sich über diesen Abgrund hinaus.

In einer rein anthropogenen Welt neigt alles zu Perversion und Paradoxie. Trotz einer buchstäblich unendlichen Ausweitung des Raumes bleibt der Kampf um Territorium ein zentraler Aspekt des Alltags der Akteure. Menschliche Wesen in dieser Form gibt es nicht. Längst sind alle Körper transhuman erweitert, humanoide Konstruktionen, Cyborgs und Wesen aus Fleisch und Blut können beliebig reproduziert, geklont und mutiert werden, womit sogar der Tod belanglos wird. Längst hat die Technologie den Platz der Natur eingenommen und ihre Schöpfer, oder Schöpferinnen, zu Göttern gemacht.

Die megalomanische Stadt in Blame! wird in Base Reality und Net Sphere unterteilt, wobei erstere die physikalische Welt darstellt, die von einer Metaebene aus, der Net Sphere, kontrolliert wird. Alles, was in der physischen Realität geschieht, geschieht auf Befehl dieser zweiten Sphäre. Folglich handelt es sich um eine Fiktion der absoluten Automation, in der Programmierung und Code den Kern aller Dinge darstellen; wer an der Quelle sitzt, denen gehorcht die Welt. Betrachtet man in Abgleich dazu verschiedene Ausläufer der heutigen Globalisierung, die nach Latour in eine Plus-Globalisierung Docder Diversifikation und eine Minus-Globalisierung der Monopolisierung und Standardisierung ausarten können, so scheint sich in Niheis Dystopie Letztere abzuzeichnen.

Längst haben die Götter der neuen Welt ihren eigenen Fall hervorgerufen: Die technologischen, anonyme, apersonalen Entitäten, die das post-terrestrische Geschick in scheinbarer Objektivität inzwischen lenken, sind blind für das Subjekt, für das Lebendige, selbst wenn sie ihm die eigene Existenz verdanken. Gibt man die Handlungsmacht ab und dem Konzept des uneingeschränkten Wachstums Priorität, bleibt kaum noch Raum für anderes: Der Mensch, der sich selbst enthauptet; der Verlust von response-ability (vergleiche Haraway).

Doch in der Idee der Net Shere liegt gleichzeitig ein Lösungsansatz, macht sie implizit doch deutlich, dass Entwicklungen in der physischen Welt fast immer ein mentaler, kognitiver Stimulus vorangeht. Programmierungen und Codes sind letztendlich nichts anderes als Sprache. In gewisser Hinsicht verweisen Niheis Fiktionen also auf sich selbst: Sollen realpolitische Veränderungen herbeigeführt werden, so muss zuerst ein Wandel im Denken stattfinden. Mann muss es es in die Net Sphere deeschaffen. Und genau hierin liegt die Stärke von Science Fiction, Cyberpunk und anderen Zukunftssimulationen; sie können uns einen Eindruck des Untergangs erfahren lassen und uns vor die Entscheidung stellen: Wollen wir das? 

Visuals aus Blame!, Biomega und NOiSE von Tsutomu Nihei